Gewalt in Ägypten : Armee und Polizei verlieren zunehmend die Kontrolle

Scharfschützen auf Dächern und Menschen mit Macheten auf den Straßen: Die Gewalt in Kairo nimmt zu – auch in Wohnvierteln und einem Krankenhaus.
Mursi-Anhänger tragen Sarg-Attrappen durch die Menge und gedenken den Opfern der Proteste. © Louafi Larbi/Reuters

Die sechsspurige Gamaa-Brücke über den Nil ist immer noch mit Steinen übersäht, verkohlte Autoreifen liegen auf dem Asphalt. Normalerweise ist die Nilinsel Roda ein beschaulicher Ort mit schattigen Wohnstraßen und gemütlichen Teehäusern. In der Nacht zu Samstag jedoch erlebte das Viertel Manial einen Alptraum. Bis in die frühen Morgenstunden hallten Schüsse durch die Hausreihen. Wie Anwohner später berichteten, hatte sich eine Handvoll bärtiger Scharfschützen Zugang zum Dach der Moschee verschafft und schoss wahllos auf Passanten. Unten gingen Komplizen mit Maschinenpistolen, Macheten und Messern auf die Menschen los.

Ausgelöst worden waren die Straßenkämpfe, als eine Gruppe schwer bewaffneter Muslimbrüder von ihrem Lager vor der Kairo-Universität in Giza versuchte, über die Gamaa-Brücke auf das rechte Nilufer zu kommen, um an der amerikanischen Botschaft vorbei zum Tahrir-Platz zu marschieren. Als sich Einwohner von Manial ihnen entgegenstellten, eröffneten sie das Feuer.

"Das Schießen ging bis morgens früh um drei, als wenn denen niemals die Munition ausgehen würde", sagte einer der Augenzeugen. Polizei und Armee seien weit und breit nicht zu sehen gewesen. "Fünf Stunden lang ist uns niemand zur Hilfe gekommen", klagte der Anwohner. Seitdem sind Hausfassaden mit Einschusslöchern übersäht. Mindestens zwölf Menschen starben, sechs von ihnen durch gezielte Kopfschüsse – die bisher schwersten Straßenkämpfe in einem normalen Wohnviertel der ägyptischen Hauptstadt.

Tausende geschockte Bewohner folgten am Samstag dem Trauerzug für ihre getöteten Angehörigen und Freunde. "Die Muslimbrüder sind die Feinde Allahs", skandierte die Menge und "Wer wird uns die Rechte für unsere Kinder zurückgeben?". Den meisten stand das Entsetzen über das Geschehene ins Gesicht geschrieben. Die Geschäfte blieben geschlossen, an einem Laden hing ein Zettel für die Kundschaft, der 26-jährige Besitzer Abdallah Sayyed Abdelazim sei ebenfalls unter den Toten.

Nach Schilderungen der Menschen begann der Angriff Minuten nachdem der Chef der Muslimbruderschaft, Mohammed Badia, am Freitagabend im anderen Protestcamp der Islamisten rund um die Rabea al-Adawiya Moschee in Nasr City die Menge mit einer Brandrede aufgewiegelt hatte. "Sie behandelten uns wie Ungläubige, sie riefen 'Allah ist groß', während sie gleichzeitig auf uns schossen", zitierte AFP einen der Überlebenden. Ein Sprecher der Muslimbruderschaft dagegen bestritt, die Angreifer seien aus ihren Reihen gewesen. "Die Führer des Militärcoups wollen unser Ansehen beschmieren, indem sie Leute aus dem Sicherheitsapparat einsetzen, um auf Protestierende zu schießen", sagte er. 

Seit dem Militärputsch am Mittwochabend starben im ganzen Land bisher mindestens 30 Menschen und wurden über tausend verletzt. Auch für Sonntagabend haben beide Lager ihre Anhänger wieder zu Großdemonstrationen aufgerufen. Derweil verlieren Armee und Polizei immer mehr die Kontrolle über den Sinai. Bewaffnete zerrten am Samstag einen koptischen Priester aus seinem Auto, der gerade Lebensmittel einkaufen wollte, und erschossen ihn mit einer Salve aus einem Sturmgewehr. Zuvor hatten in der Provinzstadt El Arish auf dem Nordsinai radikale Islamisten den Sitz des Gouverneurs mit Maschinengewehren und Panzerfäusten erobert und die schwarze Al-Kaida-Flagge über dem Gebäude gehisst.

Im Internet meldete sich eine neue Extremisten-Gruppe mit Namen Ansar al-Sharia zu Wort. Man sammele Waffen und habe mit der Ausbildung der Mitglieder begonnen. Mohammed Mursis Absetzung, die Schließung von islamischen Satellitensendern und der Tod von islamistischen Demonstranten laufe auf eine Kriegserklärung gegen den Islam in Ägypten hinaus, hieß es in ihrem Gründungsmanifest. Säkulare Gruppen, Anhänger des früheren Präsidenten Hosni Mubarak, koptische Christen, Sicherheitskräfte und das Militär seien für die neue Situation verantwortlich. Sie verwandelten das Land in "einen Kreuzritter und ein weltliches Monster".

Was diese neue Eskalation bedeuten könnte, davon bekam in Kairo der Chef der Notaufnahme des Qasr al-Aini Krankenhauses in Manial einen ersten Vorgeschmack. 83 Verletzte waren hier am Wochenende eingeliefert worden, darunter 15 mit schweren Schusswunden. "Die anderen hatten Schrotkugeln im Leib, Stichwunden oder sind von Steinen getroffen worden", sagte der Arzt gegenüber der New York Times. Das Schlimmste aber sei gewesen, dass die Kämpfe auch innerhalb des Krankenhauses weitergingen. "Es gab Tote und Verwundete auf beiden Seiten. Jeder aber wollte den anderen endgültig fertig machen – und so haben sie sich selbst auf den Krankenstationen weiter geprügelt."

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

25 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

SA und Katar.

"Solange diese beiden Staaten ungehindert ihre Finanzstärke zur Fanatisierung und Indoktrinierung einsetzen können, wird das Problem nur grösser."

Und das können wir nicht verhindern, sondern nur auf einen Wandel von innen hoffen. Aber davon abgesehen: das Problem wird größer, wenn der Westen die Hände in die Hosentaschen steckt, und den Feinden der Islamisten Unterstützung verwehrt.

Die Begriffe Islam und Islamismus

sind sinnvoll um zwischen den Absichten und den verschiedenen Koraninterpretationen unterscheiden zu können. Neben dem politischen Islamismus existiert Islam als Religion - dem Millionen von Menschen angehören - auch in Deutschland. In Osnabrück kann man/frau (?) mittlerweile Islam studieren und sich zum Prediger ausbilden lassen.

Den Glauben als eine persönliche Angelegenheit aufzufassen stellt sich in dem Masse ein, indem eine Integration in eine Gesellschaft erfolgt ist.

Das Erdogan dieser Unterscheidung nicht folgt ist klar - das beweist doch nur das er Atatürk nie akzeptiert hat und gegensätzliches im Schilde führt.

Auch Tilman Nagel wird die Unterscheidung zwischen Islamisten und Islamgläubigen benötigen. Wobei Nagel von einer einzig gültigen Interpretation des Islam ausgeht. Dabei kommt er zu den von Ihnen dargelegten Schlussfolgerungen. Nur - es gibt keine islamische Amtskirche -
- und daher mindestens so viele individuelle Interpretationen wie Sterne am Himmel. .;)

Daher wird dringend eine sprachliche Unterscheidung benötigt.