Die ägyptische Armee hat den Präsidenten des Landes, den Islamisten Mohammed Mursi, entmachtet. Der Präsident des Verfassungsgerichts, Adli Mansur, soll vorläufig die Geschicke des Landes lenken, sagte Verteidigungsminister Abdel Fattah al-Sisi in einer Fernsehansprache.

Er kündigte zudem neue Präsidentschaftswahlen und die Aufhebung der im Vorjahr beschlossenen, von den Islamisten ausgearbeiteten Verfassung an. "Die Armee will nicht an der Macht bleiben", versicherte al-Sisi. Das Militär werde sich aus der Politik raushalten, könne aber nicht die Bewegungen des Volkes ignorieren, twitterte ein Augenzeuge. Der politische Fahrplan sei mit Politikern und anderen öffentlichen Personen beschlossen worden.

Einem Bericht der staatliche Zeitung Al-Ahram zufolge hat die Armee Mursi am frühen Abend mitgeteilt, dass er nicht mehr länger im Amt sei. Nach seiner Absetzung durch die Armee hat Mursi seine Anhänger über Twitter zum friedlichen Widerstand aufgerufen. "Die Ankündigung der Streitkräfte wird von allen freien Menschen zurückgewiesen, die für ein ziviles, demokratisches Ägypten gekämpft haben", teilte er über Twitter mit.

Der bisherige ägyptische Präsident Mursi ist nach seiner Absetzung durch das Militär am Mittwochabend an einen unbekannten Ort gebracht worden. Das teilten seine Helfer mit. Nach Ablauf des Ultimatums, das die Armee Mursi zur Beilegung des innenpolitischen Konfliktes gestellt hatte, war am späten Nachmittag ein Ausreiseverbot über Mursi sowie Führer seiner Muslimbruderschaft verhängt worden.

In Ägyptens Hauptstadt feierten die Menschen die Absetzung von Mursi als zweite Revolution. Auf dem Tahrir-Platz jubelten die Menschen über die Ankündigung des Militärs und zündeten Feuerwerksraketen, hupende Autokorsos kreuzten durch die Stadt. Bei Zusammenstößen zwischen Anhängern des entmachteten Mursi und Mitgliedern der Sicherheitskräfte sind mindestens vier Menschen getötet worden. Mindestens zehn weitere Menschen wurden nach Angaben der Sicherheitskräfte verletzt, als bewaffnete Anhänger Mursis den Sitz der Sicherheitskräfte in der Stadt Marsa Matruh im Nordwesten des Landes stürmten.  

Ägyptens Salafistenpartei Al-Nur hat die Entscheidung des Militärs verteidigt. Die staatliche Zeitung Al-Ahram zitierte den Generalsekretär der Partei mit den Worten: "Wir hatten einen Punkt erreicht, an dem ein Bürgerkrieg drohte." Die Anhänger Mursis wollten seine Entmachtung nicht hinnehmen. Ein Fernsehsender der Muslimbruderschaft stoppte die Übertragung, twitterte Ahram

Die ägyptische Zentralbank ordnete laut Staatsfernsehen die Schließung aller Geldinstitute im Land an. Am Donnerstag sollen sie aber für mehrere Stunden wieder öffnen. Die USA haben ihr Botschaftspersonal in Ägypten zur Ausreise verpflichtet. Nur "unentbehrliche Mitarbeiter" dürften in dem Land bleiben, teilte das US-Außenministerium in Washington mit.

Mursi hatte einen Rücktritt  wiederholt abgelehnt und das mit der Legitimität seiner Wahl begründet. Er ist der erste frei gewählte Präsident des Landes. Stattdessen bot er eine Regierung der nationalen Einheit zur Beilegung der Krise an. Mursis Sprecher Ajman Ali sagte, der Präsident sei bereit, im Kampf für die Demokratie notfalls auch zu sterben. Er ziehe den Tod einem schlechten Ruf in der Geschichte vor. Auch Vertreter der Muslimbruderschaft zeigten sich zum Märtyrertod bereit.

Bei den Protesten am Mittwoch starben mindestens 16 Menschen. Seit zweieinhalb Jahren ist Ägypten in Unruhe. Im Februar 2011 ist der langjährigen Staatschefs Husni Mubarak wegen Massenproteste zurückgetreten, daraufhin übernahm das Militär übergangsweise die Regierung. Vor einem Jahr trat Mursi als Sieger der ersten freien Präsidentschaftswahlen in Ägypten sein Amt an.

ZEIT ONLINE hat eine Twitterliste eingerichtet, die Berichte von internationalen Reportern sammelt. Reuters berichtet via Livestream vom Tahrir-Platz.