Ahmed Aref: Bevor Sie irgendetwas fragen, will ich sagen, dass Ägypten gerade einen Militärcoup erlebt! Eine einzige Person, Verteidigungsminister Abdelfatah Sisi, hat die Macht an sich gerissen.

ZEIT ONLINE: Aber am 30. Juni sind 30 Millionen Ägypter auf die Straße gegangen und haben diesen Coup lautstark gefordert.

Aref: In einer Demokratie kann keine Demonstration, so groß sie auch sein mag, ein ganzes System stürzen. In einer Demokratie sind Proteste dazu da, Meinungen zu artikulieren, nicht einen Staatsstreich aufzuzwingen. Außerdem waren es niemals so viele. Das Staatsfernsehen wie auch die privaten Medien haben das ganze ziemlich aufgebläht. Wir waren auch auf der Straße, wir waren sogar viel mehr, aber niemand hat berichtet.

ZEIT ONLINE: In den vergangenen Tagen sind Dutzende Menschen gestorben. Trägt die Muslimbruderschaft mit ihrem Aufruf "bis zur Rückkehr von Mohammed Mursi zu kämpfen" nicht eine Schuld an der Gewalt?

Aref: Das Militär, die alten Kader, wollen unseren friedlichen Protest in den Dreck ziehen. Sie lassen ihre Schergen auf uns los. Die Ägypter haben aber ein Anrecht auf Meinungsfreiheit.

ZEIT ONLINE: Fast die ganze Führung der Muslimbruderschaft wurde von der Polizei festgenommen. Die Justiz wirft Ihren Kollegen vor, auf der Bühne, unter der wir uns gerade befinden, zur Gewalt gegen Mursi-Gegner aufgerufen zu haben.

Aref: Was wir erleben ist das Gesicht einer Militärdiktatur. Unsere Politiker verschwinden lassen, unsere Fernsehsender schließen, unsere Häuser stürmen, unseren Privatbesitz beschlagnahmen, uns mit Panzern umzingeln, so geht nur eine Diktatur mit ihrem Volk um.

ZEIT ONLINE: Nach der Rede des zurzeit festgenommenen Vizevorsitzenden der Muslimbruderschaft Chairat al-Schater bei ihrer Kundgebung am letzten Freitag sind von hier aus aber Hunderte Demonstranten bewaffnet in die Innenstadt von Kairo marschiert. In dieser Nacht sind dort mindestens 26 Menschen gestorben.

Aref: Wir rufen nicht zur Gewalt auf, wir rufen dazu auf, unsere Legitimität zu verteidigen. Sie haben Schater und andere festgenommen, geschlagen, es gefilmt und den Medien zugespielt. Nichts, auch schlecht durchdachte Reden, legitimiert ein solches Vorgehen.

ZEIT ONLINE: Wieso verhandeln Sie nicht mit der neuen Führung, um eine Lösung zu finden? Sie können an den nächsten Parlamentswahlen teilnehmen und schauen, was das ägyptische Volk tatsächlich will. 

Aref: Wir haben zum Dialog aufgerufen, den haben sie alle abgelehnt. Nun sollen wir plötzlich mit denen sprechen? Kein Dialog, solange der gewählte und legitime Präsident Ägyptens Mohammed Mursi unter Hausarrest steht. Die Ägypter schauen sich das gerade an, und verlieren den Glauben an die Demokratie, das ist fatal.

ZEIT ONLINE: Wie definieren Sie Demokratie?

Aref: Ergebnisse an der Wahlurne, alles andere ist weder legitim, noch spiegelt es den Willen des ägyptischen Volkes wider.


ZEIT ONLINE:
Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle hat zum Dialog aufgerufen, wie viele andere Politiker aus dem Ausland auch. Gab es für Mohammed Mursi zwei Tage nach den Massendemonstrationen wirklich keine andere Wahl, als auf seine "unantastbare Legitimität" zu pochen?

Aref: Wir wollten reden, mit allen, aber wir hatten und haben die Vorbedingung gestellt, dass wir den gewählten Präsidenten und die vom Volk ratifizierte Verfassung schützen. Das haben alle abgelehnt, deswegen hatte Mohammed Mursi keine andere Wahl als klarzustellen, wer der legitime Präsident ist. In Deutschland wird die Bundeskanzlerin auch nicht gehen nur weil ein paar Millionen Demonstranten das fordern, das ist so im deutschen Grundgesetz geregelt.