Gegner von Präsident Mohammed Mursi schwenken auf dem Tahrir-Platz ihre Schuhe als Zeichen ihrer Verachtung, weil er einen Rücktritt ablehnt. © Mohamed Abd El Ghany/Reuters

Mohammad Mursi steht mit dem Rücken zur Wand. Die zum Teil gewaltsamen Massenproteste im ganzen Land und das Ultimatum der Militärführung könnten schon bald dazu führen, dass der erste frei gewählte Präsident Ägyptens sein Amt verliert und das wichtigste und größte arabische in bürgerkriegsähnliche Zustände abrutscht.

Der Mursi drohende Sturz nach nur einem Jahr zeigt allerdings auch, dass die hinter ihm stehende Muslimbruderschaft gescheitert ist. Die jahrzehntelang in Ägypten verbotene und verfolgte islamistische Bewegung hat es nicht geschafft, ihre 2011 erlangte Macht zu konsolidieren. Ihr Ziel, das Land nach ihren politisch-religiösen Vorstellungen dauerhaft umzuformen, stieß von Anfang an auf entschiedenen Widerstand in der Bevölkerung und beim alten Machtapparat.

Drei zentrale Fehler waren hierfür entscheidend:

Erstens hat es die Muslimbruderschaft versäumt, sich der Bevölkerung zu öffnen. Nach dem Sturz des Mubarak-Regimes im Frühjahr 2011 bemühte sich ihre Führung, durch die Gründung der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei (FJP) den politischen Arm der Organisation in eine Volkspartei umzuwandeln.

Tatsächlich gelang es der FJP, Mehrheiten zu organisieren und die Parlaments- und Präsidenten-Wahl zu gewinnen. Grund hierfür war allerdings vor allem, dass sie im Vergleich zu anderen ägyptischen Parteien trotz des langen Verbots über eine gute Organisationsstruktur verfügt.  

Keine Volkspartei

Eine Volkspartei wurde die FJP dennoch nicht. Anstatt möglichst viele politische Strömungen zu integrieren und eine offene Programmdebatte zu führen, hatte letztlich immer die Führung der Bruderschaft das Sagen. In diesem intransparenten Leitungsgremium hält eine kleine Gruppe ideologisch gleichgesinnter konservativer Pragmatiker um den stellvertretenden Führer der Bruderschaft, Kheirat al-Shater, die Zügel fest in der Hand. Liberal gesinnte Mitglieder wie Abdel Moneim Aboul Fotouh, der bei der Präsidentenwahl 2012 einen Achtungserfolg erzielen konnte, wurden sukzessive aus den Führungsgremien gedrängt.

Die mangelnde Bereitschaft der Bruderschaft zu Transparenz und demokratischer Öffnung spiegelt sich auch in der Regentschaft Mohammed Mursis wider. Der Präsident, der bis zu seiner Wahl im Volk weitgehend unbekannt gewesen war, versuchte oftmals gar nicht, der Bevölkerung seine Entscheidungen zu erklären. Dies paart sich mit seinem uncharismatischen Auftreten und einem eigenmächtigen, undurchsichtigen Führungsstil.

Zweitens ist es der Muslimbruderschaft nicht gelungen, das islamistische Spektrum in Ägypten zu einen. Die Bruderschaft wurde, ebenso wie ausländische Beobachter, vom Wahlerfolg der Salafisten überrascht. Bei der ersten freien Parlamentswahl Ende 2011 wurde die salafistische Nour-Partei ("Partei des Lichts") mit rund 22 Prozent der Stimmen die mit Abstand zweitstärkste Kraft. Seitdem wuchs ihre Anhängerschaft noch, und die Salafisten setzten sich zunehmend von der Bruderschaft und ihrer FJP ab.