Proteste in ÄgyptenIn Ägypten regiert der Hass

Die Armee provoziert Gewalt, die Liberalen schweigen: Ägyptens Revolutionäre stehen vier Wochen nach der Machtübernahme vor dem Offenbarungseid. Von Martin Gehlen, Kairo von Martin Gehlen2

Schwer zu sagen, was verstörender ist: das kaltblütige Massaker der Polizei und zivilen Scharfschützen an mehr als 70 Demonstranten der Muslimbruderschaft. Oder die abwiegelnden Erklärungen der liberalen politischen Klasse der sogenannten Zweiten Revolutionäre.

Der alte und neue Innenminister Mohammed Ibrahim bestritt zuletzt rundweg, dass seine Polizisten Pistolen und Sturmgewehre gegen die Muslimbrüder eingesetzt hätten. Zahlreiche Fotos beweisen das Gegenteil. Und die Nationale Rettungsfront, der Dachverband der säkularen Mursi-Gegner, ließ verlauten, die Muslimbrüder hätten sich die Attacke schlussendlich selbst zuzuschreiben. Sie könnten ja auch verschwinden und sich mit der Absetzung ihres Präsidenten abfinden.

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Das ist der neue, kompromisslose Ton, der in Ägypten angeschlagen wird. Keine fünf Tage ist her, dass der Chef der Armee Abdel Fattah al-Sissi vom Volk ein Mandat gegen "Terrorismus und Gewalt" einforderte. Er wusste, was er damit auslösen würde. Hunderttausende Demonstranten ließen anschließend mit Transparenten und Sprechchören keinen Zweifel daran, wie sie die Botschaft ihres neuen Idols in Uniform verstehen: Die Muslimbrüder sind nun allesamt Terroristen. Im apokalyptischen Kampf um die Zukunft Ägyptens kann es keine Kompromisse mehr geben.

Vier Wochen alt ist die sogenannte Zweite Revolution in Ägypten nun, schon steht Ägyptens liberale politische Klasse vor dem Offenbarungseid. Ihre zahllosen Splitterparteien sind auch zweieinhalb Jahre nach dem Sturz Mubaraks kaum mehr als leere Hülsen, die aus einigen Visitenkartenposten bestehen.

Keiner will die harte Basisarbeit machen, Gleichgesinnte werben, Mitgliedsbeiträge eintreiben oder gar die Diskussion eines Parteiprogramms organisieren. Jeder möchte auf dem Podium sitzen, Interviews geben und weitschweifig darüber klagen, dass man gegenüber dem wohlgeordneten islamistischen Lager keine Chance zur Selbstorganisation hat.

Im politischen Leben Ägyptens gilt dasselbe wie im Alltagsleben Ägyptens. Man kann in einer Gesellschaft auf Dauer nicht alles improvisieren und sich dann beschweren, dass man nicht vom Fleck kommt. Man kann keine plurale politische Öffentlichkeit aufbauen ohne harte beständige Arbeit. 

Die alten Mubarak-Seilschaften mischen wieder mit

Und so wundert es nicht, dass sich Teile der Bevölkerung und ihre politische Klasse lieber bombastischen Deklamationen und dämonisierenden Verschwörungstheorien hingeben, wie sie der Armeechef al-Sissi mit seinem Aufruf gegen den Terror als quasi messianisches Heilsangebot inszeniert hat.

Für einen Moment konnten die Ägypter die Misere ihres Landes vergessen. Die Unfähigkeit, die Straßen sauber zu halten, die eigene Bevölkerung effizient zu verwalten, die irrwitzige Korruption zu bekämpfen und die eigene Industrieproduktion so diszipliniert zu organisieren, dass sie international wettbewerbsfähig ist.

Und für einen Moment wurde überdeckt, dass das liberale Lager Ägyptens politisch und mental genauso wenig wie die vom Militär entthronten Muslimbrüder in der Lage ist, wirkliche Kompromisse zu organisieren, die berechtigten Interessen ihrer Kontrahenten zu respektieren und das Land in eine demokratische Zukunft zu führen. Stattdessen erlebt Ägypten nun ein neues Machtmonopol und ein System, in dem die alten Mubarak-Seilschaften wieder ungeniert mitmischen.

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Leserkommentare
    • Pereos
    • 28. Juli 2013 15:31 Uhr

    Tja man jubelt dem neuen "Führer"al-Sissi unkritisch und unreflektiert zu.
    Die Selbstberreicherung und Korruption werden blühen.
    Für Soziales uns Bildung gibt man nichts aus bzw. das Geld versickert in den Taschen der Beamten.
    Das islamismusproblem glaubt man mit Mord,Folter und Unterdrückung lösen zu können.

    Und hinterher wundert man sich über die einfache Bevölkerung, die von Hunger bedroht ist und bei der man keinen fuechten Käse auf Bildung legt und der man auch keine Schulen baut.
    Wie die Islamisten,die sich um die Armen als einzige kümmern von diesen massiven Zulauf erhällt.
    Nur weil die Menschen essen wollen, wählen sie die Islamisten.
    Das konnte ja niemand im korrupt-säkularen Ägypten ahnen!

    Daher Glückwunsch Säkulares Ägypten.
    Haben die Islamisten den Wagen in den Dreck gefahren,
    scheint man im Eiltempo das Land gegen den Baum zu fahren.

    Da hat sich die "2 Revolution" gründlich gelohnt....

    5 Leserempfehlungen
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    Der so plötzliche Sturz Mursis, die so plötzlich aufgeflammten Proteste gegen die Muslimbrüder und das brutale Einschreiten der Armee lässt vermuten, dass die Armee mit ihrem Armeechef Abdel Fattah al-Sissi auch im Interesse Dritter handelt.

    25/07/2013:
    MB erkennen nur Anhänger des alten Regimes und sich selbst als politisch bedeutend an. Sie erkennen nicht die realen Verhältnisse in Ägypten, weshalb sie keine Kompromisse eingehen, da die BEKÄMPFUNG DES ALTEN REGIMES für sie so wichtig ist!

    Über Monate verhandelte der EU Diplomat Leon mit der Opposition, Mursis Büro, den MB und der Armee. Einen Kompromissentwurf nahm Mursi im April nicht an.

    Einen Monat vor dem Sturz gab es ein Treffen zwischen Amr Moussa und Shater bei Ayman Nour, um eine Konfrontation zu vermeiden. Erfolglos.

    General Sisi bot Mursi ein REFERENDUM ÜBER DIE FORTSETZUNG SEINER PRÄSIDENTSCHAFT an.
    http://www.egyptindependent.com/news/special-report-how-muslim-brotherho...

    Starrsinn => Absetzung!

    Das Militär ließ die MB wochenlang demonstrieren, solange sie friedlich bleiben und das öffentliche Leben nicht behindern.

    Kompromisslos lehnten sie eine Beteiligung an der Übergangsregierung ab.

    Immer wieder provozieren sie Konfrontationen durch Straßensperren, Gang zum Tahrir oder Angriff auf Polizeisperren. 71% der Ägypter sind gegen diese Demos!

    27/07/2013: NYT: Die Muslimbrüder stellen sich als Opfer auf, anstatt sich ihren Fehlern zu stellen.
    http://t.co/t8ClYb9DVp

    Wie also beendet man diese sturen Proteste? Räumung ergibt gewaltsamen Widerstand.

    Bei 20% Zustimmung bereiten die MB ihre Zukunft außerhalb des Staates vor, der sie 80 Jahre lang existieren ließ.

    Dialog ist daher unmöglich.

  1. 2. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Kommentare, die die Angehörigen einer Religionsgemeinschaft pauschal zu diffamieren geeignet sind. Die Redaktion/ds

    11 Leserempfehlungen
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    Sie leben in z.B. Nordnigeria? Oder irgendwo in Deutschland? 'Soll ich froh sein?' Ja, sollen Sie. So froh, sich Ihre Hetze im pi-Style zu sparen. Sie schreiben über eine Weltreligion, als wär's eine hochinfektiöse Seuche.

    In Ägypten 'kam' die Muslimbruderschaft nicht, sondern sie war für Ewigkeiten verboten, trotz großer Anhängerschaft. (In einer Demokratie sind übrigens auch die Bürger, deren Glauben oder politische Überzeugung Ihnen nicht passen, Bürger mit den gleichen Rechten wie Sie) Mursi wurde ordentlich gewählt und mißbrauchte sein Amt für einen Verfassungscoup. (Ähnliches, nämlich Amtsmißbrauch zur Demokratieabschaffung, war auch in Ungarn zu sehen, Ihre Kritik daran muß ich wohl verpasst haben)

    Falls es Ihrer Aufmerksamkeit entgangen sein sollte: in Ägypten zerfällt durch Diktatur, Kleptokratie, eingeschränkte Bürgerrechte seit über 40 Jahren der Staat. Ein Merkmal von Staatszerfall ist, wenn 70 Menschen gezielt erschossen werden, ohne, daß die 'liberalen Kräfte' das für ein erschreckendes Demokratiedefizit halten. Martin Gehlen hat recht: 'Stattdessen erlebt Ägypten nun ein neues Machtmonopol und ein System, in dem die alten Mubarak-Seilschaften wieder ungeniert mitmischen.'

    Außer, daß ich nicht glaube, daß das Machtmonopol neu ist und die alten Seilschaften je längere Zeit nicht ungeniert mitgemischt hätten.
    .
    .
    .
    .
    Seien Sie froh, in Deutschland zu leben und schenken Sie sich Ihre Hetzerei. Die ist mehr 'Anfang' als die deutschen Muslime jemals sein könnten.

  2. 3. […]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Werbung. Danke, die Redaktion/jp

    • joG2.0
    • 28. Juli 2013 15:50 Uhr

    ....als wäre bereits vor der Wahl und Amtseinführung Mursis jedem Beobachter klar gewesen, dass eine Demokratie mehr braucht als eine einzige organisierte und bekannte Partei, die auch noch einen fanatischen Kern hat. Eine Wahl unter diesen Umständen war eine bösartige Farce und keiner kann sagen, er hätte in den Medien die Befürchtung nicht gelesen: One Man, One Vote, One time.

    Genau das zeichnete sich in den letzten Wochen Mursis ab.

    Von einem "Offenbarungseid" der Revolutionäre da zu faseln ist verantwortungslos.

    8 Leserempfehlungen
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    Wieso beweisen Sie nicht mal ihre Aussagen und belegen diese?

    Die MB hat sich in der Vergangenheit darauf beschränkt den nicht existenten Sozialstaat zu ersetzen und hat sich sozial engagiert, Lebensmittel an die hungernde Bevölkerung verteilt, für medizinische Versorgung gesorgt, Nachhilfe etc. Ihre hochgelobten säkularen Kräfte sind Kleptokraten, fühlen sich dem Allgemeinwohl nicht verpflichtet und setzen auf pure Unterdrückung!

    Man muss demokratische Wahlen und deren Ergebnisse akzeptieren auch wenn es einem nicht passt. Bei den nächsten Wahlen kann man dann mit einem alternativen Wahlprogramm um Stimmen werben, sich Mehrheiten suchen und schon sind die Muslimbrüder angewählt und in der Opposition. Das geht alles ohne Mord, Totschlag, Repression, Gewalt.

    Es hat sich in Ägypten gezeigt, dass die einzigen die an dem Demokratieprozess teilnahmen und ihre Möglichkeiten nutzen die islamischen Parteien waren. Die säkulare Opposition war unfähig zu verhandeln, war unfähig Kompromisse zu schließen. Einzig zu Boykott waren sie fähig, für Stillstand zu sorgen.

    Nun reagieren die alten Mächte wieder, das Militär, Kleptokraten und das ägyptische Volk wird wieder unterdrückt werden von einem allumfassenden säkularem Militärapparat.

    Da kann sich der gemeine Ägypter nun freuen.

    • joG2.0
    • 28. Juli 2013 16:56 Uhr

    ....die Art nicht richtig beobachtet, wie sie sich vor nur kurzer Zeit entfaltete, ein Nachlässigkeit allerdings, die ich nicht vor habe für korrigieren, weil man im Internet mit sehr wenig Aufwand das auch selbst kann.

  3. Wieso beweisen Sie nicht mal ihre Aussagen und belegen diese?

    Die MB hat sich in der Vergangenheit darauf beschränkt den nicht existenten Sozialstaat zu ersetzen und hat sich sozial engagiert, Lebensmittel an die hungernde Bevölkerung verteilt, für medizinische Versorgung gesorgt, Nachhilfe etc. Ihre hochgelobten säkularen Kräfte sind Kleptokraten, fühlen sich dem Allgemeinwohl nicht verpflichtet und setzen auf pure Unterdrückung!

    Man muss demokratische Wahlen und deren Ergebnisse akzeptieren auch wenn es einem nicht passt. Bei den nächsten Wahlen kann man dann mit einem alternativen Wahlprogramm um Stimmen werben, sich Mehrheiten suchen und schon sind die Muslimbrüder angewählt und in der Opposition. Das geht alles ohne Mord, Totschlag, Repression, Gewalt.

    Es hat sich in Ägypten gezeigt, dass die einzigen die an dem Demokratieprozess teilnahmen und ihre Möglichkeiten nutzen die islamischen Parteien waren. Die säkulare Opposition war unfähig zu verhandeln, war unfähig Kompromisse zu schließen. Einzig zu Boykott waren sie fähig, für Stillstand zu sorgen.

    Nun reagieren die alten Mächte wieder, das Militär, Kleptokraten und das ägyptische Volk wird wieder unterdrückt werden von einem allumfassenden säkularem Militärapparat.

    Da kann sich der gemeine Ägypter nun freuen.

    10 Leserempfehlungen
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    das Herr Gehlen als Insider und Vorort-Journalist diese ihm vorliegenden Fotos (inklusive Quelle) nicht vorenthalten sollte, damit sich der geneigte ZEIT Leser ein Bild davon machen kann. Da er anscheinend aber bereits in keinem seiner Artikel den Namen des Chefs der Armee richtig hinbekommt, der Mann schreibt sich Sisi und nicht Sissi, dürfte das eine frommer Wunsch bleiben.

    • joG2.0
    • 28. Juli 2013 16:56 Uhr

    ....die Art nicht richtig beobachtet, wie sie sich vor nur kurzer Zeit entfaltete, ein Nachlässigkeit allerdings, die ich nicht vor habe für korrigieren, weil man im Internet mit sehr wenig Aufwand das auch selbst kann.

  4. Der so plötzliche Sturz Mursis, die so plötzlich aufgeflammten Proteste gegen die Muslimbrüder und das brutale Einschreiten der Armee lässt vermuten, dass die Armee mit ihrem Armeechef Abdel Fattah al-Sissi auch im Interesse Dritter handelt.

    Eine Leserempfehlung
    • Moika
    • 28. Juli 2013 17:27 Uhr

    Zitat: "Ägyptens Revolutionäre stehen vier Wochen nach der Machtübernahme vor dem Offenbarungseid."

    Daß das Militär zu den Revolutionären gehört, war mir so aber gar nicht bewußt oder bekannt. Daß die vermutete Mehrheit der Ägypter aber derartig "beredt schweigt", zeigt mir schon, wie froh man scheinbar ist, daß diese bigotten und nach dem Schariah-Staat strebenden Muslimbrüder in die Schranken verwiesen werden - egal wie - und sei es mit Gewalt.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bevölkerung | Militär | Ägypten | Innenminister | Muslimbruderschaft | Kairo
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