Schwer zu sagen, was verstörender ist: das kaltblütige Massaker der Polizei und zivilen Scharfschützen an mehr als 70 Demonstranten der Muslimbruderschaft. Oder die abwiegelnden Erklärungen der liberalen politischen Klasse der sogenannten Zweiten Revolutionäre.

Der alte und neue Innenminister Mohammed Ibrahim bestritt zuletzt rundweg, dass seine Polizisten Pistolen und Sturmgewehre gegen die Muslimbrüder eingesetzt hätten. Zahlreiche Fotos beweisen das Gegenteil. Und die Nationale Rettungsfront, der Dachverband der säkularen Mursi-Gegner, ließ verlauten, die Muslimbrüder hätten sich die Attacke schlussendlich selbst zuzuschreiben. Sie könnten ja auch verschwinden und sich mit der Absetzung ihres Präsidenten abfinden.

Das ist der neue, kompromisslose Ton, der in Ägypten angeschlagen wird. Keine fünf Tage ist her, dass der Chef der Armee Abdel Fattah al-Sissi vom Volk ein Mandat gegen "Terrorismus und Gewalt" einforderte. Er wusste, was er damit auslösen würde. Hunderttausende Demonstranten ließen anschließend mit Transparenten und Sprechchören keinen Zweifel daran, wie sie die Botschaft ihres neuen Idols in Uniform verstehen: Die Muslimbrüder sind nun allesamt Terroristen. Im apokalyptischen Kampf um die Zukunft Ägyptens kann es keine Kompromisse mehr geben.

Vier Wochen alt ist die sogenannte Zweite Revolution in Ägypten nun, schon steht Ägyptens liberale politische Klasse vor dem Offenbarungseid. Ihre zahllosen Splitterparteien sind auch zweieinhalb Jahre nach dem Sturz Mubaraks kaum mehr als leere Hülsen, die aus einigen Visitenkartenposten bestehen.

Keiner will die harte Basisarbeit machen, Gleichgesinnte werben, Mitgliedsbeiträge eintreiben oder gar die Diskussion eines Parteiprogramms organisieren. Jeder möchte auf dem Podium sitzen, Interviews geben und weitschweifig darüber klagen, dass man gegenüber dem wohlgeordneten islamistischen Lager keine Chance zur Selbstorganisation hat.

Im politischen Leben Ägyptens gilt dasselbe wie im Alltagsleben Ägyptens. Man kann in einer Gesellschaft auf Dauer nicht alles improvisieren und sich dann beschweren, dass man nicht vom Fleck kommt. Man kann keine plurale politische Öffentlichkeit aufbauen ohne harte beständige Arbeit. 

Die alten Mubarak-Seilschaften mischen wieder mit

Und so wundert es nicht, dass sich Teile der Bevölkerung und ihre politische Klasse lieber bombastischen Deklamationen und dämonisierenden Verschwörungstheorien hingeben, wie sie der Armeechef al-Sissi mit seinem Aufruf gegen den Terror als quasi messianisches Heilsangebot inszeniert hat.

Für einen Moment konnten die Ägypter die Misere ihres Landes vergessen. Die Unfähigkeit, die Straßen sauber zu halten, die eigene Bevölkerung effizient zu verwalten, die irrwitzige Korruption zu bekämpfen und die eigene Industrieproduktion so diszipliniert zu organisieren, dass sie international wettbewerbsfähig ist.

Und für einen Moment wurde überdeckt, dass das liberale Lager Ägyptens politisch und mental genauso wenig wie die vom Militär entthronten Muslimbrüder in der Lage ist, wirkliche Kompromisse zu organisieren, die berechtigten Interessen ihrer Kontrahenten zu respektieren und das Land in eine demokratische Zukunft zu führen. Stattdessen erlebt Ägypten nun ein neues Machtmonopol und ein System, in dem die alten Mubarak-Seilschaften wieder ungeniert mitmischen.