ÄgyptenRamadan lässt den Tahrir verstummen

Zu Beginn des Fastenmonats nehmen die Proteste ab. Viele Ägypter hoffen, dass es ruhig bleibt. Doch die Muslimbrüder geben sich kampfbereit. von 

Ein Demonstrant sitzt auf einer Barrikade am Tahrir-Platz.

Ein Demonstrant sitzt auf einer Barrikade am Tahrir-Platz.  |  © Asmaa Waguih/Reuters

"Endlich sind sie weg." Mohammed fuchtelt mit Minzblättern in seiner Hand umher und deutet in die Ferne. Hier, vor seinem Stand neben Kairos zentralem Verwaltungsgebäude, dem Mogamma, herrscht zwar das übliche Gewusel: Männer und Frauen eilen aus der nahen U-Bahn-Station, strömen in den massiven Bau sowjetischen Stils. Aber nur ein paar Meter weiter, auf dem Tahrir-Platz, herrscht an diesem Mittwochmittag gähnende Leere. Zum ersten Mal seit Wochen.

Nur ein paar verlassene Zelte künden noch vom Kampf der Tamarud-Bewegung gegen die einstigen islamistischen Machthaber. Es sind die Relikte der zahllosen Proteste, Sit-ins und Konzerte, für die sich hier bis zuletzt jeden Tag aufs Neue Hunderttausende zusammengefunden hatten. Nun türmen sich leere Dosen und Flaschen auf dem sandigen Asphalt, Plastiktüten flattern umher. Die Party ist vorbei, ruft ein Passant grinsend.

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"Die Demonstranten haben den Tahrir-Platz viel zu lange beschlagnahmt", sagt Mohammed, der seine Minzblätter hier schon seit Jahren verkauft. Mohammed ist ein schlaksiger, braungebrannter Mann um die 60, der seinen Nachnamen nicht nennen will. "Man weiß ja nie." Es habe die Runde gemacht, dass alle westlichen Journalisten als Spione für die Amerikaner arbeiteten. Dann lächelt er. "Seit diesem Morgen ist Ramadan. Jetzt ist endlich Ruhe."

Viele Ägypter haben den Beginn des Fastenmonats herbeigesehnt. Nach den jüngsten Gewaltausbrüchen waren in den vergangenen Tagen die Befürchtungen gewachsen, das Land könne in einen Bürgerkrieg abgleiten. So unüberwindbar erscheint die Kluft zwischen den Anhängern und Gegnern Mursis. Seit dem blutigen Zusammenstoß zwischen Soldaten und Muslimbrüdern vor dem Hauptquartier der Republikanischen Garde am Montag, bei dem 51 Menschen starben, ist die Stimmung äußerst angespannt. Mit dem Ramadan, so hoffen viele, werde sich die Lage endlich beruhigen.

Andrea Backhaus

Geboren 1981 in Rostock. Studium der Medien- und Kulturwissenschaft in Siegen und den USA, Promotion 2009 an der Humboldt-Universität Berlin. Volontariat an der Axel Springer Journalistenschule, dann Redakteurin im Feuilleton der Welt. Seit Januar 2013 freie Journalistin mit dem Schwerpunkt Kultur und Politik im Mittleren Osten. Lebt seit Juni 2013 in Kairo.

"Die Tamarud-Leute haben gewonnen", sagt Ahmed Bedair, der im Mogamma den Sicherheitscheck durchführt. "Sie sind die Sieger des Tahrir-Platzes. Jetzt sollen sie fasten. Und zu Hause bleiben." Um ihn herum pressen sich die Menschen durch die Schleusen, Bedair hievt Taschen auf das Fließband des Checkpoints, weist den Weg. Er habe genug von den Protesten, sagt Bedair, er wünsche sich wieder etwas Normalität. "Das gab es noch nie: Ramadan mitten im Krieg", ruft Bedairs Kollege herüber. "Hoffen wir, dass das Fasten die Menschen versöhnt."

Danach sieht es bislang allerdings nicht aus. Noch kurz vor dem Start des Fastenmonats hatte Übergangspräsident Adli Mansur eine Versöhnungsinitiative angekündigt. Damit wollte der neue Chef der Übergangsregierung, Hasim al-Beblawi, auch Vertreter der Partei für Freiheit und Gerechtigkeit ins Kabinett holen, die der politische Arm der Muslimbruderschaft ist. Der Widerspruch erfolgte prompt: Nicht nur die Liberalen erteilten dem Vorschlag eine Absage. Auch die Muslimbrüder wiesen die Initiative zurück. "Wir machen keine gemeinsame Sache mit Putschisten", ließen sie verkünden.

"Es ist zu viel Blut geflossen", sagt Tarik Babr, ein schmaler junger Mann mit Schirmmütze. Er schleicht über den Tahrir-Platz, in seiner Hand einen Beutel vollgestopft mit ägyptischen Fahnen. Eigentlich verkauft Babr Souvenirs an den Pyramiden, die Hitze macht dem 23-Jährigen sichtlich zu schaffen. "Die ersten Fastentage sind die schlimmsten", sagt er. Dann erzählt er vom Hass, den "seine" Muslimbrüder gegen die Armee, die Tamarud-Bewegung, ja gegen alle hegten, die Mohammed Mursis Sturz zugelassen haben. Seine Glaubensbrüder haben auf dem Rabaa-al-Adawija-Platz ganze Zeltstädte errichtet, um trotz der Hitze, trotz des Verzichts auf Wasser und Essen, zu protestieren. "Die werden da ausharren, bis Mursi wiederkommt", sagt er. "Wenn es sein muss, den ganzen Monat lang."

"Die Muslimbrüder sind eine Plage. Sie wollen die absolute Macht. Sie werden noch viel Ärger machen", sagt Amir Seddiki. Er sitzt am Tresen seines kleinen Ladens, der nur wenige Gehminuten vom Tahrir-Platz entfernt liegt, und faltet Servietten. Seit 15 Jahren verkauft Seddiki zusammen mit seiner Frau Tischdecken und Wohnaccessoires. Nie sei es "so chaotisch" in den Straßen um sie herum gewesen, wie in den letzten Tagen und Wochen. Als Christen verstünde er die Wut der Ägypter auf die Islamisten. "Damals haben die Muslimbrüder die Menschen bestochen, um die Wahlen zu gewinnen. Sie haben den Armen Zucker, Öl und Geld gegeben und sich so deren Stimmen gesichert. Jetzt werden sie Terror verbreiten." Auch während der Fastenzeit? Seddikis Frau, die neue Decken ins Regal einsortiert, schnauft. "Ramadan? Das ändert gar nichts. Die Islamisten folgen nicht dem Koran, der Frieden und Gerechtigkeit fordert. Sie folgen nur ihrem eigenen Plan."

Zurück auf dem Tahrir-Platz steht die Sonne im Zenit. Ein paar Männer haben sich in die Schatten unter den Palmen verzogen, einige diskutieren, andere dämmern schweigend vor sich hin. Tarik Babr, der Flaggenverkäufer, zieht noch immer seine Runden. "Unsere Körper sind an das Fasten und an die Hitze gewöhnt", sagt er. Darum glaube er auch, dass die Muslimbrüder am Ende gewinnen werden. "Die Muslime haben ihre größten Siege während des Ramadan errungen", sagt er und grinst. "Wenn wir fasten, sind wir stark."

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Leserkommentare
  1. ... als jede Revolution. So lange es so ist, bleibt Ägypten dort wo er ist.

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  3. während sich die anhänger der putschisten zurrück gezogen haben, werden die muslimbrüder am rab aldawia platz weiter den sitzstreik fastend durchführen, bis mursi wieder im amt ist. Die nächsten tage werden es schon zeigen, ob es zu einem durchbruch kommen wird.

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  7. ist eine Zeit der inneren Einkehr, der Disziplinierung seiner niederen Leidenschaften und damit ein Schritt zur Vernunft. Ich hoffe, dass die Menschen in Ägypten nun kapieren, dass nicht die Unterschiede eine Nation ausmachen sondern die Eintracht aus der dann Stärke erwacht.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Adli Mansur | Fastenzeit | Hasim al-Beblawi | Koran | Mohammed | Muslimbruderschaft
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