Die Ereignisse in Ägypten kommen einem bekannt vor. Das Volk protestiert auf dem Tahrir-Platz gegen den Präsidenten, der nicht zurücktreten will. Das Militär greift ein, stürzt den Präsidenten und verkündet einen Fahrplan für die Rückkehr zur Demokratie, inklusive Verfassungsänderungen per Referendum und Neuwahlen des Parlaments und des Präsidenten innerhalb eines Jahres. Das haben wir schon 2011 erlebt und es hat nicht funktioniert. Es wird auch diesmal nicht funktionieren.

Das Militär hat nichts dazugelernt. Ein derart schematischer Fahrplan wird die Gräben zwischen den Parteien nur vertiefen und der Demokratie schaden. Man kann dem Militär und der neuen Regierung zugute halten, dass sie damit Forderungen in Ägypten und auch der internationalen Gemeinschaft erfüllt haben.

Alle wollen wissen, wie es weitergeht und sichergehen, dass das Militär nicht endlos weiterregiert. Trotzdem wurde der Fahrplan sofort heftig kritisiert. Nicht nur von den Muslimbrüdern, die das ganze Unterfangen ablehnen, sondern auch von der liberalen Nationalen Heilsfront und der Tamarod-Protestbewegung. Beide waren vor allem empört, dass sie vorher nicht gefragt wurden. Bis heute hat das Militär nicht verstanden, dass auch Fragen des Prozesses heikel sind und mit allen Seiten abgesprochen werden sollten.

Moderate lassen sich zurückgewinnen

Das größere Problem aber ist, dass dieses Schnellverfahren hin zu einer Normalisierung keine Möglichkeit lässt, die Muslimbrüder wieder in die Politik einzubinden. Solange sie aber außen vor bleiben, wird Ägypten nicht zur Ruhe kommen und auch keine Demokratie werden können. Sicherlich ist ein Teil der Bewegung schon verloren. Sie werden den Sturz ihres Präsidenten niemals akzeptieren und in Fundamentalopposition bleiben. Die moderateren Teile der Bewegung aber lassen sich zurückgewinnen, wenn man ihnen Zeit gibt und ihnen Angebote macht.

Der gegenwärtige Fahrplan ist kein solches Angebot. Einfach gesagt: Man kann einem Lokführer den man eben gewalttätig aus dem Zug geschmissen hat, nicht anbieten, gleich wieder einzusteigen, da der Zug schon wieder weiterfährt. Die Muslimbrüder fühlen sich um drei gewonnene Wahlen betrogen. Das Unterhaus lösten die Richter auf, den Präsidenten jagte das Militär hinaus und das Oberhaus wurde letzte Woche von der neuen Regierung geschlossen. Wie auch immer man zu ihnen steht, und es gibt viele Gründe für große Skepsis, es ist unzweifelhaft, dass die Muslimbrüder in diesen Wochen traumatisiert und erniedrigt wurden.