Fast drei Monate war einer der wichtigsten Nachbarn Europas führungslos – und hier hat es offenbar niemand bemerkt. Inzwischen ist Präsident Abdelaziz Bouteflika nach Algier zurückgekehrt, nachdem er sich nach einem Schlaganfall im April in einem französischen Militärkrankenhaus aufgehalten hatte. Während sich die Behörden in Schweigen hüllten, wurden in Algerien die Forderungen nach Bouteflikas Entmachtung lauter. Noch vor wenigen Monaten strebte der Präsident eine Verfassungsänderung an, um seine Amtszeit zu verlängern und seine Nachfolge zu kontrollieren. Nach seiner langen Abwesenheit ist der Führungswechsel unvermeidbar – spätestens zur Präsidentschaftswahl im April 2014, möglicherweise schon viel früher. Wer auf Bouteflika folgen könnte, ist indes völlig unklar. Vor allem aber drängt sich der Verdacht auf, dass der politische Status Quo als Ganzes nach Bouteflikas Abgang nicht mehr haltbar sein wird.

Algerien ist das bevölkerungsreichste Land des Maghreb, dessen größte Volkswirtschaft und Europas drittgrößter Gaslieferant. Seine Rüstungsausgaben sind die höchsten Nordafrikas, seine neuere Geschichte die blutigste des südlichen Mittelmeerraums. Trotz seiner Bedeutung ist das Land von der deutschen Öffentlichkeit zuletzt fast völlig unbeachtet geblieben, denn der Arabische Frühling ist an Algerien vorbeigegangen. Auf anfängliche Proteste reagierte die Regierung mit einer massiven Erhöhung der Staatsausgaben. Die Demonstrationen verliefen im Sand. Chaos in Libyen und endlose Machtkämpfe in Tunesien und Ägypten machten es dem Regime leicht, sich als das geringere Übel zu präsentieren. Nach dem Bürgerkrieg der neunziger Jahre ist die Angst vor Unruhen immer noch weit verbreitet.

Nicht zuletzt war Algeriens Machtgefüge schwerer angreifbar als das anderer nordafrikanischer Staaten. Die Forderung nach dem Sturz des jeweiligen Herrschers, die Demonstranten in den Nachbarländern einte, wäre in Algerien sinnlos. Ein erzwungener Rücktritt Bouteflikas hätte die Führungsschicht kaum berührt: die Nomenklatura der Regierungsparteien, die Offiziersklasse, vor allem aber das Nervensystem des Regimes, den Militärgeheimdienst DRS. In den vergangenen Jahren war Algeriens politische Geschichte vom Machtkampf zwischen Bouteflika und dem DRS geprägt. Gewonnen hat ihn der Militärgeheimdienst: Fast alle engen Verbündeten Bouteflikas mussten ihren Hut nehmen, einige von ihnen sogar ins Ausland flüchten.

Dem Regime gehen die glaubwürdigen Kandidaten aus

Das heißt mitnichten, dass der anstehende Führungswechsel ohne Konsequenzen für Algeriens politische Ordnung ist. Vorangegangene Machtübergaben wurden traditionell erst in Hinterzimmern ausgehandelt und dann durch Präsidentschaftswahlen ratifiziert, die den Anschein eines Wettbewerbs wahrten. Doch es ist fraglich, ob dieses Schema noch greift, denn dem Regime gehen die glaubwürdigen Kandidaten aus. Mit Bouteflika tritt die Generation des Unabhängigkeitskriegs ab, die seit fünfzig Jahren die Kontrolle des Staates unter sich ausfocht. Zum ersten Mal werden die Kandidaten nun aus einer Generation kommen, die das politische System nicht mitgestaltet hat, sondern von ihm geformt wurde. Vertreter dieser Generation konnten sich bisher kaum profilieren. Erscheint aber der nächste Präsident als bloße Marionette, so wird sich der Unmut der Bevölkerung bald gegen die tatsächlichen Machthaber in Militär und Geheimdienst richten.

Für solchen Unmut gibt es allerlei Anlass, und er bricht sich fast täglich in kleineren Unruhen irgendwo im Land Bahn. Unter der jungen Generation grassieren Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Staatsapparat, Verwaltung und selbst das Gesundheitswesen sind völlig von Korruption durchdrungen. Die Herrschaftsstrukturen stützen sich auf eine staatsgeleitete Wirtschaft, die den Privatsektor eng im Zaum hält und Eigeninitiative nur informell zulässt. All diese Probleme spitzen sich weiter zu, weil die herrschende Klasse sich jeglichem Wandel entgegenstellt, um ihre Privilegien nicht zu gefährden. Ihre Aufmerksamkeit gilt allein der Nachfolgefrage und den Machtkämpfen an der Staatsspitze. Eine Strategie für eine kontrollierte Öffnung oder auch nur eine Modernisierung des Regimes ist nicht sichtbar. Ebenso wenig ist es der Staatsführung gelungen, eine klare Politik gegenüber den Konflikten in den Nachbarländern Libyen und Mali zu entwickeln, die sich zunehmend auf die Sicherheit Algeriens selbst auswirken.