Erst um 5 Uhr morgens waren Bulgariens eingeschlossene Würdenträger wieder frei. Nach Stunden eskortierte am Mittwoch im Morgengrauen ein starkes Polizeiaufgebot rund 100 Volksvertreter und drei Minister aus dem von Demonstranten blockierten Parlament. Trommelschläge und rhythmische schrillende Trillerpfeifen untermalten die Losung, die aus Tausenden Kehlen fast die ganze Nacht durch das Zentrum von Sofia schallte: "Ostavka" – Rücktritt.

Seit mehr als 40 Tagen ziehen allabendlich Tausende mit geschulterten National- und Europa-Flaggen durch Bulgariens Hauptstadt. Lautstark fordern die Dauerdemonstranten von Sofia den Rücktritt der erst seit knapp zwei Monaten amtierenden Mitte-Links-Regierung des parteilosen Premiers Plamen Orescharski. Egal welche Partei an der Macht sei, in Bulgarien regiere seit mehr als zwei Jahrzehnten "nur die Mafia", klagt der tätowierte Klempner Zivko Hristow: "Sie tauschen nur die Figuren aus. Aber das Spiel bleibt dasselbe: Man hat als Wähler nur die Wahl, von wem man künftig vergewaltigt werden soll."

Zum zweiten Mal in diesem Jahr könnte eine Regierung in Bulgarien auf Druck der Straße die Macht verlieren. Zu Jahresbeginn war die Wut über hohe Stromrechnungen der Anlass einer landesweiten Protestwelle, die den rechtspopulistischen Premier Bojko Borrisow im Februar vorzeitig aus dem Amt trieb. Nun ist es der Unmut über Oligarchenmacht und Mafiaverstrickungen der Politik, der die Massen auf die Straße treibt: Seit die Regierung am 14. Juni ausgerechnet den schillernden Medienmogul Deljan Peevski zum Chef des Geheimdiensts zu küren suchte, kommt das sonst so behäbige Sofia nicht mehr zur Ruhe.

Lektion für die politische Klasse der Zukunft

Zwar zog die Regierung die Skandal-Nominierung angesichts der Empörung hastig wieder zurück. Doch die Lage vermochte sie damit nicht zu befrieden. Jeder in Bulgarien wisse, wer Peevski sei, und seine gescheiterte Ernennung habe illustriert, welche "Machtstrukturen hinter der Regierung" stehen, erklärt der Politologe Daniel Smilow vom Zentrum für liberale Strategien die anhaltenden Proteste. Dieselbe wirtschaftliche Gruppe habe schon hinter der Regierung von Borissow gestanden: "Es geht den Demonstranten nicht um diese oder jene Partei. Die Leute wollen ein besseres Bulgarien, eine Demokratie und einen Lebensstandard, der sich am europäischen Maßstab orientiert."

"Ich bin wegen ihm hier", sagt der 31-jährige Anton – und zeigt vor dem Parlament auf seinen einjährigen Sohn im Kinderwagen. Jahrelang habe er sich in seinem eigenen Land  "wie in innerer Immigration" gefühlt, sagt der bei einer ausländischen Bank beschäftigte Jurist: "Dann ging ich auf die Straße und merkte, dass ich nicht allein bin. Wir haben eine Zivilgesellschaft, die für rechtsstaatliche Verhältnisse kämpft." Das einzige, was er wolle, sei der Abtritt der Regierung – auch wenn er sich "keinerlei Illusionen" darüber mache, dass die nächste Regierung sich von der derzeitigen unterscheiden könnte, sagt der Familienvater: "Doch unser Protest soll der politischen Klasse eine Lektion für die Zukunft sein."

Unzählige selbst gemalte Plakate fordern eine sofortige Neuwahl oder eine neue Verfassung, schmähen den "kommunistischen Abschaum", verhöhnen die Oligarchen oder mahnen zu mehr Solidarität und Mitgefühl. Einheitlich sind die Losungen zwar nicht. Doch mit ihrem Aufbegehren gegen Vetternwirtschaft und Politfilz können sich Sofias Dauerdemonstranten landesweit der Sympathie ihrer Landsleute sicher sein. Der über Sozialproteste auf die Regierung ausgeübte Druck werde zu einem "permanenten Faktor" in Bulgarien, konstatiert Politologe Smilow. Dieser destabilisiere zwar die Strukturen der repräsentativen Demokratie, aber er sehe "mehr Grund zum Optimismus als zur Sorge". Denn langfristig werde der Druck zu Reformen auch innerhalb der Parteien führen.