ZEIT ONLINE: Die sogenannte Generation Y, die nach 1980 Geborenen, gilt als äußerst unpolitisch. Gleichzeitig sind bei den Protesten in der Türkei und Brasilien vor allem junge Menschen auf den Straßen zu sehen. Protestiert diese Generation gegen das System?

Manfred Zentner: In Brasilien ist es eine bunte Mischung. In der Türkei oder Spanien ist es etwas anderes. In der Türkei sind es tatsächlich vor allem junge Erwachsene aus der Mittelschicht, die Angst haben, in ihrer Freiheit beschnitten zu werden.

ZEIT ONLINE: Warum gehen die Jungen aus der Mittelschicht auf die Straße? Muss man sich Protest leisten können?

Zentner: Das nicht, aber die Gesellschaft gibt vor, was ein Protest und was ein sozialer Aufruhr ist. Wenn Junge aus der Unterschicht demonstrieren, wird dies nicht gutgeheißen und als Krawalle benannt. So war das etwa in London. Die Berichterstattung darüber war sehr negativ, da es unser System betraf. Die Proteste in der Türkei, bei der es auch zu Gewalt kam, werden viel positiver wahrgenommen, weil sie Werte einfordern, die wir teilen. Wir – also die Gesellschaft – haben eine klare Vorstellung, wie ein Protest auszusehen hat.

ZEIT ONLINE: Und wie hat er auszusehen?

Zentner: Kontrolliert. Wird beispielsweise ein Park besetzt, berichten die Medien darüber, dass es keine Zwischenfälle gab und die Organisatoren alles im Griff hatten. Der Protest in Europa ist vollkommen weichgespült.

ZEIT ONLINE: Wann ist der Punkt erreicht, an dem junge Menschen auf die Straße gehen?

Zentner: Die Jungen gehen erst in letzter Instanz auf die Straße, dann, wenn das Internet nicht mehr hilft. Aber es geht nie um eine echte Revolution oder darum, das System zu verändern, sondern darum, zu zeigen, dass es reicht. Die Arbeit soll dann die Politik machen, die wurde schließlich dafür gewählt.

ZEIT ONLINE: Ersetzt das Klicken auf den Like-Button auf Facebook politische Partizipation?

Zentner: Nein, aber Leute unter 30 unterscheiden nicht mehr so streng zwischen Realität und Virtualität, wie die ältere Generation. Facebook etwa ist ein öffentlicher Raum. Postet dort jemand etwas, erreicht er mitunter mehr Personen, als wenn er sich in einen Park stellt und ein Schild hochhält. Aber verstehen Sie mich nicht falsch. Auf Facebook etwas zu liken, ist noch lange kein Indiz für politische Partizipation.

ZEIT ONLINE: Also stimmt das Gerede von der unpolitischen, politikverdrossenen Jugend doch.

Zentner: Wir tun so, als wäre eine ganze Erwachsenen-Generation politisch. Das stimmt nicht. Generell wächst das Interesse an Politik erst bei Personen ab 50. Das haben verschiedene Studien ergeben. Die gesamte Erwachsenengeneration vor 50 ist genauso unpolitisch wie die Jugendlichen. Aber von den Erwachsenen verlangt man nur, wählen zu gehen. Die Jugendlichen sollen aber gefälligst etwas tun.

ZEIT ONLINE: Sie klingen wütend. Haben Sie die Frage nach der unpolitischen Jugend satt?

Zentner: Mir geht es auf die Nerven, dass die Post-68er-Generation den heutigen Jungen stets den Vorwurf macht, unpolitisch zu sein. Das wäre in ihrer Generation anders gewesen, meinen sie. War es aber nicht, denn die drei Prozent, die in den sechziger und siebziger Jahren demonstrierten, waren wahrlich nicht repräsentativ für eine ganze Generation. Dieser Protest wurde außerdem in der damaligen Zeit nicht als politische Partizipation eingestuft, sondern als gesellschaftlicher Aufbruch und ein Zerstören von Werten. Das ist fast vergleichbar mit dem Phänomen, dass Jugendliche etwas im Internet posten. Beides ist oder war für die jeweiligen Erwachsenen nicht verständlich.