Selbst meine Freunde fragen mich manchmal, ob ich den ganzen Stuss wirklich glaube, den ich in meinen Büchern und hier in meiner Kolumne von mir gebe. Es gibt nur eine Antwort auf eine solch beleidigende Frage: Aber ja! Denn es ist nicht nur mein Job, die Leser zu provozieren, auf abwegige Gedanken zu bringen und eine alternative Sicht auf die Dinge zu bieten, es ist mir eine Freude.

Dennoch habe ich Verständnis dafür, dass es für andere nicht immer leicht zu erkennen ist, woran ich wirklich glaube. Daher möchte ich es einmal – ausnahmsweise – aussprechen: Ich glaube, dass wir heute in der besten Welt leben, die es je in der Geschichte der Menschheit gegeben hat. Und nicht nur das: Ich glaube, es wird sogar noch besser werden. Kein Witz.

Als Pubertierender war auch ich selbstverständlich der Meinung, dass die Menschheit am Rande des Abgrunds steht. Meine Pubertät dauerte bis 2001. In jenem Jahr ging ich auf Reisen und zwar ins Mittelalter: Ein Jahr lang fuhr ich in einem VW-Bus durch Deutschland auf der Suche nach unserer Vergangenheit. Das hat meine Sicht auf die Welt grundlegend geändert.

Im Mittelalter haben wir Menschen noch gelebt, wie es für uns natürlich ist: im Dreck, in Ignoranz, in Unterdrückung und geistiger Enge, ohne Rechte, ohne Freiheit, ohne ein Lebensziel außer "heute noch nicht sterben". Wahrscheinlich 90 bis 95 Prozent der Bevölkerung hatten so wenige Rechte, dass sie nicht mal selbst entscheiden durften, welchen Beruf sie ausüben, wen sie heiraten und wo sie leben wollten. Die meisten erreichten schon mit 30 ihr Lebensende; Kinder zu gebären war lebensbedrohlich, und so überflüssige Sätze wie "Ich will meine Lage verbessern" oder gar "Ich will meine Träume verwirklichen" waren unbekannt.

Wie wir heute in der westlichen Welt leben, ist – im Vergleich zu unserer Geschichte – ein nie dagewesener Fortschritt. Die Deutschen müssten das eigentlich besser wissen als alle anderen, denn sie leben heute in einem Staat, von dem sie vor wenigen Jahrzehnten höchstens hätten träumen können. Noch 1918 war Deutschland ein Kaisertum nach dem Vorbild des feudalen Mittelalters; die kurzlebige Weimarer Republik war politisch ein einziges Chaos und am Ende ein failed state; darauf folgten gleich zwei Diktaturen: das "Dritte Reich" und die DDR. Wenn man großzügigerweise Hermann den Cherusker mit einrechnet, gibt es dieses Volk seit 2.000 Jahren: Einen vernünftigen, halbwegs gerechten deutschen Staat gibt es erst seit einem einzigen Menschenalter.

Weniger Armut, Kriege und Morde

Und der Trend geht weiterhin aufwärts. Die Armut wird immer geringer (heute liegt sie in Amerika zum Beispiel bei 15 Prozent; noch unter Kennedy lag sie bei 19 Prozent); Kriege und Morde werden – auch wenn keiner es glaubt – immer seltener und die Bildung immer besser, selbst derjenigen, die gern trashige Fernsehformate schauen.

Sicher, Gefahren lauern nach wie vor überall. Eine Demokratie kann jederzeit in eine Diktatur zurückfallen, wie wir 1933/34 gesehen haben. So etwas wie soziale Gerechtigkeit herrscht längst noch nicht, und der Mensch ist trotz der ganzen Anstrengungen zahlreicher Religionen immer noch egozentrisch und heuchlerisch.

Doch trotz aller Rückschläge wird es immer besser. Und warum? Weil wir in einem Zeitalter der lösbaren Probleme leben. Mit den technischen und wissenschaftlichen Fortschritten der vergangenen 200 Jahre, mit dem moralischen Paradigmenwechsel nach Schock und Schande des Zweiten Weltkrieges und mit den Möglichkeiten durch internationale Organisationen wie die UN, die Weltbank und Greenpeace sind wir in der Lage, Probleme schneller und leichter zu lösen als irgendwann sonst in unserer Geschichte.