Die Schuldsprüche gegen Bradley Manning sind gefallen und die Vorwürfe gegen Edward Snowden sind auch bekannt. Doch in beiden Fällen wird nicht deutlich, was so einer denn nun ist – ein Whistleblower, böswillig übersetzt: jemand, der andere verpfeift? Ein Verräter also? Oder doch der mutige Held, der aufdeckt, dass etwas faul ist im Staat?

Ein Staatsfeind in den eigenen Reihen, könnte man meinen, angesichts der Aggressivität, mit der die US-Regierung unter Präsident Obama nicht nur diese beiden Fälle verfolgt. Mindestens einer, der in böser Absicht den Feinden der Nation sensible Informationen verschafft und die Guten in Gefahr bringt, argumentierten US-Regierung und Staatsanwaltschaft – auch wenn Manning gerade in diesem Anklagepunkt für nicht schuldig befunden wurde.

Das Dilemma lässt sich kaum auflösen: Was jene tun, die Unterlagen den Medien, WikiLeaks oder wem auch immer zuspielen, ist in unterschiedlichen Abstufungen strafbar und muss es auch sein. Sie brechen rechtsstaatliche Vorschriften, wenn sie zugänglich machen, was in Teilen durchaus aus gutem Grund nur wenigen bekannt sein soll. Sie decken eben auch nicht nur auf, was schief läuft, sie bringen je nach Art der Enthüllungen zumindest potenziell auch Menschen in Gefahr, die sich auf die Heimlichkeit verlassen können müssen. Denn ja, zur Öffentlichkeit gehören auch die Bösen.

Umso mehr macht es einen Unterschied, welche Intention dahinter steht. Im Wahlkampf 2008 wusste Obama das noch: Fehlverhalten des Staates publik zu machen, sei ein mutiger und patriotischer Akt, der Leben retten und das Geld der Steuerzahler sparen könne. Dazu müsse man jeden ermutigen und dürfe nicht versuchen, solches Tun zu unterdrücken. Die Whistleblower verdienten Schutz, sagte er damals.

Keine klare Grenze zwischen Held und Halunke

Dass die unnachgiebige Verfolgung von Whistleblowern gerade aus dem Umfeld der Geheimdienste und Sicherheitsbehörden ein Signal sein soll an alle, die mit verschlossenen Informationen umgehen: Lasst es bleiben, sonst drohen harte Konsequenzen – diese Haltung ist aber ebenso legitim. Niemand darf von der Regierung eine Einladung erwarten, doch gern alles mit möglichst vielen zu teilen.

Insofern bedeutet die Härte, mit der Snowden, Manning und andere verfolgt werden, nicht zwingend, dass Obama seine Sympathie für die Whistleblower verloren hat. Sie ist eher ein Beleg für den Umstand: Die Enthüllung in glasklar guter Absicht, eine, die ausschließlich positive Effekte hat, gibt es nicht in Reinform. Allein schon die schiere Menge an Material, die Manning preisgab, macht die Beurteilung schwer: War das wirklich alles gut und richtig? Andersherum ist es genauso möglich, dass einer aus vorrangig egoistischen Gründen Geheimnisse verrät und dennoch dem Gemeinwesen einen Dienst erweist. Wer weiß zum Beispiel schon, was Snowden wirklich antreibt?

Es gibt somit keine klare Grenze zwischen Helden und Halunken, und auch der moralisch einwandfreie Informant ist oft ein Straftäter. Manning ist das bewusst, er bekannte sich in vielen der Anklagepunkte schuldig. Das wiederum heißt noch lange nicht, dass er etwas Falsches getan hat: Vielleicht ist er über sein Ziel hinausgeschossen, doch auch ein verurteilter Verräter kann noch immer ein Vorbild sein.