Interner BerichtNato sieht Libyen vor dem Zerfall

In einem Bericht warnt die Nato vor Chaos und Anarchie in Libyen. Sorgen bereiten vor allem die unzähligen Waffen, die im Umlauf sind. Die Regierung bitte um Hilfe.

A Libyan protester holds a gun during clashes between demonstrators and troops of the Libyan Shield Forces (LSF), a coalition of militias, following a demonstration outside the LSF office in the northern city of Benghazi on June 8, 2013. AFP PHOTO ABDULLAH DOMA        (Photo credit should read ABDULLAH DOMA/AFP/Getty Images)

A Libyan protester holds a gun during clashes between demonstrators and troops of the Libyan Shield Forces (LSF), a coalition of militias, following a demonstration outside the LSF office in the northern city of Benghazi on June 8, 2013. AFP PHOTO ABDULLAH DOMA (Photo credit should read ABDULLAH DOMA/AFP/Getty Images)  |  © Abdullah Doma/AFP/Getty Images

Zwei Jahre nach dem Sturz des Machthabers Muammar al-Gaddafi steht Libyen vor dem Zerfall: Zu diesem Ergebnis kommt laut des Spiegel ein interner Bericht einer Nato-Delegation, die Ende Juni in das nordafrikanische Land gereist war. Wie das Magazin weiter berichtet, befürchtet auch die libysche Regierung ein Abgleiten ihres Landes ins völlige Chaos und hat deshalb vom Verteidigungsbündnis militärische Unterstützung erbeten.

Konkret geht es dabei um Hilfe beim Aufbau einer 35.000 Mann umfassenden Nationalgarde. Anfang Juni hatte Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen angekündigt, Experten nach Libyen zu schicken, um die Ausbildung und Beratung libyscher Militärs vorzubereiten. Allerdings kommt die Nato-Gruppe in ihrem Bericht zu einer wenig optimistischen Bewertung. So mangele es den Regierungsstellen generell an der "Fähigkeit, Rat aufzunehmen und umzusetzen". Die Nato befürchtet Kompetenzstreitigkeiten im Land.

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Nach dem Sturz des langjährigen libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi vor knapp zwei Jahren ist es der neuen Staatsführung immer noch nicht gelungen, eine professionelle Armee und Polizei aufzubauen. Zur Absicherung der Grenzen und zum Einschreiten in Stammeskonflikte werden Milizen eingesetzt, die als Aufständische gegen Gaddafi gekämpft hatten. Auch andere Kampfverbände aus Ex-Rebellen unterschiedlicher politischer Gesinnungen bestehen fort und greifen oft zur Verteidigung ihrer eigenen Interessen zu den Waffen.

Demo gegen Milizen

"Armee und Polizei sind derzeit nicht in der Lage, die Sicherheit für das Land zu garantieren", schreiben dazu die Nato-Mitarbeiter. Kriminelle Banden und radikale Islamisten würden sich dies zunutze machen. Sorgen bereitet den Experten auch die vielen Waffen, die durch den Konflikt in Libyen in Umlauf gerieten. In dem Land befinde sich "das weltweit größte ungesicherte Arsenal von Waffen", heißt es in dem Nato-Bericht. Darunter seien Minen, Munition sowie tragbare Flugabwehrsysteme.

Die Regierung in Tripolis will dieses Problem eindämmen. Ministerpräsident Ali Seidan sprach am Sonntag erneut von der Notwendigkeit, "die Brigaden und andere Formationen aufzulösen und sie individuell in die Armee und die Polizei zu integrieren". "In der Zukunft wird niemand mehr Waffen tragen, wenn er nicht in der Armee oder Polizei ist", fügte er hinzu.

Eine entsprechende Anordnung erließ unlängst der Allgemeine Nationale Kongress, das höchste politische Organ im Land. Demnach müssen die Milizen aus der Hauptstadt abziehen. Am Sonntag demonstrierten Hunderte Menschen gegen solche "illegitime Brigaden" und forderten die Schaffung einer funktionierenden Armee und Polizei.

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Leserkommentare
  1. "So mangele es den Regierungsstellen generell an der "Fähigkeit, Rat aufzunehmen und umzusetzen"."

    Arktische Frühling, überall in der arabischen Welt!

    10 Leserempfehlungen
  2. So haben wir also auch in Lybien gelernt, das "bombing for freedom" nicht funktioniert. Sollte nach dem Irak Debakel eigentlich schon klar gewesen sein. Trotz alledem ist man wieder fürchterlich heiß darauf das selbe, nicht funkionierende Konzept, noch einmal in Syrien auszuprobieren.

    Kein Tier dieser Welt ist so dämlich und versucht den selben Mist zig mal hintereinander bevor es zu dem Schluss kommt das es so nicht funktioniert. Nur der Mench, als Krone der Schöpfung erzielt nicht diesen Lerneffekt.

    26 Leserempfehlungen
    • persef
    • 08. Juli 2013 7:48 Uhr
    3. natoll

    Im Falle Lybiens hatte ich Hoffnung, dass es klappen könnte: Föderale Struktur, Öl(=Geld) im Überfluss, guter Bildungsgrad der Leute, gute Infrastruktur und keine Lust mehr auf idiotische Psychopatenführungskräfte...

    So aber werden wir wohl demnächst Afghanistanöldorado vor der Tür haben. Juhe...

    Frage: Wer ist Schuld? [...]

    Gekürzt. Bitte äußern Sie sich differenziert. Danke, die Redaktion/sam

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    Entfernt. Sie beziehen sich auf einen inzwischen entfernten Kommentarteil. Die Redaktion/sam

    Diese "Psychopatenführungskräfte" haben die föderalen Strukturen,den guten Bildungsgrad der Leute und die gute Infrastruktur Dank des Ölreichtums erst möglich gemacht.Mit Hilfe der NATO ist es terroristischen Gruppierungen aber gelungen, dies alles zu beseitigen,die Schuldfrage stellt sich daher nicht. Chaos und Anarchie war zu erwarten,der Zerfall Libyens erfolgt also als planmäßig.

    • mugu1
    • 08. Juli 2013 8:01 Uhr

    Zitate: >Nato sieht Libyen vor dem Zerfall> + >In einem Bericht warnt die Nato vor Chaos und Anarchie in Libyen.<
    Da kann man sehen, was passiert,wenn man in Unkenntnis der wahren Verhältnisse aus vornehmich wirtschaftl. Gründen in einem internen Konflikt die persönl. passender erscheinende Seite an die Macht bombt. Ohne dass ich das diktat. Regime Gaddafis in irgeneiner Form verteidigen will.

    >So mangele es den Regierungsstellen generell an der "Fähigkeit, Rat aufzunehmen und umzusetzen".<
    Dazu gibt es kaum etwas zu sagen. Nur eines: War das nicht vorher klar?

    >Auch andere Kampfverbände aus Ex-Rebellen unterschiedlicher politischer Gesinnungen bestehen fort und greifen oft zur Verteidigung ihrer eigenen Interessen zu den Waffen.<
    Natürlich. Meine obigen vorherigen Bemerkungen lassen sich hier 1:1 übertragen. Man wusste vorher,dass jedes Grüppchen ihr eigenes Süppchen kocht. Das Gaddafi-Regime wegbomben und danach hoffen "Alles wird sich schon so entwickeln, wie wir es uns in unserer Traumwelt (=Wahnvorstellung) erträumt haben" gleicht dem intellektuellen Niveau eines Prä-Kita Kindes.

    Komm. Nr. 1 schrieb vom Arktischen Frühling. Ich möchte das gerne abwandeln in: Arktischer Herbst überall dort, wo sich der Arabische Frühling einst umtrieb.

    Und man droht in einen langen Arktischen Winter abzugleiten. Eine vom selbstherrlichen Europa - insbes. FR u. GB - selbstfabrizierte Eiszeit, welche mehr existenzbedrohend für unser heutiges Europa werden könnte als die Euro-Krise.

    18 Leserempfehlungen
  3. 5. [...]

    Entfernt. Sie beziehen sich auf einen inzwischen entfernten Kommentarteil. Die Redaktion/sam

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "natoll"
  4. Ja, klasse, danke für den Hinweis!

    Daß die NATO mit ihrem völkerrechtswidrigen Bombardement eben diese Situation erst herbeigeführt hat, wird natürlich mal wieder nicht erwähnt...

    Danke für kritischen Journalismus!

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    ...der Vorwurf einer völkerrechtswidrigen intervention in Libyen ist natürlich und mit Verlaub etwas platt-polemisch, da selbst die schärfsten "Kritiker der Elche" eingeäumt haben, dass die Aktion formel nicht zu beanstanden gewesen ist, feinsäuberlich nachzulesen hier:

    "Da die Unrechtmäßigkeit einer Resolution des Rates nicht verbindlich festgestellt werden könne, sei die Frage, ob eine darauf gestützte Intervention jenseits ihrer formellen Legalität illegitim sei, rein akademisch."

    http://www.zeit.de/2011/3...

    Auszug aus dem von Ihnen verlinkten Artikel:

    "Aber dafür darf man als Drittstaat keinen Krieg führen. Die Resolution 1973 des UN-Sicherheitsrats vom 17. März, die den Militärschlag autorisierte , ändert hieran nichts. Selbst wenn sich der Rat damit im Rahmen seiner eigenen Pflichten gemäß der Charta der Vereinten Nationen gehalten hätte – was er nicht hat –, nähme die Bedenkenlosigkeit, mit der sich die Intervenienten über die ihnen in der Resolution noch gezogenen Grenzen hinweggesetzt haben, ihrem Gewaltakt jede Rechtfertigung."

    • Heiva
    • 08. Juli 2013 8:20 Uhr

    Nun, der frühere Diktator ist nun schon lange weg,und nun?Haben die Lybier nun die große Freiheit von der die westlichen Staaten immer herumpalavert haben?Es ist immer wieder dasselbe,man mischt sich ein und was kommt dann?Im Irak ist es doch auch nicht anders,Hussein ist weg und wieviel Tote gibt es bis heute nach dem Irakkrieg?,Hat es sich für die Menschen gelohnt,dass er weg ist? In Syrien wird es nicht anders kommen,wie soll es denn da Frieden geben?Wieviel Menschen werden noch sterben?Wer nicht nach amerikanischer Pfeife tanzt muss weg,egel was aus den Menschen wird.Wer massenhaft Menschen überwacht muss nichts mehr über Freiheit und Demokratie reden.

    6 Leserempfehlungen
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    Wann immer sich Länder von einem - aus Sicht des Westens - Diktator befreien (mit dem man vorher, vor allem wenn Öl vorhanden war übrigens viele Jahre lang ganz prima zusammen gearbeitet hat) , schreit man begeistert "Die Freiheit hat gesiegt", "Das Lands X hat sich für die Demokratie entschieden" etc.

    Dass diese Staaten im allgemeinen unter Freiheit und Demokratie etwas ganz anderes verstehen als wir (im allgemeinen geht es in erster Linie um ein Mindestmaß an Menschenwürde und einen - verständlicherweise - angemessenen Lebensstandard - wird jedes Mal fröhlich ignoriert.
    Beispiele gibt es reichlich, eines der eklatantesten war wohl der Sturz des Schahs, und dass man sich dafür den Ayatollah Khomeini eingehandelt hat.

    Tja, wieder einmal dumm gelaufen..............Jedes Mal ist der Westen ganz verblüfft, dass die diversen Resolutionen nicht so enden, wie erhofft und alles im Chaos endet.

    Jedes Volk kann nach westlicher Lesart die Demokratie einführen. Aber Wehe, bei den "Freien Wahlen" werden die Falschen gewählt. Dann ist Schluss mit Lustig, dann wird ganz schnell ein "Pro-Westlicher" Autokrat aus dem Hut gezaubert, der dann nach westlichen Anleitungen und Befehlen das Land als Despot regiert. Spurt der nicht und übertreibt er's dann, wird man ihn beseitigen und erklärt, man habe mit ihm niemals nicht auch nur ansatzweise etwas zu tun gehabt. Man kennt den gar nicht.

    Das alles ist nichts neues. Beispiele gefällig?

    Der Diktator Raffael Trujillo, der die Dominikanische Republik in faschistischer Tradition regierte und die Bevölkerung dort drangsalierte, wurde lange Zeit von den USA massiv gestützt. Er war ein glühender Antikommunist. Als Trujillo größenwahnsinnig wurde und versuchte, einen benachbarten Diktator - ebenfalls Antikommunist - umzubringen, war das Maß voll und die USA, Trujillos einstige Freunde und Förderer, lieferten die Waffen, mit denen der Despot dann ermordet wurde.
    Oder man denke an den Schah von Persien oder an Saddam Hussein: beide wurden von den USA installiert und hofiert, am Ende aber fallen gelassen, als die Abschlachterei am eigenen Volk zu groß wurde und man in Washington ein Imageproblem bekam. In allendrei genannten Fällen wurden mehr als zweifelhafte Exzempel statuiert.
    Und Idi Amin fand man am Anfang im Westen auch ganz toll - genauso, wie man Osama bin Laden klasse fand und förderte.

  5. ...der Vorwurf einer völkerrechtswidrigen intervention in Libyen ist natürlich und mit Verlaub etwas platt-polemisch, da selbst die schärfsten "Kritiker der Elche" eingeäumt haben, dass die Aktion formel nicht zu beanstanden gewesen ist, feinsäuberlich nachzulesen hier:

    "Da die Unrechtmäßigkeit einer Resolution des Rates nicht verbindlich festgestellt werden könne, sei die Frage, ob eine darauf gestützte Intervention jenseits ihrer formellen Legalität illegitim sei, rein akademisch."

    http://www.zeit.de/2011/3...

    Antwort auf "Die NATO warnt..."
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    Sorry aber sowohl die Resulotion an sich als ach die Ausführung des Beschlusses sind völkerechtlich mehr als grenzwertig:

    http://www.zis-online.com...

    Haben sie den zu ihrem aus dem Zusammenhang gerissenen Zitat gehörenden Artikel tatsächlich gelesen?
    Dieser besagt das genaue Gegenteil, von dem was sie hineinzulesen versuchen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, nsc
  • Schlagworte Muammar al-Gaddafi | Nato | Militär | Absicherung | Libyen | Tripolis
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