Zwei Jahre nach dem Sturz des Machthabers Muammar al-Gaddafi steht Libyen vor dem Zerfall: Zu diesem Ergebnis kommt laut des Spiegel ein interner Bericht einer Nato-Delegation, die Ende Juni in das nordafrikanische Land gereist war. Wie das Magazin weiter berichtet, befürchtet auch die libysche Regierung ein Abgleiten ihres Landes ins völlige Chaos und hat deshalb vom Verteidigungsbündnis militärische Unterstützung erbeten.

Konkret geht es dabei um Hilfe beim Aufbau einer 35.000 Mann umfassenden Nationalgarde. Anfang Juni hatte Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen angekündigt, Experten nach Libyen zu schicken, um die Ausbildung und Beratung libyscher Militärs vorzubereiten. Allerdings kommt die Nato-Gruppe in ihrem Bericht zu einer wenig optimistischen Bewertung. So mangele es den Regierungsstellen generell an der "Fähigkeit, Rat aufzunehmen und umzusetzen". Die Nato befürchtet Kompetenzstreitigkeiten im Land.

Nach dem Sturz des langjährigen libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi vor knapp zwei Jahren ist es der neuen Staatsführung immer noch nicht gelungen, eine professionelle Armee und Polizei aufzubauen. Zur Absicherung der Grenzen und zum Einschreiten in Stammeskonflikte werden Milizen eingesetzt, die als Aufständische gegen Gaddafi gekämpft hatten. Auch andere Kampfverbände aus Ex-Rebellen unterschiedlicher politischer Gesinnungen bestehen fort und greifen oft zur Verteidigung ihrer eigenen Interessen zu den Waffen.

Demo gegen Milizen

"Armee und Polizei sind derzeit nicht in der Lage, die Sicherheit für das Land zu garantieren", schreiben dazu die Nato-Mitarbeiter. Kriminelle Banden und radikale Islamisten würden sich dies zunutze machen. Sorgen bereitet den Experten auch die vielen Waffen, die durch den Konflikt in Libyen in Umlauf gerieten. In dem Land befinde sich "das weltweit größte ungesicherte Arsenal von Waffen", heißt es in dem Nato-Bericht. Darunter seien Minen, Munition sowie tragbare Flugabwehrsysteme.

Die Regierung in Tripolis will dieses Problem eindämmen. Ministerpräsident Ali Seidan sprach am Sonntag erneut von der Notwendigkeit, "die Brigaden und andere Formationen aufzulösen und sie individuell in die Armee und die Polizei zu integrieren". "In der Zukunft wird niemand mehr Waffen tragen, wenn er nicht in der Armee oder Polizei ist", fügte er hinzu.

Eine entsprechende Anordnung erließ unlängst der Allgemeine Nationale Kongress, das höchste politische Organ im Land. Demnach müssen die Milizen aus der Hauptstadt abziehen. Am Sonntag demonstrierten Hunderte Menschen gegen solche "illegitime Brigaden" und forderten die Schaffung einer funktionierenden Armee und Polizei.