Bei Protesten gegen die Absetzung von Staatschef Mohammed Mursi sind in Ägypten nach offiziellen Angaben mehr als 20 Menschen getötet worden. Das berichtete das staatliche Fernsehen unter Berufung auf Daten des Gesundheitsministeriums. 315 weitere Menschen seien verletzt worden. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit lieferten sich Islamisten unweit des Tahrir-Platzes in Kairo heftige Auseinandersetzungen mit Gegnern Mursis.     

Zu Zusammenstößen kam es auch vor der Zentrale des Staatsfernsehens. Ein Augenzeuge hörte Schüsse. An der 6.-Oktober-Brücke bewarfen sich beide Seiten mit Pflastersteinen, berichtete eine Reporterin des arabischen Nachrichtensenders Al Jazeera. Fernsehbilder zeigten, dass auch Feuerwerkskörper eingesetzt wurden. Das Staatsfernsehen berichtete von zwei getöteten Demonstranten und 70 Verletzten allein an diesem Ort.

Auf der Sinai-Halbinsel verübten Islamisten die angedrohten Angriffe auf die regulären Streitkräfte. Vor einem Regierungsgebäude in El-Arisch wurden fünf Polizisten erschossen. Bei simultanen Attacken mit Raketen und Maschinengewehren auf Posten der Einsatzkräfte und der Polizei wurde ein Soldat getötet. Als Reaktion schloss die Armee den Grenzübergang Rafah zum Gazastreifen.

In Kairo wollte das Militär am Abend nach eigenen Angaben die Gegner voneinander trennen. Ein Armeesprecher sagte der Nachrichtenagentur AFP am Freitagabend: "Wir beziehen keine Seite." Aufgabe des Militärs sei es, das Leben der Demonstranten beider Lager zu schützen, fügte Oberst Ahmed Ali hinzu.

Schusswechsel vor der Republikanischen Garde

In Kairo vor dem Hauptquartier der Republikanischen Garde hatten sich am frühen Abend Anhänger des abgesetzten Präsidenten und Soldaten einen Schusswechsel geliefert, bei dem Einsatzkräften zufolge mindestens zwei Menschen starben. Die Soldaten hätten das Feuer eröffnet, berichtete die Muslimbruderschaft, aus der Mursi stammt. Mehrere Menschen seien verletzt worden. Dagegen sagten Augenzeugen, dass von beiden Seiten Mündungsfeuer zu hören gewesen sei. Mehrere Demonstranten seien zu Boden gegangen.

Ein Militärsprecher bestritt, dass die Armee mit scharfer Munition auf die Demonstranten geschossen habe. Die Sicherheitskräfte hätten Platzpatronen und Tränengas eingesetzt.

Gewaltsame Unruhen brachen auch in anderen Städten aus, etwa entlang des Sues-Kanals und im Nil-Delta. Dort marschierten Anhänger Mursis zu örtlichen Regierungsgebäuden.

Führer der Muslimbruderschaft aus Haft entlassen

Unter den Demonstranten in Kairo war am späten Nachmittag auch der Führer der Muslimbruderschaft, Mohammed Badia. Er war zuvor aus der Haft entlassen worden. Auch Saad al-Katatni und Raschad Bajumi, die dem Lenkungsbüro der islamistischen Organisation angehören, seien auf freiem Fuß, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur MENA.  

Badia und weitere führende Muslimbrüder waren kurz nach der Entmachtung Mursis festgenommen worden. Badia forderte auf der Kundgebung der Islamisten in Kairo die Wiedereinsetzung Mursis als Präsident. Das sei die Voraussetzung für ihn, auf die Armee zuzugehen, sagte er. "Wir werden ihn auf unseren Schultern tragend zurückbringen", rief er Zehntausenden Anhängern der Bruderschaft zu. "Wir werden für ihn unsere Seelen opfern."  

Übergangspräsident löst Parlament auf

Mit einer seiner ersten Weisungen hat Übergangspräsident Adli Mansur das islamistisch geführte Oberhaus aufgelöst. Die Auflösung der als Schura-Rat bekannten Parlamentskammer sei in einer verfassungsrechtlichen Erklärung Mansurs angeordnet worden, berichtete das Staatsfernsehen.

Die Mursi nahestehenden islamistischen Kräfte hatten zuvor zu einem "Freitag der Ablehnung" aufgerufen, um gegen die vom Militär geplante Übergangsregierung zu demonstrieren. Im Gegenzug forderte die liberale Nationale Einheitsfront ihre Anhänger auf, den Muslimbrüdern nicht die Straße zu überlassen. Die Armee sicherte Versammlungsfreiheit zu.

Vor der Rabaa-Adaweja-Moschee in einem Kairoer Vorort zogen um die Mittagszeit Tausende Mursi-Anhänger zu ihrem traditionellen Versammlungsort. "Nieder mit der Militärherrschaft", riefen etwa 50 Männer, die in Sprechchören auch den Heiligen Krieg für Ägypten forderten.

Armee mit gepanzerten Fahrzeugen vorgefahren

Mehrere Hundert Meter von Barrikaden entfernt war die Armee mit gepanzerten Fahrzeugen vorgefahren. Über den Platz flogen Kampfjets, deren Kondensstreifen in den ägyptischen Nationalfarben eingefärbt waren.

In Armeekreisen hieß es zunächst, man wolle die Mursi-Anhänger gewähren lassen. "Wir lassen sie demonstrieren und dahin gehen, wo sie hin wollen", sagte ein Vertreter des Militärs. Die Soldaten würden allerdings einschreiten, um eine direkte Konfrontation von Anhängern beider Lager zu verhindern. In dem Aufruf von Mursis Gegnern war von einer Konterrevolution der Islamisten die Rede. Jetzt gelte es, die Revolution zu verteidigen.

Afrikanische Union setzt Mitgliedschaft aus

Die Afrikanische Union (AU) setzte als Reaktion auf den Umsturz die Mitgliedschaft Ägyptens aus. Die Organisation gab bekannt, dass die Sanktion "bis zur Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung" gelte. "Der Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten entspricht nicht den Regeln der Verfassung", hieß es in einer Stellungnahme.

Der ägyptische Oppositionspolitiker Mohammed ElBaradei bezeichnete die Intervention des Militärs im britischen BBC-Rundfunk als "schmerzhafte Maßnahme", die "zur Vermeidung eines Bürgerkriegs" notwendig gewesen sei. Die Armee wolle das Land nicht führen und werde "binnen einer Woche" die Bildung einer zivilen Regierung ermöglichen, versprach er.

Der deutsch-ägyptische Autor und Politologe Hamed Abdel-Samad (41), der nach einem Vortrag über "religiösen Faschismus" mit Morddrohungen belegt worden war, nannte den Umsturz am Nil einen "Sieg der Hoffnung". Bei den angekündigten Neuwahlen sei mit einer deutlichen Niederlage der Muslimbrüder zu rechnen, schrieb er in einem Gastbeitrag der Bild-Zeitung.