Die Enthüllungen des Edward Snowden über die Spähprogramme der US-Geheimdienste haben die Bürger Russlands anfangs wenig beeindruckt. Dafür haben die Journalisten des Landes verschiedene Erklärungen. Zuerst einmal sei es die Geschichte des Landes. Seit den Zeiten der Sowjetunion haben sich die Russen an den Mangel an Privatsphäre gewöhnt.

Es war seinerzeit selbstverständlich, dass ein Bürger keine persönlichen Geheimnisse haben durfte. An dieser Denkweise habe sich nicht viel geändert, heißt es. Es gebe bis heute kein Briefgeheimnis, die Russen wären nicht überrascht, wenn sie eines Tages entdecken würden, dass ihre Telefone abgehört werden.

Und natürlich, schrieben andere Journalisten, sei es selbstverständlich, dass die Geheimdienste aller Länder Telefone abhören und E-Mails checken könnten. Der anfängliche Mangel an Interesse für Snowdens Enthüllungen lag aber auch daran, dass seine Berichte kaum etwas mit Russland zu tun hatten. Erst seit Snowden nach Moskau geflogen ist und dort Asyl beantragt hat, ist das Interesse der russischen Leser und Zuschauer für ihn dramatisch gestiegen.

Nachdem einige Tage von Snowdens wahrscheinlichem Aufenthalt im Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo vergangen waren, kamen erste Fragen: Ist er überhaupt dort? Und wenn nicht, wo ist er dann? In Russland oder in einem anderen Land? Niemand hat ihn bislang in Russland gesehen, Gerüchte und Verschwörungen kamen auf: Snowden sei verhaftet, gar getötet worden. Journalisten und Internet-Nutzer spekulieren, ob Snowden für die russischen Geheimdienste nützlich sein könnte. Er könne in Gefahr sein, heißt es, und es sei ja erstaunlich, dass die USA nicht gefordert hätten, ihn zu sehen und dass die internationalen humanitären Organisationen das auch nicht getan haben.

Allgemein sind die politischen Kommentare in russischen Internet-Foren von  Antiamerikanismus geprägt: Snowdens Aufenthalt in Russland ärgere die USA und das sei gut so.  Man sieht die Affäre als ein Form der Rache an Amerika,  als Rache für die ständige Kritik an den Menschenrechtsverstößen in Russland oder für die Magnitski-Liste mit Einreiseverboten und Kontensperrungen für kriminelle russische Beamte. Viele Journalisten, insbesondere in staatsnahen russischen Medien, verbreiten solche Meinungen.

Zahlreiche russische Politiker haben Snowden einen Held und Kämpfer für die Menschenrechte genannt. Alexander Sidjakin, ein Abgeordneter der regierenden Partei Einiges Russland, hat gar vorgeschlagen, Snowden für den Friedensnobelpreis zu nominieren. Snowden sei "der größte Pazifist", er habe für einen Nobelpreis nicht weniger getan als Barack Obama. Doch auch Russlands Journalisten halten solche Reaktionen für nicht ernst gemeint. Sie würden nur geäußert, um die USA zu ärgern. Doch zeige die Geschichte von Snowden, so der Tenor in russischen Medien, wie stark die Feindlichkeit in Russland und in der ganzen Welt gegenüber den USA sei.

Allerdings schreckt Russlands Regierung davor zurück, das ohnehin belastete  Verhältnis zu den USA noch komplizierter zu machen. Das zeigte sich bereits, als Putin vor Wochen mitteilte, Snowden dürfe nur dann bleiben, wenn er aufhöre, den USA weiter Schaden zuzufügen. Anschließend verzichtete Snowden auf Asyl in Russland.

Diesen Montag schrieb die russische Kommersant dann, die USA könnten den für Anfang September geplanten Besuch von US-Präsident Barack Obama absagen, falls Snowden Moskau bis dahin nicht verlassen habe. Der Kreml beeilte sich mitzuteilen: Die Vorbereitungen auf den Obama-Besuch liefen weiter, so Putins Sprecher Dmitri Peskow.