Snowden und RusslandHauptsache gegen die USA

Russlands Medien interessieren sich für NSA-Enthüller Snowden erst seit seinem Moskauer Flughafen-Aufenthalt. Der Tenor ist allgemein anti-amerikanisch. von Anna Laletina

In dieser Zeitung steht: "Snowden wird für den Nobelpreis nominiert."

In dieser Zeitung steht: "Snowden wird für den Nobelpreis nominiert."  |  © Maxim Shemetov/Reuters

Die Enthüllungen des Edward Snowden über die Spähprogramme der US-Geheimdienste haben die Bürger Russlands anfangs wenig beeindruckt. Dafür haben die Journalisten des Landes verschiedene Erklärungen. Zuerst einmal sei es die Geschichte des Landes. Seit den Zeiten der Sowjetunion haben sich die Russen an den Mangel an Privatsphäre gewöhnt.

Es war seinerzeit selbstverständlich, dass ein Bürger keine persönlichen Geheimnisse haben durfte. An dieser Denkweise habe sich nicht viel geändert, heißt es. Es gebe bis heute kein Briefgeheimnis, die Russen wären nicht überrascht, wenn sie eines Tages entdecken würden, dass ihre Telefone abgehört werden.

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Und natürlich, schrieben andere Journalisten, sei es selbstverständlich, dass die Geheimdienste aller Länder Telefone abhören und E-Mails checken könnten. Der anfängliche Mangel an Interesse für Snowdens Enthüllungen lag aber auch daran, dass seine Berichte kaum etwas mit Russland zu tun hatten. Erst seit Snowden nach Moskau geflogen ist und dort Asyl beantragt hat, ist das Interesse der russischen Leser und Zuschauer für ihn dramatisch gestiegen.

Nachdem einige Tage von Snowdens wahrscheinlichem Aufenthalt im Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo vergangen waren, kamen erste Fragen: Ist er überhaupt dort? Und wenn nicht, wo ist er dann? In Russland oder in einem anderen Land? Niemand hat ihn bislang in Russland gesehen, Gerüchte und Verschwörungen kamen auf: Snowden sei verhaftet, gar getötet worden. Journalisten und Internet-Nutzer spekulieren, ob Snowden für die russischen Geheimdienste nützlich sein könnte. Er könne in Gefahr sein, heißt es, und es sei ja erstaunlich, dass die USA nicht gefordert hätten, ihn zu sehen und dass die internationalen humanitären Organisationen das auch nicht getan haben.

Allgemein sind die politischen Kommentare in russischen Internet-Foren von  Antiamerikanismus geprägt: Snowdens Aufenthalt in Russland ärgere die USA und das sei gut so.  Man sieht die Affäre als ein Form der Rache an Amerika,  als Rache für die ständige Kritik an den Menschenrechtsverstößen in Russland oder für die Magnitski-Liste mit Einreiseverboten und Kontensperrungen für kriminelle russische Beamte. Viele Journalisten, insbesondere in staatsnahen russischen Medien, verbreiten solche Meinungen.

Zahlreiche russische Politiker haben Snowden einen Held und Kämpfer für die Menschenrechte genannt. Alexander Sidjakin, ein Abgeordneter der regierenden Partei Einiges Russland, hat gar vorgeschlagen, Snowden für den Friedensnobelpreis zu nominieren. Snowden sei "der größte Pazifist", er habe für einen Nobelpreis nicht weniger getan als Barack Obama. Doch auch Russlands Journalisten halten solche Reaktionen für nicht ernst gemeint. Sie würden nur geäußert, um die USA zu ärgern. Doch zeige die Geschichte von Snowden, so der Tenor in russischen Medien, wie stark die Feindlichkeit in Russland und in der ganzen Welt gegenüber den USA sei.

Allerdings schreckt Russlands Regierung davor zurück, das ohnehin belastete  Verhältnis zu den USA noch komplizierter zu machen. Das zeigte sich bereits, als Putin vor Wochen mitteilte, Snowden dürfe nur dann bleiben, wenn er aufhöre, den USA weiter Schaden zuzufügen. Anschließend verzichtete Snowden auf Asyl in Russland.

Diesen Montag schrieb die russische Kommersant dann, die USA könnten den für Anfang September geplanten Besuch von US-Präsident Barack Obama absagen, falls Snowden Moskau bis dahin nicht verlassen habe. Der Kreml beeilte sich mitzuteilen: Die Vorbereitungen auf den Obama-Besuch liefen weiter, so Putins Sprecher Dmitri Peskow.

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Leserkommentare
    • doof
    • 09. Juli 2013 17:51 Uhr

    hier an dieser Stelle - meist egal welches Thema - dezidiert anti-russisch.
    Das ganze schenkt sich also nichts.

    (Wobei ehrlicherweise Russland nicht den Anspruch erhebt, der Hort von Demokratie, Menschenrechten und Freiheit zu sein und diese Werte auch in alle Welt exportieren zu wollen .... die USA könnten SO überzeugend sein wenn es ernst gemeint wäre und die Exportware nicht mit mehr oder weniger miesen Tricks versucht wird "an den Mann" zu bringen - dann würden sogar russische Zeitungen pro-amerikanisch schreiben, gehe ich jede Wette ein).

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    Echt? Für meine Bemerkung, dass offenbar 64 % der Spionage in Deutschland von russischer Seite ausgehen, haben sich überraschend wenige interessiert.

    Ich stimme Ihenen zu - Anti"russismus" ist so weit verbreitet, man merkt ihn kaum. Wenn irgendwo amerikanische Interessen angekratzt werden, dann wird immer drauf hingewiesen.
    Aber russische Interessen? Per se illegitim.

    • zeie
    • 10. Juli 2013 0:32 Uhr

    wahrscheinlich tendentiell eher etwas besser, als man (hier überwiegend) glaubt. Von Putin waren meine Erwartungen immer nur: nur Schlechtes: Ich war am Anfang total entsetzt über sein (von mir damals so empfunden - wahrscheinlich hat sich immer der Vergleich mit dem angenehmen Gorbatschow angeboten) extrem autoritäres Auftreten, dann über den Tscherschinien-Krieg (habe ich heute anders als damals, da ich mehr weiss)- und erst recht darüber, dass ein (Ex-aber egal) KGB-Mann jetzt Russland leitet. Ich dachte nie was anderes, als dass Russland vom KGB regiert wird In letzter Zeit beginne ich langsam, auch andere Seiten mit wahrzunehmen: Ich denke, dass Russland insgesamt in den Putin-Jahren deutlich an Stabilität gewonnen hat. Wie ich (erst) heute meine zu wissen, hätte Russland auch locker weiter zerfallen können (besonders wenn Tscherschinien sich abgespalten hätte? Ich glaube...) Russlands Wirtschaft ist in den Putin-Jahren nicht weiter zu Staub zerfallen und aussenpolitisch ist dieses Land eine stabile Grösse wieder geworden, es ist auf jeden Fall nicht mehr damit beschäftigt, selbst zu zerfallen, sich selbst zu bekriegen. Von Putin weiss man nur, dass der autoritär ist. (Und jetzt - so nach 10-15 Jahren - denke ich: noch mit das das Beste von allen schlechten Möglichkeiten???!???) Die USA dagegen schreit jeden Tag in die Welt, sie wären "Land of the Free". Wenn dann zum 1000. Mal rauskommt - sie sind faktisch kaum besser als Russland - dann fallen sie - jedesmal - tief.

    antirussisch? nein, das ist de facto nirgends zu beobachten.

    behauptet wird dieser umstand immer wieder, auch die kreml propaganda stilisiert sich gern pathetisch und pseudo-weinerlich zum opfer, was naive dann öfters nachplappern. es ist auch ein produkt russischer minderweritgkeitskomplexe, die auch vom kreml geschürt werden. män wäre eben gern noch "großmacht"... :)

  1. 2. Was??

    Noch kein Kommentar? Ich nehme an, das passt nun nicht besonders gut in die Denke des deutschen Empörtentums...

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    http://www.alles-vom-stra...

    und viel Spaß beim "Nachdenken" im Sand! :-)

    MfG
    biggerB

  2. Echt? Für meine Bemerkung, dass offenbar 64 % der Spionage in Deutschland von russischer Seite ausgehen, haben sich überraschend wenige interessiert.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Dafür ist der Tenor"
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    "Der Tenor ist allgemein anti-amerikanisch"

    der denn sonst sein?

    "...offenbar 64 % der Spionage in Deutschland von russischer Seite ausgehen..."

    Was heißt denn "offenbar"?

    könnten Sie vielleich noch eine Quelle benennen? Die Zahl von 64% scheint mir etwas merkwürdig; ich frage mich, wie man so etwas mißt. In Bits? Dann glaube ich nicht, daß die US-Amerikanischen Schüffelergebnisse - im Bereich von Zettabytes - übertroffen werden können.

    Aber ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen.

    mir ging es mit meinem Kommentar, dass rund 50% aller Beine links sind ganz ähnlich. Und ich schätze mal, ca. 98% unseres Internetverkehrs können von den Amerikanern überwacht werden. Und wenn ich Amerikaner sage, dann meine ich natürlich nicht Jim und Joe, die friedlich in Las Vegas am Spielautomaten sitzen, sondern eigentlich nur die NSA.

  3. beruht es wahrscheinlich auf Gegenseitigkeit.

    Klischees die immer wieder aufkommen. ^^
    "Beutekunst"

    Eine Leserempfehlung
    • Lyaran
    • 09. Juli 2013 18:11 Uhr

    Nur weil hier nicht der bedingungslose pro-Amerikanismus herrscht wie er lange Zeit während des kalten Krieges trainiert wurde.
    Wenn man die Situation in den USA mal relativ nüchtern betrachtet dann handelt es sich um einen menschnerechtsverachtenden Überwachungsstaat.
    Natürlich haben die USA auch guten EInfluß auf die Weltgeschichte genommen aber dennoch darf der Blick dadurch nicht getrübt werden.

    Und wer international hohe Ansprüche stellt muss eben auch selbst an diesen gemessen werden.

    21 Leserempfehlungen
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    "Wenn man die Situation in den USA mal relativ nüchtern betrachtet". Und ich würde gerne hinzufügen wollen "(die Situation in den USA) und dem Rest der Welt".

    Ich will Amerika nicht als das tolle Land darstellen, das immer Recht hat. Ich stehe Amerika ausgesprochen kritisch gegenüber. Aber man sollte es auch nicht verteufeln, sondern, wie Sie sagen, es nüchtern und vor allem im globalen Rahmen betrachten.

    • fx66
    • 09. Juli 2013 19:11 Uhr

    > Natürlich haben die USA auch guten EInfluß auf die Weltgeschichte
    > genommen aber dennoch darf der Blick dadurch nicht getrübt werden.

    Mmh, welchen?

  4. "Der Tenor ist allgemein anti-amerikanisch"

    der denn sonst sein?

    "...offenbar 64 % der Spionage in Deutschland von russischer Seite ausgehen..."

    Was heißt denn "offenbar"?

    3 Leserempfehlungen
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    nach Auskunft eines Mitforisten ca. 25 % auf Amerika und ca. 11 % auf Asien zurückgehen. Ich habe mal vermutet, dass für den Rest Russland zuständig ist, lasse mich aber gerne eines Besseren belehren, wenn Sie genauere Zahlen haben.

  5. "Wenn man die Situation in den USA mal relativ nüchtern betrachtet". Und ich würde gerne hinzufügen wollen "(die Situation in den USA) und dem Rest der Welt".

    Ich will Amerika nicht als das tolle Land darstellen, das immer Recht hat. Ich stehe Amerika ausgesprochen kritisch gegenüber. Aber man sollte es auch nicht verteufeln, sondern, wie Sie sagen, es nüchtern und vor allem im globalen Rahmen betrachten.

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    • fx66
    • 09. Juli 2013 19:14 Uhr

    Der Großteil geht von britischer Seite aus. Ich dachte Sie hätten die Nachrichten verfolgt.

  6. Snowden ist ein Geschenk für Russland. Denn es senkt den moralischen Stand der USA noch weiter als es sowieso schon der Fall ist. Angebliche Menschenrechtsverletzungen in Russland sind nur noch ein Trübes Lächeln wert, wenn diese Krtitik aus dem Mund der USA kommt. Im Kampf der Weltmächte hat die USA wieder Boden verloren.

    Die Russen werden das alles solange schmunzelnd beobachten, aber Snowden nicht direkt unterstützen. Zumindest nicht offiziell. Warum Ärger provozieren, wenn auch so alles am Schnürchen läuft.

    Wenn diese Affaire der USA schadet, dann ist das nicht nur fair, sondern bitter nötig. Eine Weltmacht ohne Anstand, Moral und Sinn für internationale Gesetze bedeutet eine weltweite Diktatur. Jeder Widersacher ist gesund für das Gleichgewicht.

    22 Leserempfehlungen
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    "Angebliche Menschenrechtsverletzungen in Russland [...]"

    Das ist ja süß. Angebliche??

    Das ist ja fast so gut wie "angebliche Spionage seitens der NSA" ;)

    Also bitte, fundierte Kritik an den USA in allen Ehren, aber wir wollen doch mal nicht gleich alles auf russischer Seite unter den Teppich kehren, oder?! ;)

    http://www.youtube.com/wa...

    Alles nur Einbildung? Oder ist das alles nur "angeblich" passiert, "mutmaßlich" quasi?

    Oder die "angeblichen" Gesetze, die das Homosexuell-sein als Straftatbestand deffiniert?
    Keine Pressefreiheit, kein recht auf Privatsphäre..etc...
    Das passiert alles nur "angeblich"? Oder sind das einfach nur keine Menschenrechtsverletzungen für sie?

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Edward Snowden | Russland | USA | Barack Obama | Medien | Asyl
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