Es mag für manchen politisch Interessierten höchst paradox klingen, doch wer in diesen Tagen Wert auf die Stabilität der Euro-Zone legt, sollte hoffen, dass Silvio Berlusconi dort bleibt, wo er ist. Denn die Tatsache, dass die Zinsen auf italienische Staatsanleihen vorläufig niedrig sind und die europäischen Börsenindizes stabil bleiben, verdankt man vor allem dem Umstand, dass der gefährlichste Politiker Italiens noch im Senat sitzt.

Wie kann es sein, dass ein einziger Mann die drittwichtigste Wirtschaftszone der Welt als Geisel nehmen kann?

Die heutige Situation ist die Folge jahrzehntelanger Machtspiele in der italienischen Politik. So ist Berlusconis Partei, die PDL, aufgrund eines umstrittenen, jedoch nie geänderten Wahlgesetzes lebenswichtig für die Stabilität der amtierenden Regierung. Das Schicksal der PDL ist wiederum untrennbar verbunden mit dem ihres Anführers. Denn der Medientycoon ist nach wie vor der Schlussstein der gesamten Parteistruktur. Ohne ihn, sagen die PDL-Kader, würde die Partei zusammenbrechen.

Deshalb war die Regierung bislang extrem vorsichtig in der Bewertung des Urteils zum Mediaset-Prozess. Sowohl Berlusconis Parteifreunde als auch seine Gegner wissen sehr gut, dass der Expremier absolut unberechenbar ist, wenn man ihn in die Enge treibt. So saßen sowohl Ministerpräsident Letta als auch Staatspräsident Napolitano am Sonntag gespannt vor dem Fernseher, als Berlusconi in Rom vor ungefähr dreitausend Anhängern auftrat, um seine künftige Schritte bekannt zu geben.

Berlusconis unerwartete Wendung

Mit tränenfeuchten Augen sprach er zum hundertsten Mal über die gerichtliche Verfolgung, die er trotz seiner beispielhaften Karriere erleiden musste. Erneut prangerte er die vermeintliche Verschwörung ferngesteuerter Richter an und rief seine Anhänger dazu auf, geschlossen gegen das "Regime" zu kämpfen. Doch dann kam eine unerwartete Wendung: "Diese Regierung muss weitermachen. Das Parlament muss unser Reformprogramm vorantreiben", sagte Berlusconi. Letta und Napolitano atmeten auf.

Diese Strategie hat der Fernsehguru in seiner Karriere schon sehr oft angewandt: Wenn er sich seiner Machtposition sicher ist, gibt er sich gleichzeitig kämpferisch und verantwortungsvoll, gesetzestreu und umstürzlerisch.

Doch diesmal sieht es so aus, dass er es auch ernst meint. Denn Berlusconi ist im Moment das Opfer seiner eigenen Strategie. Sollte er den "Falken" in seiner Partei recht geben und die Regierung stürzen, würde er seine Machtposition verlieren und damit die Möglichkeit, die Regeln des Spieles zu bestimmen.

So ist die Aussage, er wird auf jeden Fall der Letta-Regierung treu bleiben, vor allem eine Botschaft an Napolitano: Er hat seinen Teil für die Stabilität der Regierung beigetragen, nun soll sich der Staatspräsident dafür einsetzen, dass ihm ein unrühmliches Ende erspart bleibt. Anders gesagt: Napolitano soll von seinen Befugnissen Gebrauch machen, um ihn entweder zu begnadigen oder die Haftstrafe in eine Geldstrafe umzuwandeln.

Napolitano kündigte bereits an, dass beide Optionen im Moment sehr unwahrscheinlich sind, denn eine Begnadigung kommt bei Angeklagten, die in mehreren Verfahren verwickelt sind, überhaupt nicht infrage. Trotzdem empfing er am Montag die PDL-Fraktionschefs Brunetta und Schifani, um einen möglichen Ausweg aus der Führungskrise der Partei auszuarbeiten.