Unruhen in ÄgyptenEinsatzkräfte töten viele Islamisten bei Fluchtversuch

In Kairo versuchten Bewaffnete, festgenommene Muslimbrüder zu befreien. Dabei kamen offenbar zahlreiche Islamisten ums Leben.

Ägyptische Soldaten entfernen Stacheldraht vor dem Obersten Gericht in Kairo

Ägyptische Soldaten entfernen Stacheldraht vor dem Obersten Gericht in Kairo  |  © Virginie Nguyen Hoang/AFP/Getty Images

Bei dem Versuch, festgenommene Mitglieder der Muslimbruderschaft zu befreien, sind mindestens 36 Menschen getötet worden. "Unbekannte Bewaffnete" hätten am Sonntagabend im Norden von Kairo eine Wagenkolonne mit festgenommenen Muslim-Brüdern angegriffen, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Mena.

Unter den Angreifern sollen demnach Mitglieder der Muslimbruderschaft gewesen sein. Sie wollten mehr als 600 Kameraden befreien, die in das Gefängnis Abu Saabal transportiert werden sollten.

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Das Innenministerium bestätigte die Totenzahl zunächst nicht. Ein Sprecher sagte, dass mehrere Insassen einen Polizisten als Geisel genommen hätten. Sie seien anschließend auf dem Weg zum Gefängnis an Tränengas erstickt.

Gleichzeitig drohte das Militär den Islamisten, weiter hart gegen die Mursi-Unterstützer vorzugehen. Die Armee werde Gewalt, Brandschatzung und Terror nicht tatenlos mit ansehen, sagte Verteidigungsminister Abdel Fattah al-Sissi. Es war seine erste Stellungnahme, seit die Gewalt am Mittwoch eskalierte.

Die ägyptische Regierung verbot am Sonntag Bürgerwehren, die sich gebildet hatten, um die Stadtviertel zu sichern. Diese würden vielfach benutzt, um illegale Handlungen zu begehen, sagte ein Sprecher des Innenministeriums. In vielen Vierteln haben die Bürgerwehren Straßensperren errichtet. Viele der Mitglieder sind bewaffnet.   

Am Samstag sind bei den Zusammenstößen zwischen Islamisten und der ägyptischen Polizei 79 Menschen getötet worden. Das berichtete die Nachrichtenagentur Mena. Damit sind bei den Unruhen in Ägypten in den vergangenen vier Tagen mindestens 888 Menschen ums Leben gekommen. 

Merkel will Waffenexporte an Ägypten prüfen lassen

Angesichts der Ereignisse in Ägypten will Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ein Stopp der Waffenexporte in das Land prüfen. "Wir werden die Situation neu bewerten müssen", sagte sie dem ZDF. Möglich sei, die Waffenexporte in das Land zu beschränken, um der Regierung deutlich zu machen, "dass Gewalt nicht akzeptabel ist".

Im US-Kongress wird darüber gestritten, ob die Militär- und Wirtschaftshilfe in Höhe von 1,5 Milliarden US-Dollar gestrichen werden sollte. Die USA sollten die Gelder einbehalten, sagte der republikanische Senator John McCain in einem Interview mit CNN. Der demokratische Senator Jack Reed sagte, der Kongress sollte beschließen, die Zahlung der Gelder zu unterbrechen.

In Brüssel beraten am Montag die Botschafter der 28 EU-Staaten über eine europäische Reaktion auf die Eskalation der Gewalt in Ägypten. "Die Gewalt und das Töten in den vergangenen Tagen können weder gerechtfertigt noch stillschweigend geduldet werden", hieß es in einer Erklärung des EU-Ratsvorsitzenden Herman Van Rompuy und des EU-Kommissionschefs José Manuel Barroso.

Der saudi-arabische Außenminister Prinz Saud al-Faisal warnte die westlichen Staaten davor, zu viel politischen Druck auf die ägyptische Regierung auszuüben. "Wir erreichen nichts durch Drohungen", sagte Al-Faisal. Saudi-Arabien war ein enger Verbündeter des 2011 aus dem Amt verdrängten ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak. Die saudische Regierung fürchtet, dass sich die Ideologie der Muslimbrüder in der Golfregion ausbreiten könnte.

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Leserkommentare
  1. bald werden wir sie nicht mehr zählen können.

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    Die Zahl der Toten strebt eben nicht in das Unermessliche, weil deren Zahl von Tag zu Tag abnahm. 638 am Mittwoch inklusive 43 Polizisten, Freitag 179, Samstag 79 und Sonntag 38 Tote. Das liegt unter anderem daran, dass die Demos für Sonntag von den Muslimbrüdern abgesagt wurden, weshalb nur 600 Demonstranten gemeldet wurden. Zudem pocht die Übergangsregierung auf das staatliche Gewaltmonopol und verbietet Bürgerwehren, die den Konflikt unkontrolliert anheizen könnten.

    Es stellt sich also zuerst die Frage, wie es in Ägypten weitergehen wird, ehe man die Zahl der erwarteten Toten schätzt!

    Die Muslimbrüder hatten sich mit ihren Demos und Camps kompromisslos gegen den Staat und die Übergangsregierung gestellt. Diesen Kampf haben sie verloren. Das scheinen auch die Muslimbrüder erkannt zu haben.

    Werden sie die Demos wieder aufnehmen? Werden diese friedlich verlaufen oder nehmen sie wieder Waffen mit? Verstoßen sie gegen die Ausgangssperre oder das Verbot der Campbildung? Dann würde mit weiteren Toten zu rechnen sein.

    Oder beteiligen sie sich am Übergangsprozess, damit sie ihren politischen Einfluss behalten? Dann wäre das Töten beendet.

    In 85 Jahren haben die Muslimbrüder keinen Bürgerkrieg begonnen, warum also jetzt? Ggf. gibt es Terror von einzelnen Muslimbrüdern. Die Toten würden dann aber nicht den Sicherheitskräften, sondern den Muslimbrüdern angerechnet.

    Es gibt derzeit zu wenige Anzeichen, um die weitere Entwicklung in Ägypten erkennen zu können!

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/sam

  2. Die ägyptische Armee ist das letzte Bollwerk gegen einen islamistischen Gottestaat in diesem Land und der "demokratischen" Weltgemeinschaft fällt zur Lösung dieser Krise nichts besseres ein, als der in den Rücken zu fallen?

    Arm, wirklich arm.

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    nur noch den Kopf schütteln:
    Ein Putschgeneral läßt Massenmorde durch seine Soldaten durchführen und Sie fordern auch noch Solidarität mit denen.
    Geht´s noch???

    Auch wenn es in Ihren Augen nur Moslems sind: Es sind Menschen die dort reihenweise abgeschossen werden. Machen Sie sich das mal klar.

    Die ägyptische Armee metzelt da Menschen zu Hunderten nieder und bastelt eifrig an der nächsten Militärdiktatur, und Ihnen fällt nichts besseres ein, als ebendiese Armee als Streiter für das Gute in einem imaginierten Kulturkampf hochleben zu lassen?

    Das ist nicht bloß arm und nicht bloß traurig, das ist geradezu widerlich.

  3. Das Land hat 90 Millionen Einwohner, 60 Prozent Analphabeten, eine hohe Arbeitslosigkeit, und eine überwiegend junge Bevölkerung. Da kann doch niemand daran glauben, dass das Militär die Macht aus der Hand gibt, und in dem Land die Demokratie einführt. Demokratie ist nun mal nichts für Staaten, deren Bevölkerung überwiegend dem islamischen Glauben anhängt.

    Da dürfte die Türkei mit Einschränkungen die rühmliche Ausnahme sein. Ansonsten kenne ich kein arabisches Land, welches demokratisch regiert wird, so wie wir es aus dem Westen kennen.

    4 Leserempfehlungen
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    Die Muslimbrüder hätten als unterdrückte und verbotene Organisation in den vergangenen 85 Jahren einen Bürgerkrieg anfangen können. Statt dessen bauten sie aber soziale Strukturen auf. Boten die Diktatoren kein geeignetes Feindbild? Oder sahen sie sich einfach als unterlegene Partei?

    In den vergangenen Tagen nutzten sie die 10% Kopten als Feindbild. Gewalt gegen Kopten würde aber kein Bürgerkrieg sein.

    Können sie die säkularen Muslime als Feindbild aufbauen? Dann stellen sie sich auch gegen die Armee. Können sie den Kampf gewinnen?

    Wie wollen sie den Bürgerkrieg finanzieren? Es gibt zwar reiche Muslimbrüder, die mit ihren Wirtschaftsunternehmen jedoch im Bürgerkrieg verarmen würden. Würde Katar den Bürgerkrieg finanzieren? Das würde die internationale Integration Katars zerstören. Dabei integriert sich Katar, um den Reichtum für die Zeit nach dem Öl zu sichern.

    Kurzfristig wäre Terror denkbar. Aber den gab außer auf dem Sinai nur einmal in Luxor. Als Terrororganisation würden die Muslimbrüder jedoch ihre Zustimmung ihrer Anhänger wohl verlieren.

    Also wo sind jetzt die Anzeichen für einen Bürgerkrieg?

  4. nur noch den Kopf schütteln:
    Ein Putschgeneral läßt Massenmorde durch seine Soldaten durchführen und Sie fordern auch noch Solidarität mit denen.
    Geht´s noch???

    Auch wenn es in Ihren Augen nur Moslems sind: Es sind Menschen die dort reihenweise abgeschossen werden. Machen Sie sich das mal klar.

    7 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Armutszeugnis"
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    [...]
    Denken Sie mal über den europäischen Klein-Tellerrand hinaus.
    Wird Ägypten islamisch regiert dann wird die ganze Region brennen.
    Wenn der Suezkanal fällt, dann fliegen dort die Fetzen,
    Was glauben Sie wohl warum sich Russland aktuell zurückhält ?

    [...]

    Gekürzt. Bitte bemühen Sie sich um einen respektvollen Diskussionston und verzichten Sie auf überzogene Polemik. Danke, die Redaktion/sam

    Für mich ist ein Moslem nicht mehr oder weniger ein Mensch als, jeder andere auch, nur um das mal klar zu stellen. Die nicht radikalisierten Ägypter sind übrigens in der ganz großen Mehrheit auch Moslems...

    Und es ist keineswegs so, dass da nur einseitig "Menschen abgeschossen" werden. Wieviele Polizeistationen und Behörden sind von dem aufgehetzten Pöbel gleich nochmal angegriffen worden, wieviele Beamte getötet? Wieviele Kirchen und christliche Einrichtungen demoliert?

    Glauben Sie etwa, dass Morden wird aufhören, wenn man die Moslembrüder gewähren lässt? Schon vergessen, was bei denen auf der Agenda steht?

    Ich würde gerne mal wissen, was los wäre, wenn hierzulande eine religiöse Sekte Zehntausende sozial deklassierte Anhänger mobilisieren würde, die mordend und brandschatzend durchs Land ziehen würden und versuchen würden, die Macht an sich zu reißen und allen ihre religiösen Vorstellungen aufzuzwingen. Wie schnell würde man hier nach Polizei und Bundeswehr rufen, wenn erstmal einige Großstädte in Brand stehen würden?

    Interessant, nicht wahr, wie sich die Perspektiven verschieben, wenn man das Reizwort "Islam" aus der Gleichung nimmt und das ganze in den heimischen Vorgarten verlegt?

    Außerdem habe ich nicht verlangt, dass man kritiklos mit dem Militär umgehen soll, aber etwas mehr Konstruktivismus, als die jetzt als Buhmänner hinzustellen, würde ich von der Weltgemeinschaft schon erwarten...

    sind mit Sicherheit nicht "Keine Gewalt!" skandiert und haben den Soldaten keine Sonnenblumen ins Knopfloch stecken wollen.

  5. [...]
    Denken Sie mal über den europäischen Klein-Tellerrand hinaus.
    Wird Ägypten islamisch regiert dann wird die ganze Region brennen.
    Wenn der Suezkanal fällt, dann fliegen dort die Fetzen,
    Was glauben Sie wohl warum sich Russland aktuell zurückhält ?

    [...]

    Gekürzt. Bitte bemühen Sie sich um einen respektvollen Diskussionston und verzichten Sie auf überzogene Polemik. Danke, die Redaktion/sam

    5 Leserempfehlungen
  6. Die ägyptische Armee metzelt da Menschen zu Hunderten nieder und bastelt eifrig an der nächsten Militärdiktatur, und Ihnen fällt nichts besseres ein, als ebendiese Armee als Streiter für das Gute in einem imaginierten Kulturkampf hochleben zu lassen?

    Das ist nicht bloß arm und nicht bloß traurig, das ist geradezu widerlich.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Armutszeugnis"
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    Ich weiß nicht, was an dem erklärten Ziel der Moslembrüder und ihrer Gesinnungsgenossen ein Staatswesen zu errichten, dass sich an der Sharia orientiert "imaginiert" sein soll.

    Sie können ja auch mal die ägyptischen Christen, deren Häuser, Läden und Kirchen niedergebrannt werden, "weil sie Ungläubige sind" (= weil man sie deshalb ungestraft ausrauben und mißhandeln darf) fragen, ob sie das alles nur "imaginieren".

    Es gibt in Ägypten im Groben drei Gruppen. Die Islamisten wie MB und Salafisten. Das Militär und die Anhänger des alten Regimes. Und die säkularen Muslime in Tamarod, welche 2011 den Sturz Mubaraks forderten.

    Derzeit haben sich Tamarod und das Militär gegen die Islamisten zusammengeschlossen. Es gab bereits im Juli eine Bewegung gegen MB UND Militär, die sich auf Twitter #ThirdSquare nannte. Diese erhielt von Tamarod eine Absage, weil jetzt erst der Übergangsprozess bis zum erfolgreichen Verfassungsreferendum die volle Unterstützung benötige.

    Bei den anschließenden Neuwahlen könnte das Bündnis aufbrechen, wenn das Militär weitere politische Ansprüche anmeldet. Diese sind aber weitgehend unwahrscheinlich, solange das Militär seine Privilegien der Wirtschaftsunternehmen und des eigenständig verwalteten Militärhaushalts behält.

    Bei den Wahlen ist dann entscheidend, mit wie vielen Kandidaten die säkularen Muslime antreten. 2012 erhielten drei Kandidaten beim 1. Wahlgang zusammen 49,32% der abgegebenen Stimmen. Eine Abspräche hätte die Teilnahme Ahmad Shafiks mit 23,66% , Mitglied des alten Regimes, in der Stichwahl verhindert. Tamarod sollte verstanden haben, dass sie für Präsidentschaftswahlen wie die Linken in Frankreich einen gemeinsamen Kandidaten aufstellen müssen.

    Diese Lösung ist für das Militär wesentlich eleganter, als mit einem Diktator und Ausnahmezustand zu regieren, weil der Unmut der Bevölkerung die zivile Regierung und nicht das Militär träfe!

  7. Für mich ist ein Moslem nicht mehr oder weniger ein Mensch als, jeder andere auch, nur um das mal klar zu stellen. Die nicht radikalisierten Ägypter sind übrigens in der ganz großen Mehrheit auch Moslems...

    Und es ist keineswegs so, dass da nur einseitig "Menschen abgeschossen" werden. Wieviele Polizeistationen und Behörden sind von dem aufgehetzten Pöbel gleich nochmal angegriffen worden, wieviele Beamte getötet? Wieviele Kirchen und christliche Einrichtungen demoliert?

    Glauben Sie etwa, dass Morden wird aufhören, wenn man die Moslembrüder gewähren lässt? Schon vergessen, was bei denen auf der Agenda steht?

    Ich würde gerne mal wissen, was los wäre, wenn hierzulande eine religiöse Sekte Zehntausende sozial deklassierte Anhänger mobilisieren würde, die mordend und brandschatzend durchs Land ziehen würden und versuchen würden, die Macht an sich zu reißen und allen ihre religiösen Vorstellungen aufzuzwingen. Wie schnell würde man hier nach Polizei und Bundeswehr rufen, wenn erstmal einige Großstädte in Brand stehen würden?

    Interessant, nicht wahr, wie sich die Perspektiven verschieben, wenn man das Reizwort "Islam" aus der Gleichung nimmt und das ganze in den heimischen Vorgarten verlegt?

    Außerdem habe ich nicht verlangt, dass man kritiklos mit dem Militär umgehen soll, aber etwas mehr Konstruktivismus, als die jetzt als Buhmänner hinzustellen, würde ich von der Weltgemeinschaft schon erwarten...

    9 Leserempfehlungen
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    Und zwar alternativlos.

    Bei den MB handelt es sich um eine religiös motivierte Terrorbande, die es zu bekämpfen gilt. Nicht nur um der Ägypter Willen, sondern auch um unser Willen.

  8. Ich weiß nicht, was an dem erklärten Ziel der Moslembrüder und ihrer Gesinnungsgenossen ein Staatswesen zu errichten, dass sich an der Sharia orientiert "imaginiert" sein soll.

    Sie können ja auch mal die ägyptischen Christen, deren Häuser, Läden und Kirchen niedergebrannt werden, "weil sie Ungläubige sind" (= weil man sie deshalb ungestraft ausrauben und mißhandeln darf) fragen, ob sie das alles nur "imaginieren".

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Armutszeugnis."
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    Sie haben ja völlig Recht. Hoffentlich werden die übriggebliebenen Muslimbrüder bald auch noch alle über den Haufen geschossen, dann ist endlich Ruhe im Karton, und Ägypten kann sich zu einem demokratischen Musterland entwickeln. Oder wie jetzt?

    (Ja, das ist Sarkasmus.)

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, AP, dpa, Reuters, nsc
  • Schlagworte Ägypten | Gefängnis | Gewalt | Herman van Rompuy | Hosni Mubarak | Muslimbruderschaft
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