ProtesteVerhaftungswelle in Ägypten

Wegen Mordes, versuchten Mordes oder Terrorismus ermitteln die Behörden gegen hunderte Muslimbrüder. Ministerpräsident Hasam el-Beblawi erwägt ein Verbot der Partei.

Unterstützer des Expräsidenten Mursi während der Auseinandersetzungen am 16. August

Unterstützer des Expräsidenten Mursi während der Auseinandersetzungen am 16. August  |  © Virginie Nguyen Hoang/AFP/Getty Images

Die ägyptischen Behörden haben eine Verhaftungswelle ausgelöst. Sicherheitskräfte nahmen mehr als 1.000 Anhänger der Muslimbrüder fest. Sie ermitteln nun gegen 250 Personen wegen Mordes, versuchten Mordes und Terrorismus. Dies meldete die staatliche Nachrichtenagentur Mena. Mehr als 170 Personen waren am sogenannten Tag des Zorns ums Leben gekommen.

Im Zentrum Kairos räumten Sicherheitskräfte am Samstag die Fatah-Moschee, wo hunderte Mursi-Anhänger sich seit Freitag aufgehalten hatten. Bewaffnete Männer hatten vom Minarett aus auf Soldaten und Polizisten geschossen. Es sei nötig gewesen, die Moschee zu stürmen, um zu verhindern, dass sich dort ein neues Protestcamp bilden könne, hieß es aus Sicherheitskreisen.

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Ägyptens Ministerpräsident Hasam el-Beblawi beauftragte das Ministerium für Gesellschaftliche Solidarität damit, ein Verbot der Muslimbrüder zu prüfen, sagte ein Regierungssprecher. Die 1928 gegründete Organisation war bereits unter dem früheren Präsidenten Husni Mubarak verboten. Viele Mitglieder wurden damals verfolgt und inhaftiert.

Westerwelle will Rüstungsexporte stoppen

Außenminister Guido Westerwelle mahnte seinen ägyptischen Amtskollegen Nabil Fahmy in einem Telefongespräch zur Deeskalation. Zugleich erklärte er im Magazin Focus, dass er deutsche Rüstungsexporte nach Ägypten stoppen wolle.

Unterdessen verbarrikadierten Panzerfahrzeuge und Soldaten den Zugang zum Ramses-Platz. Zehntausende Menschen protestieren dort am Freitag. Islamisten hatten zu einem "Freitag des Zorns" aufgerufen. Eine Reaktion auf die Räumung ihrer Protestlager am Mittwoch, bei denen nach Regierungsangaben landesweit 638 Menschen getötet und Tausende verletzt worden waren. Die Muslimbruderschaft rief ihre Anhänger auf, die Demonstrationen täglich fortzusetzen.

Die Gewalt droht sich auf Ägyptens Nachbarländer auszuweiten. In Bengasi in Libyen explodiertet vor dem ägyptischen Konsulat ein Sprengsatz. Unbekannte hätten ihn von einem Auto aus in Richtung des Gebäudes geworfen, sagte ein Sprecher der Sicherheitskräfte. Durch die Explosion sei niemand verletzt worden. Mehrere Dutzend Menschen protestierten zum Zeitpunkt der Tat gegen das Vorgehen der ägyptischen Sicherheitsbehörden gegen Mursi-Anhänger.


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Leserkommentare
  1. Die Muslimbrüder haben echt ein großes Glück auf so große Mengen einfältiger Ägypter zurückgreifen zu können. Alleine wären die Herren wieder alle im Knast und es wäre Ruhe. Wer jetzt noch auf der Straße steht und protestiert, der hat nicht bemerkt, dass manche der Herren in zweiter Reihe auf den Demonstrationen bewaffnet sind und man selbst nur benutzt wird.

    Deeskalation, Herr Westerwelle? Wie denn bitte, wenn die Muslimbrüder auf sturem Konfrontationskurs sind? Denen sind die Leben ihrer Mitbürger völlig egal, umso besser wenn einige Demonstranten abkratzen, das heizt den Rest noch stärker an.

    Eine Leserempfehlung
  2. Informationsdefizit erkennbar. [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ls

  3. Was man politisch nicht erreichen konnte, will man nun mit Gewalt erreichen. Man weiss, dass man keine Chance bei freien Wahlen hätte, also folgt nun eine maßlose Repression mit unverhältnismässiger Gewalt, Verhaftungen und der Behandlung der MB als Freiwild....

    Man hofft so die MB zu zerschlagen und dann in ein paar Monaten "freie Wahlen", natürlich ohne die MB, um dann die Macht "unter sich aufzuteilen".

    Zum Kommentar 1 kann man nur empfehlen "alle Nachrichten", auch, die einem nicht gefallen, zu lesen. Zahlreiche Verwandte der ersten Riege der MB sind gestorben oder schwer verletzt. Anscheinend haben sie noch nicht begriffen, wer das Gewaltmonopol hat und wer die meisten Opfer zu beklagen hat, denn dann würde man nicht die Schuld bei der MB suchen. Vielmehr ist den Putschisten das Leben ihrer Mitbürger völlig egal, sonst würden sie nicht mit scharfer Munition friedliche Demonstranten erschiessen.
    Zum Thema Kompromissfähigkeit der MB empfehle ich Ihnen die Erklärung vom Friedensnobelpreisträger El Baradei zu lesen, in der er bestätigt, dass die MB verhandlungsbereit war, er jedoch zur Überzeugung gekommen war, dass seitens des Militärs endgültig mit der MB abgerechnet werden sollte.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, ap, Reuters, nsc
  • Schlagworte Guido Westerwelle | Außenminister | Demonstration | Focus | Gebäude | Minarett
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