Seine Stimme überschlug sich bis an den Rand der Hysterie. "Diese Leute hissen die Flagge von Al-Kaida im Herzen von Kairo und schießen mit Maschinengewehren auf Zivilisten. Wir appellieren an die westlichen Nationen, endlich zu begreifen, was hier vorgeht. Keine Regierung der Welt würde das inmitten ihrer Hauptstadt akzeptieren", kreischte der Sprecher des ägyptischen Außenministeriums in die Mikrofone. Ägypten werde jede internationale Einmischung zurückweisen. "Das ist die Revolution vom 30. Juni und dies ist der Wille des Volkes."

Auch wenn es sich bei diesen Worten um besonders martialische Rhetorik handelt: Den politisch Verantwortlichen am Nil scheint angesichts der blutigen und anarchischen Zustände im ganzen Land langsam die Nerven durchzugehen. Sicherheitskräfte schießen kaltblütig auf Demonstranten; Menschen gehen mit Pistolen, Macheten und Messern aufeinander los; Geschäfte stehen in Flammen; Tote liegen reihenweise in weiße Leinen gehüllt sogar in Moscheen aufgebahrt; Verletzte krümmen sich blutend auf den Gebetsteppichen und nächtliche Schusswechsel hallen selbst durch die gehobenen Wohnviertel von Kairo, wie Zamalek und Dokki, wo die meisten der ausländischen Botschaften liegen.

Ausgelöst durch das schlimmste Massaker in der modernen Geschichte Ägyptens am vergangenen Mittwoch mit mindestens 630 Toten und rund 4.000 Verletzten gerät die Lage Stunde für Stunde weiter außer Kontrolle. Die ganze Nacht zu Samstag lag eine Dunstwolke aus Brandgeruch und Tränengas über der Innenstadt, nachdem ausgerechnet die zentrale Blutbank des Landes nahe dem Ramses-Platz durch die Kämpfe in Brand geraten war. Zwischen 19 Uhr abends und 6 Uhr früh herrschte Ausgangssperre, nicht nur in Kairo, auch in Alexandria sowie den oberägyptischen Städten im Niltal und im Nildelta.

Deshalb sind beim Anflug auf Kairo nirgendwo die gewohnten roten und weißen Endlosbänder von Autolichtern zu sehen. Die Straßen glitzern leer und pechschwarz im Schein der Laternen. Ab und zu ist ein vereinzeltes Fahrzeug auszumachen, was sich durch das Dunkel tastet. Hunderte Ankömmlinge müssen die Nacht auf dem Flughafen verbringen, vor allem, wenn ihre Wohnungen in Giza oder den Trabantenstädten auf der anderen Seite des Nils liegen. Ein Teil von ihnen umringt die Stände der Taxifirmen, Familien mit Kindern lagern auf den modernen, silbernen Metallbänken der Ankunftshalle. Zwischen ihnen läuft ein Mitarbeiter von Egypt Air und verteilt Erfrischungsgetränke und warme Mahlzeiten aus den Beständen der staatlichen Fluglinie, wie es Transportminister Abdel Asis Fadel tags zuvor in einer Pressemitteilung versprochen hatte.

Bürgerwehren sichern ihre Viertel

Draußen in der brütenden Nachthitze dagegen herrscht gespenstische Stille. Einzig Reisende, die vom Flughafen nach Hause oder ins Hotel wollen, ist es erlaubt, sich per Taxi durch die völlig leeren Straßen zu bewegen. Brücken und Hochstraßen, von denen aus Kasernen oder Armeegebäude eingesehen werden können, sind gesperrt. Immer wieder sieht man junge Männer, die Hände auf dem Rücken gefesselt und bewacht von Soldaten, auf Grünstreifen hocken. Bürgerwehren mit Knüppeln, Eisenstangen und Motorradhelmen haben sich in der Nacht an den Zufahrten zu ihren Wohnvierteln postiert und verwehren jedem fremden Wagen die Durchfahrt. Alle 500 bis 1.000 Meter stehen Soldaten an Straßensperren.

Seit drei Tagen sollen nach dem Willen der Armeeführung die Straßen nachts allein Polizei und Militär gehören. Trotzdem hat es am Freitag erneut bis spät in die Nacht auf dem Gebiet um den Ramses-Platz bewaffnete Kämpfe mit Anhängern des abgesetzten Präsidenten Mohammed Mursi gegeben. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums starben allein an diesem "Freitag des Zorns" mehr als 170 Menschen, darunter der Enkel des Muslimbrüder-Gründers Hassan al-Banna sowie der Sohn des heutigen Chefs Mohammed Badie.

In dem Viertel befindet sich der Hauptbahnhof der Stadt, zudem führt durch diesen Teil Kairos die wichtigste Verkehrsader der 25-Millionen-Metropole. Rund um den Ramses-Platz liegen auch die Handwerksstraßen der Möbelschreiner, Badausstatter und Werkzeughändler. Am Samstagmorgen erst wurde das ganze Ausmaß der Zerstörung sichtbar: aufgerissene Dächer, ausgebrannte und geplünderte Läden, die Gassen übersäht mit Steinen.