Tausende aufgebrachte Anwohner belagerten daraufhin die nahe Al-Fath-Moschee, um Rache zu nehmen an den Brandstiftern, die sie unter den etwa 1.000 Islamisten im Inneren vermuten. Am Nachmittag stürmten Polizisten und Soldaten dann die Moschee, sogar die Minarettspitze nahmen sie unter Feuer, weil sie hoch oben Bewaffnete vermuteten, während sich die Eingeschlossenen in Todesangst hinter den Säulen des Gotteshauses duckten.

Die ägyptische Presse heizt die Lage bislang ungehemmt mit Hasstiraden und Vernichtungsphantasien an. "Wir sind alle wie gehirngewaschen, ich erkenne mein Land nicht wieder", sagte eine junge Frau, eine seltene Stimme dieser Tage, die ihren Namen dann auch nicht nennen will. "Wir wissen nun, wer Ägypten aufbaut, und wer es niederbrennt", wütete dagegen ein Kommentator in der Zeitung Al-Masry Al-Youm, in den Zeiten des Volksaufstands gegen Hosni Mubarak noch ein respektiertes Blatt. 

Die Muslimbrüder nennt er eine Terrorbande, denen das Schicksal Ägyptens völlig egal sei. "Denkt gar nicht erst daran, mit denen Gespräche zu führen. Zwingt sie in die soziale und politische Isolation. Ihr Platz ist das Gefängnis." Am Nachmittag deklamierte dann der Sprecher von Übergangspremier Hasim al-Beblawi, man werde fortfahren, den Terrorismus "mit eiserner Faust" zu bekämpfen.

Doch nicht alle wollen sich von dem eskalierenden Chaos einschüchtern und lähmen lassen. So nutzte ein Dutzend Jugendliche die autofreie Nacht auf der Nilcorniche in Dokki für ein mitternächtliches Fußballmatch auf dem Asphalt. Über ihnen auf der verwaisten achtspurigen Nilbrücke turtelte ein junges Paar am Straßenrand in ihrem kleinen Auto, das sie irgendwie im Schutze der Dunkelheit dorthin gesteuert haben, während auf der Gegenfahrbahn zwei junge Soldaten in beigen Kampfanzügen und mit Sturmgewehr vor der Brust auf und ab schlendern "Wir haben nichts gesehen", grinst der eine – dann winkt er lachend unser Taxi durch.