Staatskrise in ÄgyptenErdoğan flucht, die Saudis zahlen

Die Muslimbrüder sind gescheitert und weggeputscht, das Militär regiert in Kairo. Für den Nahen Osten bedeutet das Machtverschiebungen und neue, überraschende Allianzen. von 

Saudi-Arabiens König Abdullah sprach nach den brutalen Straßenkämpfen in Ägypten in deutlichen Worten: Sein Land stehe im Kampf gegen "Terroristen" an der Seite Kairos, das Land dürfe nicht destabilisiert werden – Terroristen, das sind für Abdullah die Islamisten der Muslimbrüder. Diese Positionierung mag auf den ersten Blick verwundern, hängt das wahabitische Königshaus doch einem strengen und dogmatischen Staatsislamismus an, der dem der Muslimbrüder gar nicht so unähnlich ist. Dagegen ist die vom Militär gestützte Regierung in Kairo säkular-nationalistisch. Doch dem Königshaus geht es nicht um Solidarität mit den religiösen Brüdern im Geiste, es geht um Fragen von Macht und Einfluss. 

Das mit 85 Millionen Einwohnern bevölkerungsreiche Ägypten ist politisch und wirtschaftlich einer der bedeutsamsten Staaten Arabiens. Der Sturz der Islamisten-Regierung Mursis und die Massaker an den demonstrierenden Muslimbrüdern entzweien die islamischen Regierungen in Nah- und Mittelost. Saudi-Arabien ist eines der islamischen Länder, deren Haltung zur Staatskrise Ägyptens für die politische Entwicklung der Region sehr wichtig ist, der reiche Ölstaat gehört zu den Geldgebern Ägyptens. Saudi-Arabien war bereits ein enger Verbündeter des 2011 aus dem Amt verdrängten ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak. Zudem unterhält Ägyptens heute mächtiger Armeechef Abdel Fattah al-Sissi, seit er Militärattachee in Riad war, enge Beziehungen zur saudischen Herrscherfamilie.

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Die Saudis fürchten religiöse Bewegungen, wie es die Muslimbruderschaft eine ist, sind sie doch eine potenzielle Gefahr für das Königshaus. Dies erst recht, seitdem der politische Arm der Muslimbrüder im vergangenen Jahr in Ägypten bewiesen hat, dass der demokratische Weg an die Macht funktioniert. Demokratie und Volksbewegungen sind im autoritären Herrschaftsbild der Saudis nicht vorgesehen. Forderungen in diese Richtung werden unterdrückt.  

Militärputsch wegen Chaos auf dem Sinai?

Ein auf den ersten Blick überraschender Verbündeter Riads ist Israel, das einzige nicht muslimische Land in Nahost. Beide Staaten haben das stärkste Interesse an Stabilität in Ägypten, egal, wie diese zustande kommt. Nördlich von Israel, in Syrien, ist Bürgerkrieg. Auch der Libanon droht jetzt in den Strudel dieses Krieges zu geraten, zudem steht dort die israelfeindliche und militärisch gerüstete Islamistenmiliz der Hisbollah. Im Gazastreifen herrscht die gleichfalls feindliche Hamas; militante, noch extremistischere Gruppen als die Hamas schießen von dort regelmäßig Raketen auf Israel. Im Süden ist jetzt der Sinai als Problemzone dazugekommen,  Dschihadisten und Kriminelle sorgen dort für Terror und Anarchie. Manche Beobachter sagen, dies sei der Hauptgrund für den Militärputsch gewesen, denn unter der Regierung Mursi ist die Halbinsel Kairo entglitten.

Steffen Richter
Steffen Richter

Steffen Richter ist Redakteur im Ressort Politik bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Potenzielle Sicherheitsprobleme gibt es für Israels Regierung unter Premier Netanjahu also genug, wenngleich es seit 1979 einen Friedensvertrag mit Ägypten gibt. Tel Aviv, Saudi Arabien und andere Golfstaaten sehen das ägyptische Militär seitdem als Garant für die Stabilität in der Region. Zwar war das Verhältnis zwischen Mubaraks Ägypten und Israel immer eine Art frostiger Frieden, dieser war aber verlässlich. Die Rückkehr der alten Mubarak-Elite ist für die israelische Regierung also nichts Schlechtes.

Der dritte wichtige Player in der Region ist die Türkei. Vor allem seit dort die islamistische AKP in die Regierung gewählt wurde, hat das Land beachtliche Wachstumsraten, steigende Einkommen und aufblühende Städte vorzuweisen. Vor diesem Hintergrund versuchte Premier Recep Tayyip Erdoğan mittels offensiver Diplomatie die Türkei zum wichtigsten Staat in Nah- und Mittelost zu machen. Bereits seit 2011 unterstützten Regierung und AKP die ägyptischen Muslimbrüder, politisch wie wirtschaftlich. Erdoğan hoffte, den Einfluss der Türkei ausweiten zu können und am Beispiel Ägyptens zu zeigen, dass auch dort Demokratie und Islam zusammen funktionieren.

Nach dem Machtwechsel in Ägypten gehört Erdoğan zu den wenigen Politikern in der Region, die die Dinge beim Namen nannten: Mursis Entmachtung einen Coup, die Tötung von annähernd 1.000 Anhängern der Muslimbrüder ein Massaker. Dennoch ist seine Regierung in der Region jetzt isoliert. Seinen Verlust an Einfluss versucht der erfahrene Populist Erdoğan nun mit der größtmöglichen Lautsprecherei wettzumachen, indem er Israel für den Putsch in Kairo verantwortlich macht. Das lenkt ab von innenpolitischen Problemen und dem Vorwurf, dass seine Regierung autoritäre Züge annimmt.

Leserkommentare
    • Mak2013
    • 21. August 2013 16:03 Uhr
    1. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/jk

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  1. Erdogan sieht hinter dem Putsch andere Akteure, weshalb er als Verschwörungstheoretiker bezeichnet wurde.

    Wie schnell vergessen wir, dass die USA und Israel sehr wohl in der Geschichte solche Taten begangen haben. Letzte Woche hat das Weisse Haus offiziel den Putsch im Iran 1953 und seine Rolle zugegeben. In Chile wurde Allende geputsch und ein Diktator namens Pinochet ( gestärkt durch die CIA, wie es rauskam)kam an die Macht und bescherte dem Land hunderttausende Tote.

    Wieso sollte man soetwas nicht wieder tun können?

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    Ok, dass die CIA da rumgemacht, ist zweifellos richtig. Aber Israel? Das sollten Sie schon erläutern oder zurückziehen.

    • Grifter
    • 21. August 2013 16:27 Uhr
    3. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/jk

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    • perton
    • 21. August 2013 16:39 Uhr

    Wenn Sie dem türkischen Volk Gutes wünschen, könnten man doch den EU-Beitritt beschleinigen oder die Visumpflicht für das türkische Volk aufheben. Oder wie wäre es mit der doppelten Staatsbürgerschaft? Möchten Sie dem türkischen Volk tatsächlich helfen oder gefällt Ihnen einfach der Präsident nicht, den das türkische Volk gewählt hat?

    • europat
    • 21. August 2013 16:30 Uhr

    ZEIT: „Ein auf den ersten Blick überraschender Verbündeter Riads ist Israel, das einzige nicht muslimische Land in Nahost. Beide Staaten haben das stärkste Interesse an Stabilität in Ägypten, egal, wie diese zustande kommt.“

    Mein Kommentar zum Mubaraksturz vom 23.03.2011:
    "Richtig, es hat in Ägypten Demonstrationen gegeben und Mubarak hat sich auf sein Altenteil verzogen. Eine sogenannte Revolution hat aber nie stattgefunden, es wurde lediglich von den Militärs ein geschicktes Blend-Feuerwerk inszeniert und die Menschen wurden hinters Licht geführt. Die Militärjunta sitzt fester im Sattel als zuvor. Verschließt man vor der Realität nicht die Augen, so muss man erkennen, dass es auch in überschaubarer Zukunft keine Demokratisierung geben wird.
    Die Militärjunta erhält von Washington ihre Anweisungen. Oberstes Gebot der Zusammenarbeit ist, die Massen vor Israel in Schach zu halten und den Status Quo zu sichern.“ Kommentar 8 http://www.zeit.de/politi...

    3 Leserempfehlungen
  2. Auf den ersten naiven Blick würde man vielleicht sagen Erdogan und die Saud-Familie sind beide Anhänger der gleichen Ideologie, doch das ist gerade nicht der Fall und nicht der Grund.

    Erdogans Medienwirkssamer Aufschrei gegen Israel zielt eigentlich auf die sich öffentich bekennenden Finanziers aus Saudi-Arabien, um diese in der arabischen und überhaupt islamischen Welt als unrechtmäßige Hüter der heiligen Stätten des Islams abzustempeln.

    Hätte Erdogan direkt gegen die Saudis geschossen, hätten diese und veründete weitere höchst korrupte Willkürherrscher aus anderem arabischen Raum contra gegeben. Aber zum Anwalt von Israel können und wollen diese Willkürherrscher sich dann doch nicht aufschwingen, weshalb Sie alle die indirekte Kritik unkommentiert ertragen müssen.

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    • perton
    • 21. August 2013 16:39 Uhr

    Wenn Sie dem türkischen Volk Gutes wünschen, könnten man doch den EU-Beitritt beschleinigen oder die Visumpflicht für das türkische Volk aufheben. Oder wie wäre es mit der doppelten Staatsbürgerschaft? Möchten Sie dem türkischen Volk tatsächlich helfen oder gefällt Ihnen einfach der Präsident nicht, den das türkische Volk gewählt hat?

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    Sie haben einmal pro Zeile "das türkische Volk" geschrieben. Dieses, ihr "türkisches Volk", scheint gespaltener denn je.

    In diejenigen, die brüllen: "Jetzt wollen wir endlich alles das haben, was "der Westen" hat und das große türkische Volk wird alle überflügeln" und dafür bereit sind, jede andere Meinung niederzumähen, zu diffamieren, zu diskreditieren, zu verachten, so wie Sie , und dann gibt es jene, die sich eine pluralistische Gesellschaft wünschen, in der das Individuum seine Lebensform selbst wählt, und zugleich für das Wohl der pluralistischen Gesellschaft einstehen möchte. Die nicht nur ihre Freunde und Familie als Menschen akzeptieren, sondern alle Menschen als Teil der Gesellschaft, in der sie leben, ihr Werk anerkennen, aktiv sich beteiligen wollen, die Vergangenheit aufarbeiten wollen und ansonsten nicht groß herumschreien, wie überlegen sie doch allen anderen Loosern dieser Erde seien.

    Ich für meinen bescheidenen Teil bin der Ansicht, dass jeder seinen Teil der Arbeit erledigt, bevor er fordert.

  3. "Erdoğan hoffte, den Einfluss der Türkei ausweiten zu können und am Beispiel Ägyptens zu zeigen, dass auch dort Demokratie und Islam zusammen funktionieren."

    Erdoğan. Ist das nicht derjenige, für den die Demokratie wie die Eisenbahn funktioniert: Wenn man am Ziel ist, steigt man aus.

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  4. wie man mit Oppositionen umzugehen hat, und die Oppositionen wissen nicht, wie man sich als Opposition zu verhalten hat. Nur eine stabile Rechtsordnung kann dieses große Problem in die richtigen Bahnen lenken. Sonst wird das mit der Demokratie nix, in welcher Form auch immer.

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  • Quelle Reuters
  • Schlagworte Ägypten | Hamas | Hosni Mubarak | Israel | AKP | Katar
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