"Endlich werden die Bastarde verjagt", schnauft Ahmed Kandir. Kandir, schwarze Locken, weißes Hemd, hockt auf dem Treppenabsatz vor seinem Laden und tippt auf seinem Handy herum. "Mursis Anhänger haben sich geirrt", sagt der Mittzwanziger, der Designs für T-Shirts entwirft. "Sie dachten, sie könnten durch ihre Proteste an die Macht zurückkehren. Aber die Armee hat gesiegt." Er grinst. "Wir haben gesiegt."

Hier, im Kairoer Stadtteil Zamalek, weit entfernt vom lärmigen Gewusel der Innenstadt, flanieren sonst junge Pärchen Arm in Arm an den eleganten Boutiquen vorbei, dösen sonst die Alten in der Mittagshitze, stört eigentlich nur das gelegentliche Hupen der Mopeds die ruhige Gemächlichkeit. Doch seit die ägyptische Polizei an diesem Morgen begonnen hat, die beiden großen Protestlager der Anhänger von Expräsident Mohammed Mursi zu räumen, herrscht selbst auf der Nil-Insel der Ausnahmezustand: Etliche Läden sind geschlossen oder gar verbarrikadiert, Bewohner haben ihre Rollläden heruntergelassen, die Sicherheitsleute, die normalerweise die Eingänge der Botschaften bewachen, patrouillieren in den schattigen Straßen, das Maschinengewehr fest im Arm.  

"Die knallen die einfach ab", ruft der Apotheker Mohammed Ahmed und schüttelt den Kopf. Der 30-jährige raucht eine Zigarette auf der Straße. Um ihn herum haben sich ein paar Männer versammelt, die Stimmung ist angespannt. "So wird es nie Frieden in Ägypten geben." In der Tat: Durch die Eskalation der Gewalt im Land am Nil scheint eine Annäherung zwischen den beiden verfeindeten Parteien in weite Ferne gerückt. Bei den Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten bei der Räumung der Protestcamps auf den Plätzen Rabaa Al-Adawiya und Nahda kamen nach Angaben des Gesundheitsministeriums mindestens 149 Menschen ums Leben. Darunter befinden sich staatlichen Angaben zufolge etliche Polizisten sowie einige in- wie ausländische Journalisten. Die Zahl der Opfer kann noch steigen. Die Übergangsregierung rief den Ausnahmezustand aus, Vizepräsident Mohammed ElBaradei trat zurück. International herrscht Besorgnis über die Gewalt in Ägypten.

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Augenzeugen schilderten, die Polizei habe Tränengas-Granaten und Gummigeschosse abgefeuert. Die Islamisten hätten Steine und Flaschen auf die Polizisten geworfen. Der staatlichen Nachrichtenagentur Mena zufolge wurden etwa 200 Anhänger der Muslimbrüder verhaftet. "Die Protestler werden alle zu Terroristen abgestempelt", sagt Mohammed Ahmed nun. "Dafür werden sie sich rächen." Dann wird er leise und blickt zu Boden. "Die Islamisten haben keinen Platz in unserem Land", faucht ihn ein drahtiger Mann mit Glatze und hektischem Blick an. "Sei froh, dass die Armee uns hilft." Die meisten Ägypter hätten schließlich auf das Eingreifen des Militärs gewartet, fügt er hinzu. "Die Soldaten haben unsere volle Unterstützung."   

Tiefe Spaltung im Land

Internationale Beobachter haben bis zuletzt vor einer Ausweitung der Gewalt gewarnt. Denn klar ist: Die tiefe Spaltung im Land hat längst alle Bereiche der ägyptischen Gesellschaft erreicht. Unversöhnlich wie nie stehen sich die Anhänger und Gegner des entmachteten Präsidenten Mohammed Mursi gegenüber. Die Muslimbrüder wollen, dass der am 3. Juli vom Militär entmachtete Islamist Mursi wieder die Geschicke des Landes führt. Dazu hatten sie in den vergangenen Wochen zwei Protestlager errichtet und diese immer weiter mit Ziegelsteinen und Sandsäcken befestigt. Vehement hatten sie etwa über Facebook und Twitter verkündet, so lange bleiben zu wollen, bis Mursi rehabilitiert und an die Macht zurückgekehrt ist. "Wir werden den Putsch durch das Militär nicht akzeptieren", hatte Gihad Haddad, Sprecher der Muslimbruderschaft, noch vor zwei Tagen gegenüber ZEIT ONLINE bekräftigt. 

Die Regierung unter Übergangspräsident Adli Mansur indes hatte wiederholt gedroht, die Lager räumen zu lassen. Wenn nötig, so machte sie zuletzt immer unverhohlener deutlich, mit aller Gewalt. Sie kann dabei durchaus auf eine breite Unterstützung in der Bevölkerung setzen: Seit Wochen verbreitet die Armee in den staatlichen Medien Bilder von angeblichen Gräueltaten seitens der Muslimbrüder. Sie berichtet von umfangreichen Waffenlieferungen in die Camps der Protestler oder von Attacken der Islamisten gegen die einfache Landbevölkerung. Beweise für diese Aussagen liefert sie keine. Das hat den Hass geschürt. Und so scheint für viele Ägypter klar: Das harsche Vorgehen des Militärs ist der einzig richtige Weg.  Nur so, so sagen viele, könne das Land langfristig in eine stabilere Zukunft geführt werden.

"Es war klar, dass es Tote geben wird", sagt Fatma, eine junge Frau mit schwarzem Kopftuch und Brille. Sie will ihren Nachnamen nicht nennen, weil man nie sicher sein könne mit den Ausländern, wie sie sagt. Sie steht hinter der Theke ihres Blumenladens nahe der Hauptstraße von Zamalek und schneidet einen Hochzeitsstrauß. "Die Demonstranten hätten längst gehen können. Aber sie haben die Warnungen ignoriert." Fatmas Kollege, ein stämmiger Mann mit schütterem Haar, wirft ein: "Die Muslimbrüder sind in Ägypten nicht willkommen. Der heutige Tag ist ihnen hoffentlich eine Lehre."

"Wir wollen keinen Bürgerkrieg", sagt Tarek Mahmud. "Unsere Kinder sollen eine Zukunft haben." Der Lehrer hockt in seinem Büro in der Port Said Schule, nur wenige Häuser von Fatmas Gärtnerei entfernt. Auf seinem Tisch stapeln sich Kopien von Zeugnissen und Stundenplänen. Bald sind die Ferien vorbei und die Schüler kehren zurück. Darauf will sich Mahmud vorbereiten. "Aber die Muslimbrüder wollten uns unser Land wegnehmen. Deshalb müssen sie beseitig werden." Auch, wenn es dabei Dutzende Opfer gibt? "Die Muslimbrüder wollen doch immer als Märtyrer sterben. Das ist jetzt ihre Chance."