Das brennende Regierungsgebäude in Gizeh © Muhammad Hamed/Reuters

Trotz internationaler Warnungen geht die Führung in Ägypten mit Härte und Entschlossenheit gegen Protestierer vor. Das ägyptische Innenministerium wies die Polizei an, scharfe Munition zu verwenden, wenn Demonstranten Regierungsgebäude oder eigene Kräfte angriffen. Der Anlass dafür seien "Terrorattacken der Organisation der Muslimbrüder auf verschiedene Einrichtungen von Regierung und Polizei in mehreren Provinzen", hieß es in einer Erklärung.  

Mit der Weisung solle verhindert werden, dass Angreifer öffentliche Gebäude in Brand setzten und Waffen aus Polizeistationen stehlen. 

Zuvor hatten Hunderte Anhänger der Muslimbruderschaft in Gizeh nahe Kairo ein Regierungsgebäude gestürmt. Im Eingangsbereich hätten sie ein Feuer entfacht, berichteten das staatliche Fernsehen und Augenzeugen. In Al-Arisch setzten Unbekannte die Stadtverwaltung in Brand.

Die Islamisten protestieren, weil das Militär den ihrer Partei nahestehenden Präsidenten Mohammed Mursi abgesetzt hatte und am Mittwoch mehrere Protestcamps gewaltsam räumte. Für den Freitag riefen sie zu einem "Freitag der Wut" auf.

Vielerorts schlug der Protest in Gewalt um. Neben Regierungs- und Verwaltungsgebäuden attackierten die Islamist mehrere Dutzend Kirchen. In der Millionenmetropole Alexandria versammelten sich Hunderte Anhänger der Muslimbruderschaft zu einem Protestmarsch. "Wir werden wiederkommen im Namen unserer Märtyrer", skandierte die Menge in der zweitgrößten Stadt des Landes. 

Vier Menschen starben, als sich Anwohner dem Protestmarsch entgegenstellten. Dies endete in einer Massenschlägerei. Das Nachrichtenportal Al-Ahram berichtete, die Anwohner hätten den Protestmarsch gestoppt, als sich die Demonstranten auf eine koptische Kirche zubewegten.

Die Anwohner hätten gerufen: "Mit unserer Seele und unserem Blut opfern wir uns für unsere koptischen Brüder" und "Wir sind alle Ägypter – Millionen gegen die Muslimbrüder". In mehreren Provinzen hatten Islamisten am Mittwoch und Donnerstag Kirchen und christliche Einrichtungen zerstört.

Etwa 3.000 Islamisten sperrten die Straße vor der Kairoer Al-Iman-Moschee ab, in der fünf Opfer der Gewalt vom Vortag aufgebahrt waren. Die Leichen der Getöteten lagern an verschiedenen Orten. Die Angehörigen zögern mit der Beisetzung, weil dadurch weitere Unruhen zu befürchten sind.

Ein Sprecher der Muslimbrüder sagte, die Anhänger des Präsidenten würden nicht ruhen, bis der Militärputsch der Vergangenheit angehöre. Er betonte, dass die Muslimbrüder dabei stets gewaltfrei und friedlich vorgingen.

Das Militär hatte Mursi Anfang Juli nach Massenprotesten entmachtet, weil er die Verfassung außer Kraft gesetzt und die Justiz beeinflusst hatte. 

Nach der Räumung der Protestcamps und bei anschließenden Ausschreitungen in Kairo und anderen Landesteilen wurden nach jüngsten offiziellen Angaben mindestens 638 Menschen getötet und 4.201 verletzt. Die Muslimbruderschaft sprach von 2.000 Toten. die Gewalt griff auch auf einen ersten Badeort über. 

USA rufen Bürger zur Ausreise auf

Übergangspräsident Adli Mansur hatte daraufhin einen einmonatigen Ausnahmezustand verhängt. Ab sofort soll das Militär gemeinsam mit der Polizei eingesetzt werden. Die Armee ermächtigte sie, wie unter dem 2011 durch einen Volksaufstand gestürzten langjährigen Autokraten Hosni Mubarak, Menschen in Gewahrsam zu nehmen und unbefristet festzuhalten. Die Regierung erließ zudem ein nächtliches Ausgehverbot für Kairo und zehn Provinzen. Vizepräsident Mohammed ElBaradei trat aus Protest gegen die Gewalt zurück.

Das Chaos in Ägypten wird in aller Welt mit Sorge gesehen. Die USA sagten ein gemeinsames Militärmanöver mit den Ägyptern ab. Zudem rief das US-Außenministerium alle US-Bürger zum Verlassen des Landes auf. Alle dort lebenden Amerikaner seien angehalten, aus dem nordafrikanischen Staat auszureisen. Viele Beobachter befürchten, dass sich die Lage zu einem Bürgerkrieg ausweiten könnte. 

Mehrere skandinavische Reiseveranstalter entschieden, ihre Urlauber aus dem Land zurückzuholen. Anlass sei eine Reisewarnung der dänischen, schwedischen und norwegischen Regierungen, die vor unnötigen Reisen nach Ägypten abraten. Bislang hatte diese Warnung nur für Kairo und den Nord-Sinai gegolten.

UN-Sicherheitsrat berät über Gewalt in Ägypten

Der UN-Sicherheitsrat will noch am heutigen Donnerstag zusammentreten, um über die Gewalt in Ägypten zu beraten. Die Sitzung soll um 23.30 Uhr (MESZ) hinter verschlossenen Türen beginnen. Einem Diplomaten zufolge ist eine öffentliche Erklärung des Rates aber unwahrscheinlich. Das Treffen wurde von den Ratsmitgliedern Frankreich, Großbritannien und Australien gefordert.

Auch die Türkei hatte sich für ein Zusammenkommen der 15 Mitgliedsstaaten ausgesprochen. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan verurteilte die Räumungsaktion der ägyptischen Polizei als Massaker.