Angehörige in einer Moschee in Kairo © Ed Giles/AFP/Getty Images

Der Führerschein des Apothekers ist versengt. Vielleicht brannte er bei einem Feuer an, das in einem Protestcamp der Islamisten ausbrach. Vielleicht streifte eine Kugel den Schein, als Sicherheitskräfte das Zeltlager am Mittwoch räumten. Sein Besitzer kann es nicht mehr sagen. Er ist einer der mehr als 230 Toten, die in Tücher gewickelt in der Al-Iman-Moschee im Nordwesten Kairos aufgebahrt sind, damit Angehörige sie identifizieren und bestatten können.

Freiwillige erstellen Listen der Toten. Aus Personalausweisen, Führerscheinen und anderen Dokumenten. Unweit des Gotteshauses liegt die Rabia-al-Adawija-Moschee, wo Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi wochenlang campierten und seine Rückkehr ins Amt forderten.

Die Klimaanlage der Moschee kommt kaum mit dem Kühlen nach, um die Verwesung zu verlangsamen. Auf einigen Toten liegen Eisblöcke. Männer versprühen Luft-Erfrischer, um den Gestank zu überdecken. Trauernde Frauen sitzen schweigend daneben. Durch viele Leichentücher sickern Blutspuren.    

Das Leid in der improvisierten Leichenhalle ist eine Folge der Gewalt, die Kairo seit Tagen erlebt. Am Mittwoch waren schwer bewaffnete Polizisten und Militärs mit Bulldozern gegen die Protestcamps der Mursi-Anhänger ausgerückt. Die gingen dafür am Freitag zu Zehntausenden auf die Straße. In dem Konflikt sind inzwischen Hunderte getötet worden.

Zur Leichenhalle der Stadt, die ohnehin schon voll ist, sei es ein zu langer Weg in der Sommerhitze Kairos, sagt Anwalt Adel Adib. Er sei als Vertreter des ägyptischen Anwaltsvereins da, um die Angehörigen darin zu unterstützen, eine Bestattungserlaubnis zu bekommen, sagt er. Mit einem Kollegen gelang es ihm, ein Team von Gerichtsmedizinern herzubringen.

Mit einer Obduktion rechnet niemand

Sie nähmen die Untersuchungen an den Leichen vor und gäben sie für die Bestattung frei, sofern die Familien auf ihr Recht auf eine Obduktion verzichteten, sagt Adib. Das schließt zwar aus, dass es jemals Ermittlungen wegen der Todesursache gibt. Aber damit rechnet ohnehin niemand. "Der Märtyrer ist bereits verloren", sagt ein älterer Mann resigniert.

Außerhalb der Moschee suchen Verwandte die Toten-Listen ab. 19 Papp-Plakate füllen die Namen, die an den Zaun rund um die Moschee gebunden sind. Jusuf Fahmi braucht nicht draufzuschauen. Der 18-Jährige weiß schon, dass drei seiner Freunde bei der Razzia umgekommen sind. Eine Sache will er klarstellen: "Nicht alle sind Muslimbrüder. Ich bin kein Muslimbruder, und drei meiner Freunde sind getötet worden. Einer von ihnen war ein Muslimbruder, die beiden anderen waren es nicht."

Mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung blickt Mohammed Ibrahim auf den Laster, der mit weiteren Eisblöcken vorfährt. "Das ist die Hilfe, die der Staat den Toten gibt", ruft der Beamte. "Dies sind die Menschenrechte, die Barack Obama fordert."