Gewalt in KairoWenn Moscheen zu Leichenhallen werden

Nach tagelangen Straßenkämpfen sind Ägyptens Leichenhallen voll. Die Toten werden in Moscheen aufgebahrt, Laien helfen bei der Identifizierung. Obduktionen gibt es kaum. von Pol O Gradiagh

Angehörige in einer Moschee in Kairo

Angehörige in einer Moschee in Kairo  |  © Ed Giles/AFP/Getty Images

Der Führerschein des Apothekers ist versengt. Vielleicht brannte er bei einem Feuer an, das in einem Protestcamp der Islamisten ausbrach. Vielleicht streifte eine Kugel den Schein, als Sicherheitskräfte das Zeltlager am Mittwoch räumten. Sein Besitzer kann es nicht mehr sagen. Er ist einer der mehr als 230 Toten, die in Tücher gewickelt in der Al-Iman-Moschee im Nordwesten Kairos aufgebahrt sind, damit Angehörige sie identifizieren und bestatten können.

Freiwillige erstellen Listen der Toten. Aus Personalausweisen, Führerscheinen und anderen Dokumenten. Unweit des Gotteshauses liegt die Rabia-al-Adawija-Moschee, wo Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi wochenlang campierten und seine Rückkehr ins Amt forderten.

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Die Klimaanlage der Moschee kommt kaum mit dem Kühlen nach, um die Verwesung zu verlangsamen. Auf einigen Toten liegen Eisblöcke. Männer versprühen Luft-Erfrischer, um den Gestank zu überdecken. Trauernde Frauen sitzen schweigend daneben. Durch viele Leichentücher sickern Blutspuren.    

Das Leid in der improvisierten Leichenhalle ist eine Folge der Gewalt, die Kairo seit Tagen erlebt. Am Mittwoch waren schwer bewaffnete Polizisten und Militärs mit Bulldozern gegen die Protestcamps der Mursi-Anhänger ausgerückt. Die gingen dafür am Freitag zu Zehntausenden auf die Straße. In dem Konflikt sind inzwischen Hunderte getötet worden.

Zur Leichenhalle der Stadt, die ohnehin schon voll ist, sei es ein zu langer Weg in der Sommerhitze Kairos, sagt Anwalt Adel Adib. Er sei als Vertreter des ägyptischen Anwaltsvereins da, um die Angehörigen darin zu unterstützen, eine Bestattungserlaubnis zu bekommen, sagt er. Mit einem Kollegen gelang es ihm, ein Team von Gerichtsmedizinern herzubringen.

Mit einer Obduktion rechnet niemand

Sie nähmen die Untersuchungen an den Leichen vor und gäben sie für die Bestattung frei, sofern die Familien auf ihr Recht auf eine Obduktion verzichteten, sagt Adib. Das schließt zwar aus, dass es jemals Ermittlungen wegen der Todesursache gibt. Aber damit rechnet ohnehin niemand. "Der Märtyrer ist bereits verloren", sagt ein älterer Mann resigniert.

Außerhalb der Moschee suchen Verwandte die Toten-Listen ab. 19 Papp-Plakate füllen die Namen, die an den Zaun rund um die Moschee gebunden sind. Jusuf Fahmi braucht nicht draufzuschauen. Der 18-Jährige weiß schon, dass drei seiner Freunde bei der Razzia umgekommen sind. Eine Sache will er klarstellen: "Nicht alle sind Muslimbrüder. Ich bin kein Muslimbruder, und drei meiner Freunde sind getötet worden. Einer von ihnen war ein Muslimbruder, die beiden anderen waren es nicht."

Mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung blickt Mohammed Ibrahim auf den Laster, der mit weiteren Eisblöcken vorfährt. "Das ist die Hilfe, die der Staat den Toten gibt", ruft der Beamte. "Dies sind die Menschenrechte, die Barack Obama fordert."  

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Leserkommentare
  1. Leider wird wenig darüber berichtet, wie die Vertreter Mursi's sich im letzten Jahr verhalten haben. Bewaffnete Muslimbrüder nisten sich in Privatwohnungen ein und erzwingen die Aufteilung des Wohnraums. Das wollte sich in Ägypten niemand mehr gefallen lassen. Mursi schuf rechtsfreie Räume in der Privateigentum nicht einmal mehr zwischen den eigenen vier Wänden geschützt war, sondern im Gegenteil der ständigen Bedrohung durch willkürliche Gewalt ausgesetzt wurde.
    Es wird Zeit, diesem Terror seitens der sogenannten Muslimbrüder ein Ende zu bereiten.

    2 Leserempfehlungen
  2. Kairo hat 9,12 Mio. Einwohner. Die Mortalität jährlich ist bei 40 Jahren Lebenserwartung also pro Jahr 228.000. Es sterben an einem normalen Tag in Kairo also 620 Menschen.

    Wenn 80 dazukommen, ist es unmöglich, dass die Leichenhallen überquellen. Gestern wurde zwar noch von 560 Toten in Kairo berichtet, die haben sich aber über Nacht auf 80 reduziert.

    Es erinnert schon an die Berichterstattung aus Syrien, der man von Anfang an auch nicht trauen konnte.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der Dpa-Texter kann ja schließlich schlecht schreiben, dass die Bürgerkriegstoten bis sie zum Himmel stinken für die Presseleute aufgebahrt werden.

    Die Kämpfer in Ägypten, Libyen und Syrien haben lange gemerkt, dass nichts so zuverlässig Geld und internationale Sympathie bringt wie blutig inszenierte Leichen. Die Bilderflut aus Syrien ist allerdings ziemlich uneinholbar. Das liegt daran, dass Katar schon zu Beginn der Revolte tausende Handy-Kameras in Syrien unter den Sunniten verteilen ließ. Dort hat sich eine regelrechte Grasroot-Bürgerkriegsfilmindustrie entwickelt.

    NDR-Zapp hat darüber mal berichtet.
    http://www.youtube.com/wa...
    Leider ist das Video inzwischen auf privat geschaltet worden und man muss sich bei Youtube anmelden, wenn man es sehen will.

    Auf der NDR-Home-Page ist nur noch ein Zapp-Bericht zu sehen, der die Syrien-Video-Blogger deutlich freundlicher, eher im üblichen Nato-Style behandelt.
    http://www.ndr.de/fernseh...

  3. 3. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf pauschalisierende Aussagen. Danke, die Redaktion/ls

  4. Und Demokratie auch.

    So lange das Militär - keine Institution, die als Lehranstalt für Deeskalation oder Demokratie bekannt ist - in Ägypten das letzte Wort hat, stehen die Chancen für Lernfortschritte leider schlecht.

    Amerika wird das Militär aber nicht fallen lassen. Ich vermute daher: kein Land in Sicht für Ägypten für lange Zeit. Das würde auch zu den Entwicklungen in Afghanistan und Irak passen, wo ebenfalls die Amerikaner die Chefköche des angerichteten Salats waren. Aus Libyen kriegen wir kaum noch Nachrichten, ich denken, die löffeln ebenfalls mit wenig Appetit an ihrer Suppe.

  5. Der Dpa-Texter kann ja schließlich schlecht schreiben, dass die Bürgerkriegstoten bis sie zum Himmel stinken für die Presseleute aufgebahrt werden.

    Die Kämpfer in Ägypten, Libyen und Syrien haben lange gemerkt, dass nichts so zuverlässig Geld und internationale Sympathie bringt wie blutig inszenierte Leichen. Die Bilderflut aus Syrien ist allerdings ziemlich uneinholbar. Das liegt daran, dass Katar schon zu Beginn der Revolte tausende Handy-Kameras in Syrien unter den Sunniten verteilen ließ. Dort hat sich eine regelrechte Grasroot-Bürgerkriegsfilmindustrie entwickelt.

    NDR-Zapp hat darüber mal berichtet.
    http://www.youtube.com/wa...
    Leider ist das Video inzwischen auf privat geschaltet worden und man muss sich bei Youtube anmelden, wenn man es sehen will.

    Auf der NDR-Home-Page ist nur noch ein Zapp-Bericht zu sehen, der die Syrien-Video-Blogger deutlich freundlicher, eher im üblichen Nato-Style behandelt.
    http://www.ndr.de/fernseh...

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Tendenznachrichten"
  6. Das Zapp-Video über Marcel Mettelsiefen, das auf Youtube privat ist, ist beim NDR doch noch zu sehen.
    http://www.ndr.de/fernseh...

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte Mohammed Mursi | Moschee | Obduktion | Kairo
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