Es wird Chinas spektakulärster Prozess seit der Abrechnung mit der maoistischen "Viererbande" im Jahr 1980. Aber vielleicht geht alles ganz schnell. Denn das Urteil ist im Grunde schon gesprochen.

Jeden Tag könnte nun das Verfahren gegen Bo Xilai beginnen, den ehemaligen Politstar, der abstürzte, als er zum Sprung nach ganz oben ansetzte. Mitglied im Ständigen Ausschuss des Politbüros wollte Bo werden, also einer der sieben Mächtigsten im Lande.

Doch im März 2012 wurde der damalige Bürgermeister der 30-Millionen-Metropole Chongqing, Mitglied im Politbüro der KP Chinas, aller Ämter enthoben.

Vor drei Wochen ist nun Anklage gegen ihn erhoben worden.

Und die Vorwürfe wiegen schwer: Bestechlichkeit, Unterschlagung, Machtmissbrauch. Bo Xilai habe "extrem hohe Summen an Geld und Besitz" angenommen, wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor. Seine Frau Gu Kailai ist bereits im vergangenen Jahr wegen des Mordes an einem britischen Geschäftsmann zum Tode (auf Bewährung) verurteilt worden.

Wird hier Recht gesprochen oder Politik gemacht?   

Schwer zu sagen, wo die Grenzen verlaufen. Zumal in einem so spektakulären Fall. Bo gehörte zur Partei-Aristokratie; sein Vater Bo Yibo war ein enger Weggefährte Mao Zedongs, zählte zu den "acht Unsterblichen" der KP.   

Der Sohn – elegant, eloquent, charmant – mochte sich nicht einreihen ins Einheitsgrau der Funktionäre. Grenzenlos in seiner Gier nach Macht forderte der linke Populist, der Chongqings Bürger gern alte Mao-Lieder singen ließ, die Parteiführung heraus. Und die schlug mit aller Härte zurück.

Chinas neuer Parteichef Xi Jinping hat den Kampf gegen die Korruption zur obersten Parteipflicht erklärt. Der Fall Bo soll zeigen: Es ist ihm ernst damit. Klar ist: Die Anklage wäre nicht erhoben worden, stünde das Urteil nicht schon fest. Allein das Strafmaß muss noch festgesetzt werden.

Parteichef Xi konnte also beruhigt in die Sommerfrische ins Seebad Beidaihe abreisen. In kurzer Zeit hat er sich als neuer starker Mann etabliert, der, anders als sein blasser Vorgänger Hu Jintao, nicht gern die Harmonie kollektiver Führung verbreitet, sondern lieber allein deutlich macht, wo es in China langgeht.

Auf einem ZK-Wirtschaftsplenum im Herbst will er "vier neue Modernisierungen" verkünden und stellt sich damit selbstbewusst in die Tradition des hochverehrten Expremiers Zhou Enlai und des großen Reformers Deng Xiaoping. Ein gigantisches Urbanisierungs-Programm soll Chinas Weg vom Agrar- zum Industrieland vorantreiben. Bis dahin soll der Fall Bo Xilai abgeschlossen sein.

Bei Xi hört wieder alles auf das Kommando der Partei. Widerspruch wird nicht geduldet. Intellektuelle werden zum Verstummen gebracht und die Medien gleichgeschaltet wie lange nicht.

Und so kann es denn auch keinen Zweifel geben, dass mit Bo Xilai kurzer Prozess gemacht werden wird. Die Todesstrafe wird die Partei ihm ersparen. Er dürfte sein Leben im Gefängnis oder im späteren Hausarrest beschließen.  

Die Macht will es so. Und die ist in China Gesetz.