Einen solchen Prozess hat China noch nicht gesehen. Ein Angeklagter, der sich nicht an das Drehbuch der Partei hält. Der nicht den reuigen Sünder gibt. Der im Gegenteil aufbegehrt, dem Staatsanwalt widerspricht, Zeugen verhöhnt und die eigene Frau für verrückt erklärt.

Gerade deswegen könnte die Strategie der Partei aufgegangen sein. Die große Show des Bo Xilai, die Millionen Chinesen fünf Tage lang über den Kurznachrichtendienst Sina Weibo gebannt verfolgten, ließ den Eindruck aufkommen: Hier darf sich jemand verteidigen. Hier krümmt sich einer nicht vor seinen Richtern. Vor allem aber: Hier geht es um Geld und nicht um Politik.

Bo Xilai, ehemals Parteichef der Millionen-Metropole Chongqing und Mitglied im Politbüro der KP, zog noch einmal alle Register seiner Eloquenz. Abgründe taten sich auf in seinen Schilderungen: eine Villa an der Côte d’Azur, verbotene Liebschaften, Reisen eines verwöhnten Sohnes nach Afrika, Paris, Venedig und zur Fußballweltmeisterschaft nach Deutschland, Drogen und am Ende ein Mord.

Wenn Parteichef Xi Jinping mit dem Prozess gegen Bo Xilai deutlich machen wollte, dass es ihm ernst ist im Kampf gegen die Korruption in der Kommunistischen Partei, dann hat er vor aller Welt offenbart, welche Herkules-Aufgabe vor ihm liegt.

Wenn er zeigen wollte, dass in China der Rechtsstaat funktioniert, dann hat er möglicherweise einen Teilerfolg errungen. Denn soviel Transparenz gab es bisher nie; fast im Minutentakt kamen die Tweets aus dem Gerichtssaal. Und dabei sah der Angeklagte nicht schlecht aus.

Vielleicht wird ihm dies nun heimgezahlt. Das Strafmaß wird in den kommenden zwei Wochen erwartet. Es wird nicht eben milde ausfallen, auch wenn ein ehemaliges Mitglied des Politbüros wie Bo die Todesstrafe wohl nicht fürchten muss.

Oder kommt Bo Xilai doch besser davon als erwartet? Auf paradoxe Weise hat sein Auftritt vor Gericht der Parteiführung genutzt, die zeigen wollte: Dies ist ein Prozess gegen einen korrupten Spitzenfunktionär, mit einem Machtkampf hat das alles nichts zu tun; wenn die Justiz gegen die Raffgier und den Machtwahn der Familie Bo nicht einschreitet, wozu ist sie dann da?

Nur mache sich niemand Illusionen: Bis zum Rechtsstaat ist es in China noch ein weiter Weg. Auf faire Gerichtsverfahren werden die Bürger noch lange warten müssen. Die KP zieht die Zügel gerade wieder an mit einer Kampagne gegen westliche Vorstellungen von einer "verfassungsgemäßen Demokratie", gegen jene "universellen Werte", die der Westen lauthals propagiere und mit denen er doch nur China schwächen wolle.

Fast sieht es so aus, als schwenke Xi Jinping mit seiner neuen Linie auf den neo-maoistischen Kurs Bo Xilais ein, der diesen einst außerordentlich populär werden ließ. Seine Anhänger, die ihm bis heute treu sind, scheinen das Gerichtsverfahren jedenfalls als relativ fair empfunden zu haben. Ihr Held hat seine Haut teuer zu Markte getragen, und ihm wurde Gehör geschenkt.

Wie immer das Urteil ausfallen wird: Den Prozess selbst könnte man bei soviel Zufriedenheit auf allen Seiten fast schon salomonisch nennen.