Syrien-KriegIn Damaskus herrscht Angst vor US-Raketen

Hamsterkäufe und Fluchtvorbereitungen: Die Menschen in Syriens Hauptstadt fürchten einen Angriff der USA und ihrer Verbündeten. Bei vielen macht sich Panik breit. von Roueida Mabardi

Ein zerstörter Straßenzug in einem Vorort der syrischen Hauptstadt Damaskus

Ein zerstörter Straßenzug in einem Vorort der syrischen Hauptstadt Damaskus  |  © Ammar Dar/Reuters

Dschihan hat die Koffer der Familie schon gepackt. Die junge Mutter wohnt neben dem Militärflughafen Mazze in Damaskus. Sie fürchtet, bald vor den Bomben der USA und ihrer Verbündeten fliehen zu müssen. "Mazze gehört zu den ausgewählten Angriffszielen. Da bin ich mir sicher", sagt Dschihan. Der größte Militärflughafen im Land wird auch von Präsident Baschar al-Assad für Inlandsflüge genutzt. Die allerdings sind selten geworden.

Todesangst macht sich in Damaskus breit. Vor allem Bewohner in der Nachbarschaft von strategischen Einrichtungen, die in den nächsten Tagen angegriffen werden könnten, fürchten um ihr Leben. Andere reagieren mit Hamsterkäufen auf den angedrohten Vergeltungsschlags gegen die syrische Regierung, der Giftgasangriffe auf die eigene Bevölkerung vorgeworfen werden.

Anzeige

Bewacht wird der Militärflughafen Mazze von der gefürchteten Vierten Division, die für die Verteidigung der Hauptstadt zuständig ist und vom Präsidentenbruder Maher al-Assad befehligt wird. Die junge Familie aus der Nachbarschaft des Flughafens hat Vorkehrungen für die Flucht getroffen. Dschihan zieht mit Mann und den zwei Töchtern zu Verwandten nach Malki, einem Viertel in der Innenstadt, das sie für sicherer hält.

Furcht vor Angriff auf Zentrale des Generalstabs

Auf den Straßen im Zentrum fahren kaum noch Autos. Die Einwohner von Damaskus verlassen ihre Häuser nur noch für die Arbeit oder unaufschiebbare Besorgungen. "Es sind kaum Leute unterwegs. Meine Frau zum Beispiel kommt nach der Arbeit immer sofort nach Hause, ohne wie früher erst ihre Mutter zu besuchen", berichtet der Bankangestellte Adel.

Der 35-jährige Mohammed, der in dem wohlhabenden Viertel Abu Ruman wohnt, berichtet: "Seit drei Tagen hört man hier die irrsten Gerüchte. Meine Mutter ist völlig fertig mit den Nerven, weil wir gleich neben der Zentrale des Generalstabs wohnen. Und das ist ja wirklich ein Angriffsziel." Eine junge Frau aus dem selben Innenstadtviertel sagt: "Seit die hier von Raketenangriffen reden, habe ich vor lauter Angst ständig Bluthochdruck."

Auf dem zentralen Platz Sabaa Bachrat verkauft der Händler Malek allerhand Elektrogeräte. Die Anspannung ist ihm deutlich anzusehen: "Alle hier sind sehr nervös, seit wir diese Woche Kerry gehört haben", sagt er und bezieht sich damit auf die Ankündigung des US-Außenministers, dass diejenigen, die chemische Kampfstoffe gegen die Zivilbevölkerung einsetzten zur Rechenschaft gezogen würden. Kein einziger Kunde ist in seinem Laden, der sonst gut besucht ist.

Massenweise Fleisch, Tomaten, Brot und Nudeln

Seine Schwester Majada habe vorsichtshalber ihre Ersparnisse bei der Bank abgeholt, erzählt Malek. "Meine Frau habe ich zum Markt geschickt, damit sie massenweise Fleisch, Tomaten, Brot und Nudeln holt. Sie meint nämlich, dass wir lange Zeit verbarrikadiert sein könnten." In den Lebensmittelgeschäften werden die Berichte über Hamsterkäufe bestätigt. "Die Leute decken sich mit großen Mengen ein", sagt Mohammad, Großhändler für Reis, Olivenöl und Nudeln.

Ein junger Mann, der eine Drogerie im Christenviertel Tijara besitzt, erzählt von den Mörsergranaten, welche die Rebellen in die Hauptstadt schießen. Diese seien viel schlimmer als jeder westliche Militärschlag: "Das macht uns sehr viel mehr Angst, weil die Granaten praktisch auf unseren Köpfen landen."

Andere malen die Apokalypse aus: "Wenn die angreifen, werden Russland und Iran uns helfen", sagt der Bäcker Abu Achmad. "Das wird dann der dritte Weltkrieg, und das Feuer wird nicht mehr verlöschen."

Nüchterner äußert sich die Architektin Mayssa: "Der Angriff ist nicht mehr abzuwenden, der internationale Druck auf Obama ist zu groß", sagt sie. "Ohnehin ist unser Land ja schon lange im Krieg."

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Zwei Studiogäste bei Al Jazeera English:

    Syria: The drums of war? min11.00-11-10 und 12.50-13.00

    beziffern syrische Opferzahl auf 200.000; bzw. "almost 200.000"

    http://www.youtube.com/wa...

    Zur Abstützung einer Argumentation gegen einen Militärschlag in dem Sinne:

    wo es schon so schlimm sei, da könne es noch viel viel schlimmer werden.

  2. Wenn man nun mal weiß, dass die demokratischen Raketen der Amerikaner (plus Willigen) meist mit Uran (Irak, Libyen, Afghanistan) bestückt sind und sie weder vor Agent Orange (Vietnam, Laos Kambodscha) noch vor Atombomben (Japan) zurückschrecken, hat man ALLEN Grund Angst vor US-Raketen zu haben!!

    10 Leserempfehlungen
    • doof
    • 28. August 2013 16:10 Uhr

    die Menschen aus Damaskus bekunden damit mehr Angst vor den Angriffen der westlichen "Wertegemeinschaft" als vor den Übergriffen der syrischen Armee (sind ja bisher noch nicht aus Damaskus geflohen) erhoffen sich sogar Hilfe von Russland und Iran - Menschen aus von Rebellen besetzten Gebieten derweil sind auf der Flucht oder werden massakriert aufgrund ihrer Ethnie oder ihres Glaubens - WAS also nochmal sagt die genannte "Wertegemeinschaft" dass sie will?
    DIe Menschen in Syrien schützen? Vor wem nun genau?

    11 Leserempfehlungen
  3. 4. Tja...

    ...die Opfer der Giftgasattacke kann man nicht mehr befragen, ob sie Angst haben, Leider reagieren die Leute mit Verdrängung und Schönreden der wahren Ursachen, jeder, der einsehen würde, dass das Regime Giftgas eingesetzt hat, in den Vororten, würde die Schuld nicht auf den "internationalen Druck auf Obama" schieben, sondern sich kleinlaut fragen, ob das Regime seine Nachbarn in den Vororten samt Kinder so umbringen darf.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • doof
    • 28. August 2013 16:13 Uhr

    dass das Giftgas von der syrischen Armee eingesetzt werde.
    Ihnen als (Voll-?) Juristen und damti geschulten Logiker müssten sich die Widersprüche doch geradezu aufdrängen.

    • doof
    • 28. August 2013 16:13 Uhr

    dass das Giftgas von der syrischen Armee eingesetzt werde.
    Ihnen als (Voll-?) Juristen und damti geschulten Logiker müssten sich die Widersprüche doch geradezu aufdrängen.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Tja..."
  4. Man muss ihnen ja regelrecht Undankbarkeit ankreiden, den Damaszenern. Da sollen sie doch bald mit Bomben auf ihre Häuser und Häupter befreit werden und sie freuen sich nicht einmal? Immerhin, die rote Linie wurde überschritten und da eine Menge Zivilisten umgekommen sind, ist es jetzt nur recht und billig, wenn noch viel mehr Zivilisten umgebracht, verkrüppelt und ausgebombt werden. Und zwar von einer ausländischen Allianz, die mit dem Konflikt überhaupt nichts zu tun hat. Wenn das mal nicht als Geniestreich der Friedensstiftung in die Geschichte eingehen wird.

    Manchmal frage ich mich, ob vielleicht eine Jubiläumsveranstaltung zum 1.Weltkrieg in Planung ist. Aller guten Dinge sind ja bekanntlich drei.
    Brandgefährlicher Irrsinn aus fadenscheiniger Humanität...

    12 Leserempfehlungen
  5. bei diesem ganzen Schachspiel, dann würden die Drahtzieher ihren Einfluss dazu nutzen Opposition und syrische Machthaber an einen Tisch zu bringen damit sie eine politische Lösung finden!

    Eine Bombardierung Syriens wird die Toten nicht wieder lebendig machen, aber viele weitere unschuldige Getötete verursachen!
    Das Mär von "chirurgischen Bombardierungen" wurde in der Vergangenheit schon mehrmals widerlegt!

    Aber wie gesagt: es geht gar nicht um die syrische Bevölkerung.
    Hier überwiegen geostrategische Interessen, das syrische Volk wird nur als Mittel zum Zweck eingesetzt!

    10 Leserempfehlungen
  6. 8. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf pietätlose Kommentare und beteiligen sich mit dem Thema angemessen Beiträgen. Danke, die Redaktion/ls

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ihnen, als Menschen mit westlicher Denkweise, vermag es zwar nicht verständlich sein, aber es sind heilige Hamster. Den Hamstern in Syrien werden besondere Kräfte zugesprochen.

    Wenn man einige Tausend Hamster sein Eigen nennt, kann man diese z.B. auf seine Feinde werfen.

    Vermutlich kennen Sie, wenn auch in westlicher Brutalität abgewandelt, folgendes aus der heiligen Schrift: "Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Hamster."

    Vielen Dank für Ihren kurzen, dialogischen und interessanten Exkurs. Wir bitten Sie nun sich wieder direkt auf das Thema des Artikels zu beziehen. Vielen Dank, die Redaktion/ff

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde entfernt. Die Redaktion/ls

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP
  • Schlagworte Apokalypse | Nachbarschaft | Iran | Russland | USA | Damaskus
Service