Frankreich-USA : Neue beste Freunde

Nach dem Nein der Briten ist Frankreich plötzlich der wichtigste US-Partner für Syrien. Außenminister Kerry lobt den "ältesten Verbündeten", David Cameron ist gedemütigt.
Frankreichs Präsident François Hollande (links) und US-Präsident Barack Obama im Mai beim G-8-Treffen in Camp David © Mandel Ngan/AFP/Getty Images

Ein kleiner Satz mit großen Folgen: US-Außenminister John Kerry hatte Frankreich am Freitag nach dem Nein des britischen Parlaments zu einem Militäreinsatz in Syrien als "ältesten Verbündeten" der USA ("our oldest ally") bezeichnet. Bei den Briten hat diese Formulierung Empörung ausgelöst, die Franzosen wundern sich: Amerika hat plötzlich einen neuen besten Freund.

Dabei war das bislang doch stets die Rolle Großbritanniens. Premierminister David Cameron war der stärkste Befürworter eines Militäreinsatzes gegen das Regime des syrischen Diktators Baschar al-Assad. Bis zum Donnerstagabend, als das Londoner Unterhaus überraschend gegen eine Beteiligung an einem Militäreinsatz stimmte. Frankreichs Präsident François Hollande dagegen steht nach wie vor an der Seite der US-Regierung und betonte noch einmal seine Absicht, die USA in Syrien militärisch zu unterstützen.

Für Cameron war bereits die Abstimmung selbst eine Demütigung, Kerrys Aussage setzte noch einen drauf. Der britische Telegraph schrieb von einer "diplomatischen Ohrfeige". Ja, sogar: John Kerry schlage Großbritannien ins Gesicht, indem er Frankreich den ältesten Verbündeten nenne. Umso mehr, als diese Bezeichnung auf die Rolle Frankreichs im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg von 1776 zurückgehe. Den gewann Amerika gegen seine alte Kolonialmacht Großbritannien damals erst mit der Hilfe Frankreichs.

Dabei legten Großbritannien und die USA immer großen Wert auf ihre besondere Partnerschaft. Nun wirkt die britische Regierung besorgt und die Medien auf der Insel eifersüchtig. Die Daily Mail titelte "Die USA brüskieren Großbritannien — und kuscheln mit Frankreich". Die Boulevardzeitung The Sun erklärte die "special relationship" sogar für tot. Auf der Titelseite ihrer Samstagsausgabe prangt eine riesige Todesanzeige. Der "geliebte Nachwuchs von Winston Churchill und Frankelin D. Roosevelt verstarb nach plötzlicher Krankheit im Alter von 67 Jahren." Ort der Beisetzung: die französische Botschaft.

Der britische Verteidigungsminister Philip Hammond äußerte am Freitagabend in einem Interview mit dem Fernsehsender Channel 4 seine Besorgnis über die Zukunft der Verbindung Großbritanniens und den USA in verteidigungspolitischen Fragen. Die Niederlage im Parlament rücke Großbritannien in eine "unkomfortable Position". Seine Streitkräfte hätten sich auf einen Militäreinsatz vorbereitet, der nun nicht stattfinde. Zur erneuerten Beziehung zwischen Frankreich und Amerika sagte Hammond, das sei eine "Umkehrung der üblichen Position".

Bezogen auf den Irakkrieg hat Hammond recht: 2003 verweigerte Frankreich unter der Regierung von Jacques Chirac den USA die Gefolgschaft in den Krieg. In Bushs Koalition der Willigen, der mehr als 40 Länder beitraten, sah Chirac keine Rolle für sein Land. Die Beziehung der beiden Länder verschlechterte sich daraufhin dramatisch. Noch zwei Jahre vorher hatte Frankreich allerdings, ebenfalls unter Chirac, die USA im Krieg in Afghanistan unterstützt.

Jetzt also Syrien. Der erste sozialistische Präsident nach 17 Jahren konservativer Präsidentschaft ist zu einem Angriff an der Seite der USA bereit. Die französische Tageszeitung Libération nennt es auf ihrer Titelseite die "Achse des Krieges". Der französischen Bevölkerung gefällt ein möglicher bevorstehender Militäreinsatz allerdings nicht so gut wie ihrem Präsidenten. Laut einer Umfrage sind 64 Prozent der Franzosen gegen eine Beteiligung an einem Krieg in Syrien. 

Dennoch: Seit Donnerstag stehe das französische Militär bereit, schreibt die französische Tageszeitung Le Monde. Welche Rolle es genau einnehmen soll, ist noch nicht klar. Jedenfalls werde man nicht bloß ein "kleiner Akteur" sein, zitiert die Zeitung aus Kreisen des Verteidigungsministeriums. Den Rest bestimmt der größere Akteur, die USA. Von Kerry und US-Präsident Obama kam noch keine Reaktion.

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