Skandale versanden oder sie verselbständigen sich – bis sie ihre Opfer unter sich begraben. Der Fall Snowden/Guardian in London erinnert vage an den des deutschen Verteidigungsministers Franz Josef Strauß, der 1962 die Staatsanwaltschaft auf den Spiegel hetzte, weil der mit seiner Titelstory über die Bundeswehr – Bedingt abwehrbereit – Staatsgeheimnisse verraten habe. Die Redaktionsräume wurden durchsucht, Redakteure verhaftet. Zum Schluss musste der Kraftmensch aus Bayern seinen Hut nehmen.

Die Guardian-Geschichte, die wie in jedem Skandal portionsweise an die Öffentlichkeit dringt, liest sich ähnlich: Geheimnisverrat mithilfe von NSA-Dokumenten, die der geflüchtete NSA-Mitarbeiter Edward Snowden geklaut hat. 

Bloß geht es 50 Jahre später nicht um Leitz-Ordner, sondern um Festplatten. Stimmt es, was der Chefredakteur Alan Rusbridger im eigenen Blatt schreibt, haben zwei Geheimdienstler vom GCHQ die Leute vom Wächter gezwungen, zwei Platten und einen Mac zu zertrümmern.

Die Sache ist insofern "bizarr", wie der Chefredakteur anmerkt, als Kopien existieren – laut Rusbridger in Amerika und Brasilien.

Interessant auch, dass sich die britische Presse kaum mit der Affäre beschäftigt. In der Onlineausgabe der Times fand sich gestern nur eine kurze Notiz, im Telegraph gar nichts. Auch nichts im Massenblatt Daily Mail, das leidenschaftlich aufgreift, was nach Skandal riecht. 

Der liberale Independent berichtet nüchtern, die Cameron-Regierung habe einen hohen Beamten, Sir Jeremy Heywood, entsandt, um den Guardian zu "drängen", die Verschlusssachen nicht zu veröffentlichen; derlei Verzicht, so die Begründung, sei "juristischen Maßnahmen" vorzuziehen.

Sicher ist zu diesem Zeitpunkt nur eines: Die Anweisung kam von ganz oben, aus 10 Downing Street, dem Amtssitz des Premier David Cameron. Gedroht wurde mit "ernsthaften Konsequenzen". Mithin lautet die Botschaft: Hört auf mit dem, was ihr seit Wochen macht: der Öffentlichkeit ein Scheibchen nach dem anderen zu servieren.

Zurück zur unergründlichen Dynamik des Skandals. Entweder der Guardian hört tatsächlich auf, um einer Anklage zu entgehen, die sich endlos dahinziehen, aber bis zum Urteil Veröffentlichungen in eigener Sache verhindern würde. Dann hätte das Festplattentheater im Keller der Zeitung funktioniert. Die Regierung könnte stets darauf verweisen, dass es sich um hochgeheime Verschlusssachen gehandelt habe. In der Spiegel-Affäre hatte die deutsche Staatsanwalt die Story als solche als Verrat stilisiert, obwohl sie auf öffentlich zugänglichen Daten basierte.

Überdies, so das vorstellbare Plädoyer der Regierungsanwälte, hätten die Agenten des GCHQ nicht illegal gehandelt, indem sie etwa ohne Durchsuchungsbefehl Beweismaterial abtransportiert hätten. Sie hätten die Guardian-Leute ja nur "überzeugt", die Platten zu zertrümmern. Feinheiten, aber vor Gericht nicht ohne Gewicht.

Oder ganz anders: Es schält sich die Lesart heraus, dass es Einschüchterung, also ein Angriff auf die Freiheit der Presse gewesen sei. Nur scheint der Funken noch nicht zu zünden – siehe die verhaltene Reaktion der Konkurrenz sowie die Indifferenz des Publikums, das an Verrat denkt, wenn es von der Affäre hört.

Doch der Skandal geht seine eigenen Wege. Erinnern wir uns an den früheren Verteidigungsminister Guttenberg, der alle Register zog und dann doch demissionieren musste.

Nur eines ist gewiss: Wächst der Schneeball zur Lawine an, dann landet sie im Arbeitszimmer des Premierministers David Cameron, der die Festplattenaktion abgesegnet hat.