Ausnahmezustand in ÄgyptenRegierung bestätigt mehr als 600 Tote

In Ägypten ist ein Ende der Gewalt nicht absehbar, die Muslimbrüder wollen weiter protestieren. Die Regierung hat neue Zahlen zu den Getöteten bekannt gegeben.

Mursi-Unterstützer nach der Identifizierung eines getöteten Familienmitglieds in Kairo

Mursi-Unterstützer nach der Identifizierung eines getöteten Familienmitglieds in Kairo   |  © Ed Giles/Getty Images

,Bei den gewaltsamen Auseinandersetzungen in Ägypten sind laut einem Sprecher des Gesundheitsministeriums 638 Menschen getötet worden. Der Nachrichtensender Al-Arabija berichtete unter Berufung auf Zahlen des Amtes von mehr als 4.200 Verletzten. Bis zum frühen Nachmittag des Donnerstag war offiziell noch von 525 Toten und etwa 3.700 Verletzten die Rede gewesen.

Nach Angaben der staatlichen Zeitung Al-Ahram starben allein 228 Menschen bei der Erstürmung des islamistischen Protestlagers durch die Einsatzkräfte auf dem Platz vor der Rabea-al-Adawija-Moschee in Kairo. Dort stand das Hauptcamp der Anhänger des Anfang Juli gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi

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Die islamistische Muslimbruderschaft sprach von 2.000 Menschen, die bei der gewaltsamen Räumung ihrer Protestcamps am Mittwoch umgekommen waren.


Protestcamps in Kairo auf einer größeren Karte anzeigen

Die Muslimbrüder kündigten an, ihre Proteste gegen die Absetzung von Mursi fortsetzen zu wollen. Sie riefen zu einem "Freitag der Wut auf". Die Polizei befürchtet weitere Gewalt, wenn die Islamisten nach dem Freitagsgebet wie angekündigt erneut demonstrieren sollten.

Ein Toter im Badeort Hurghada

Die Gewalt hatte auch auf eine Reiseregion übergegriffen. In dem Badeort Hurghada gab es in der Nacht zu Donnerstag einen Todesfall. Nach Angaben aus Polizeikreisen starb ein Anhänger der Muslimbruderschaft bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei.

Nicht überall wurde den Angaben zufolge die nächtliche Ausgangssperre beachtet. In Alexandria hätten Mursi-Anhänger mehrere Straßen blockiert und Straßenbahnwaggons angezündet, hieß es. Seit Mittwoch soll die Polizei landesweit etwa 560 Menschen festgenommen haben. 

Angriffe auf christliche Kirchen gehen weiter

In Gizeh nahe Kairo hatten die Protestierer ein Regierungsbgebäude angezündet. Das Innenministerium wies die Polizei daraufhin an, solche Angriffe mit scharfer Munition abzuwehren. Bis Donnerstagabend hatten Muslimbrüder auch mehr als 30 Kirchen angegriffen. IN Alexandria gab es eine Massenschlägerei mit vier Toten, als Anwohner ihre Kirche schützen wollten.

Christliche Aktivisten und lokale Medien hatten nach dem Beginn der Räumung der Islamisten-Protestlager von Attacken auf Kirchen, christliche Schulen und Geschäfte, die Christen gehören, in mehreren Provinzen berichtet. In Malawi in der Provinz Al-Minia wurden nach Angaben von Aktivisten in der Nacht Geschäfte von Christen zerstört und das Auto eines Priesters angezündet. 

Weltweit hatten sich Politiker über die Gewalt in Ägypten empört und verlangt, die Führung solle das Recht auf friedliche Demonstrationen respektieren. US-Präsident Barack Obama rief auch die Demonstranten auf, friedlich zu bleiben. Die USA sagten aus Protest ein gemeinsames Militärmanöver mit den Ägyptern ab.

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Leserkommentare
  1. Warum belassen es die "westlichen Demokratien" dabei, lediglich ihre Sorge über die Entwicklung auszudrücken und fordern das Miltär nicht dazu auf, die Gewalt einzustellen? Es scheint ja fast so,als käme der Militärputsch und die jetzige Situation nicht so ganz ungelegen.

    11 Leserempfehlungen
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    natürlich kommt diese Situation uns im Westen entgegen. Ich hab damit auch kein Problem; oder ist Ihnen dort ein islamistischer Schariastaat lieber?

    Nur hätten sich Obama und Co rechtzeitig im Juli entsprechend äussern und die Militärregierung anerkennen müssen - das hätte die Lage jetzt nicht so eskalieren lassen.

    „Es scheint ja fast so,als käme der Militärputsch und die jetzige Situation nicht so ganz ungelegen.“

    Ich denke das tatsächlich vielen hier im Westen eine Militärdiktatur, die den Islam an der kurzen Leine hält, lieber ist, als eine unruhige Demokratie. Das mag zynisch klingen, aber bei einer Diktatur weiß man wenigstens woran man ist.
    Und bevor mir jetzt jemand etwas vorwerfen will: Nein ich bin nicht für eine Militärdiktatur in Ägypten. Mein Kommentar sollte „nur“ eine rein machtpolitische Betrachtung darstellen.

    Zumindest die USA und unser Außenminister
    Wie schaut's denn mit den nicht-westlichen Demokratien aus?
    China, Russland, Lateinamerika?

    21:30 Uhr am 15/08/2013:
    „Nicht die 2000+ der Muslimbrüder, aber die Zahl steigt. Laut AP sagt der Sprecher des ägyptischen Gesundheitsministeriums, dass die Zahl der Toten vom Mittwoch auf 638 angestiegen sei.“
    https://twitter.com/evanc...
    Evan Hill, Kairo.

    Es gibt fünf Gründe, dem Ministerium zu glauben.
    Sie hören nicht auf zu zählen.
    Viele Zahlen wurden von Journalisten überprüft, als die Toten abtransportiert wurden.
    Es sind keine runden Zahlen.
    Die Muslimbrüder können keine Leichen vorweisen, die bis zu ihrer Zahl fehlen.

    Wenn Leichen unbemerkt entfernt wurden, dann müssten die Angehörigen doch nach ihnen suchen!

  2. Es gibt vermehrt Berichte über Angriffe auf Christen und christliche Einrichtungen. Interessant und ganz wichtig sind die Berichte, dass Polizei und Militär hier nicht präsent sind, bzw. tatenlos sind.

    FRAGEN:
    * Wem nützt das? Natürlich dem Militärregime, weil jeder denkt es sind die Muslimbrüder.
    * Warum wird nicht über die Rolle der Salafisten berichtet? Das sind die historischen Erzfeinde der Muslimbrüder, was bis in die Zeiten des osmanischen Reiches zurückreicht.
    * Salafisten machen mit dem Militärregime gemeinsame Sache gegen die Muslimbrüder, da wird sicher auch ganz schmutzig gearbeitet und vieles von Saudi-Arabien finanziert!?
    * Salafisten greifen im Auftrag oder nachweislich mindestens unter Billigung des Militärregimes Christen an, um so ungeniert Hunderte und bald Tausende Tote westlichen Regierungen und Medien zu rechtfertigen.

    Mursi war übrigens der erste ägyptsche Präsident in über 30 Jahren der den schiitischen Iran besucht hat. Religionskriege wie das der Saudis in Syrien, in Bahrain und im eigenen Land sind nicht die Sache Mursi und den Muslimbrüdern. Die Salafisten sind dagegen vom Kern aus extrem und radikal.

    9 Leserempfehlungen
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    Die zweitstärkste parlamentarische Kraft in Ägypten, die salafistische Partei des Lichts, hat den Putsch toleriert. Werden die Musimbrüder zerschlagen, wird sie nun zum Anziehungspol der Radikalreligiösen. Mit ihrer salafistischen Orientierung scheinen sie extremistischer zu sein und als verlängerter Arm der Saudis zu agieren.

    dass man sich fragt, was im Kopf eines Menschen vorgeht, wenn er reflexartig für die Übergriffe auf Christen alle, aber nicht jene verantwortlich macht, die Probleme mit den Christen haben: die Muslimbrüder.
    Der religiöse Mob der hinter den Muslimbrüdern steckt braucht seine Feindbilder. Die koptischen Christen sind eines davon.

    • YaelS
    • 15. August 2013 10:29 Uhr

    Durchaus "einige" der Demonstranten waren mit Feuerwaffen bewaffnet und haben auf die Polizei geschossen.

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    • Einheit
    • 15. August 2013 12:43 Uhr

    na und, die haben auch das recht sich gegen mordende Scharfschützen zu wehren. Oder sollen sie sich wehrlos abschießen lassen. Die Bewaffnung ist hier nur zu begrüßen. Dem Terrorregime der Putschisten muss entgegen getreten werden.

  3. .. hätten die beiden letzten Abschnitt im Artikel das Zeug zur Story - warum so verschämt am Ende ?

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    Die MB sind nicht blöd in so einer sitaution dem militär eine rechtfertigung zu liefern, indem sie kirchen angreifen.

    Schon mal was von der Strategie der Spannung gehoert?
    ruhig mal googlen.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf haltlose Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/kvk

  4. Mursi ist die üble Alternative gewesen?

    Ich kann michnicht daran erinnern, dass er bei den Demos gegen ihn Schießbefehle gegeben hat, im Gegensatz zu den selbsternannten Rettern der Demokratie.

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    • 3-Bal
    • 15. August 2013 10:31 Uhr

    Solange Kopftücher und Kreuze als heilige Insignien das Denken dieser Menschen bestimmen, wird das nichts mit Demokratie in dieser Region. Die sollen erst einmal von ihrem religiösen Fanatismus runterkommen, sich mit dem Begriff Laizismus auseinandersetzen und sich auf eine höhere Zivilisationsstufe begeben, zu der auch Toleranz gehört. Ich halte da auch die Einschätzung des deutschen Außenministers Westerwelle für grundfalsch, als er den Sturz Mursis durch das Militär scharf verurteilte. Was soll denn dabei herauskommen, wenn die Ideologie der Islamisten in einer niedergeschriebenen Verfassung aufgeht? Bestimmt kein demokratischer Rechtsstaat. Am Ende wird es so sein, wie bei jeder Revolution, die in Chaos und Unordnung versinkt: Es kommt jemand, der mit dem Säbel aufräumt.

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    "Am Ende wird es so sein, wie bei jeder Revolution, die in Chaos und Unordnung versinkt: Es kommt jemand, der mit dem Säbel aufräumt."

    Das Ende ist offensichtlich schon gekommen, jetzt wird mit dem "Säbel" aufgeräumt. Ich vermute aber, im Gegensatz zu Ihnen, dass diese Revolution gerade an ebendiesem Säbel und nicht an Kopftüchern und Kreuzen scheitert.

  5. Die zweitstärkste parlamentarische Kraft in Ägypten, die salafistische Partei des Lichts, hat den Putsch toleriert. Werden die Musimbrüder zerschlagen, wird sie nun zum Anziehungspol der Radikalreligiösen. Mit ihrer salafistischen Orientierung scheinen sie extremistischer zu sein und als verlängerter Arm der Saudis zu agieren.

  6. Die MB sind nicht blöd in so einer sitaution dem militär eine rechtfertigung zu liefern, indem sie kirchen angreifen.

    Schon mal was von der Strategie der Spannung gehoert?
    ruhig mal googlen.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "eigentlich .."
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    zu Ihrem ersten Satz: doch
    zu Ihrem zweiten Satz: mag sein, dann eben jetzt mal so rum.

    Sie suchen nach Vernunft, wo es nur Fanatismus gibt.

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