Die britische Zeitung The Guardian ist eigenen Angaben zufolge nach der Veröffentlichung der geheimen Dokumente des früheren NSA-Mitarbeiters Edward Snowden von der Regierung in London massiv unter Druck gesetzt worden. Der Chefredakteur des Blattes, Alan Rusbridger, schreibt, sie seien zur Zerstörung oder Herausgabe des Snowden-Materials aufgefordert worden. Im Falle der Nichtbefolgung der Anweisung sei mit juristischen Konsequenzen gedroht worden. Letztlich seien daraufhin Datenträger zerstört worden.

Rusbridger schrieb weiter, zwei Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes GCHQ hätten im Keller der Zeitung die Zerstörung von Festplatten überwacht. Dies sei einer der "bizarrsten Augenblicke" in der langen Geschichte des Guardian gewesen.  Nach eigenen Angaben wurde Rusbridger zunächst vor etwas mehr als zwei Monaten von einem sehr hohen Beamten der Regierung von Premierminister David Cameron kontaktiert. Bei zwei darauffolgenden Treffen sei die Rückgabe oder Zerstörung allen Materials, an dem das Blatt arbeite, gefordert worden. Ein Regierungsmitarbeiter soll gesagt haben: "Ihr hattet eure Debatte. Es gibt keinen Grund, noch mehr zu schreiben."

Der Bericht von Rusbridger erfolgte nur zwei Tage, nachdem der Partner des für den Guardian arbeitenden Journalisten und Snowden-Vertrauten Glenn Greenwald neun Stunden lang von der britischen Polizei festgehalten worden war. In einem ersten Interview nach seiner Festsetzung auf dem Londoner Flughafen Heathrow sagte David Miranda, ihm sei mit Gefängnis gedroht worden, sollte er nicht kooperieren. "Sie behandelten mich wie einen Verbrecher, es war anstrengend und frustrierend", sagte der 28-jährige Marketing-Student. Er habe Dokumente dabei gehabt, die ihm die Filmemacherin Laura Poitras in Berlin für seinen Partner Greenwald überreicht hatte. "Ich wusste nicht, welche Dokumente ich bei mir trage, habe sie mir nicht angeschaut", sagte Miranda.

Die Briten beriefen sich bei der Festsetzung auf ein Anti-Terror-Gesetz, das eine Festnahme ohne richterliche Anordnung und ohne Recht auf juristischen Beistand ermöglicht. "Ich wurde in einem Zimmer gehalten, in dem Agenten ein- und ausgingen, um sich bei der Befragung abzuwechseln", sagte Miranda. Sie hätten ihn über sein ganzes Leben ausgefragt und ihm Computer, Handy und den Fotoapparat weggenommen. Der Brasilianer ergänzte, er sei weder bedroht noch aggressiv behandelt worden.

US-Regierung wusste von Plänen, Miranda festzuhalten

Die US-Regierung hat unterdessen jegliche Beteiligung an der Festsetzung Mirandas zurückgewiesen. Diese sei weder auf die Nachfrage noch durch eine Beteiligung der US-amerikanischen Regierung geschehen, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Josh Earnest, dem britischen Fernsehsender BBC. Die britischen Behörden hätten die USA allerdings vorab von ihrem Vorhaben informiert.

Greenwald kündigte unterdessen neue Veröffentlichungen über die Spionageaktivitäten Großbritanniens an. "Ich habe viele Dokumente über die Spionageaktivitäten von England", sagte Greenwald bei der Rückkehr Mirandas am Flughafen von Rio de Janeiro. Auch Guardian-Chefredakteur Rusbridger schreibt, die Beschlagnahme von Mirandas Handys und Festplatte werde keinen Einfluss auf die Arbeit des Journalisten haben.

Greenwald berichtet im Guardian immer wieder über die gigantischen Spähprogramme des US-Geheimdienstes NSA. Er stützt sich bei seinen Enthüllungen auf die Dokumente Snowdens. Von den USA wird der US-Whistleblower wegen Geheimnisverrat gesucht.