Snowden-EnthüllungenDer "Guardian" inszeniert sich im NSA-Skandal

Die britische Presse erregt sich kaum über die NSA-Enthüllungen. Nur der "Guardian" kämpft an vorderster Front – auch aus Eigennutz. Ein Kommentar von 

Der "Guardian"-Chefredakteur Alan Rusbridger bei einem Porträttermin während des Literaturfestivals in Edinburgh.

Der "Guardian"-Chefredakteur Alan Rusbridger bei einem Porträttermin während des Literaturfestivals in Edinburgh.  |  © Jeff J Mitchell/Getty Images

Wo bleibt in Großbritannien die Empörung über die jüngste Wendung in der Snowden/Guardian-Affäre? Die Reaktion der deutschen Öffentlichkeit auf die Enthüllungen über NSA, GCHQ und Prism fiel schon ziemlich mau aus; der Versuch, ein bisschen Zunder in den Wahlkampf zu bringen, erwies sich als Rohrkrepierer. Solchen Mangel an Engagement ist man hier gewöhnt, von den Briten war nach dieser Lesart auch nicht mehr zu erwarten. Doch zumindest hegte man die Hoffnung, die britische Presse würde die mediale deutsche Erregung teilen.

Doch siehe da, die Erregung blieb weitgehend auf den Guardian beschränkt, wenn sich auch die öffentlich-rechtliche BBC alle Mühe gab, das Thema in den Schlagzeilen zu halten. Warum die Zurückhaltung? Ist es Rivalität und Konkurrenzneid? Hat es damit zu tun, dass es sich beim Guardian um das Leib- und Magenblatt aller Linken handelt, quer durch Europa und die Vereinigten Staaten, weshalb politisch anders gepolte Blätter nur ungern Unterstützung gewähren? Oder offenbart sich gar selbst in journalistischen Kreisen ein bedauerlicher Mangel an Verständnis für die Gefahren, die demokratische Gesellschaften durch jene  staatlichen Institutionen drohen können, die sie eigentlich schützen sollen?

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Ein Times-Kolumnist drückte seinen Zwiespalt der Gefühle so aus: Angesichts des Konflikte des Guardian mit britischer wie amerikanischer Obrigkeit schwinge er hin und her wie ein Wetterhahn. Einen Augenblick lang lasse er sich leicht davon überzeugen, dass sich langsam und stetig die "verabscheuungswürdige Tyrannei einer Nomenclatura" herausbilde; im nächsten Moment sei er bereit zu akzeptieren, dass die Regierung "proportionale Massnahmen" ergriffen habe, um die Bürger vor kriminellen Delikten, verübt von selbst ernannten Wichtigtuern, zu schützen.

Dahinter tritt das alte Dilemma hervor, das nicht verschwinden wird: das Spannungsverhältnis zwischen Sicherheit und Freiheit, die Sorge um mögliche Einschränkung journalistischer Freiheit und die staatliche Fürsorgepflicht für Sicherheit. Untrennbar damit verbunden ist die Frage, ob und wann sich Journalisten über Gesetz und Recht hinwegsetzen dürfen.

Beunruhigend weit gefasstes Antiterrorgesetz

Die Antwort auf die Frage, warum dem Guardian keine vorbehaltlose Unterstützung gewährt wird, hat viel mit dem Eindruck einer bedachtsam auf Effekt angelegten Inszenierung zu tun. Ein dickes Fragezeichen gehört hinter die Behauptung des Guardian-Chefredakteurs Alan Rusbridger, man hätte sich der Forderung nach Zerstörung der Datenträger nicht widersetzt, weil sonst ein Prozess gedroht hätte, der jegliche weitere Berichterstattung über Snowdens Enthüllungen verhindert hätte. Zugleich aber verkündete er, die beschlagnahmten Daten hätte man noch anderswo gespeichert; künftig werde man eben von Amerika aus publizieren.

Vielleicht lässt sich der Mangel an Solidarität britischer Presseorgane aber auch anders erklären. Das anarcholiberale Online-Magazin Spiked etwa wirft dem Guardian "Doppelmoral" vor. Was ihm selbst in milder Form angetan worden sei vom Staat, hätten mehr als 100 Boulevardjournalisten nach dem Voicemail-Skandal bei der News of the World um ein Vielfaches schlimmer erlebt. Sie seien im Morgengrauen aus dem Bett heraus verhaftet worden, viele hätten ihren Job verloren, selbst wenn in vielen Fällen keine Klage gegen sie erhoben worden sei. Der Guardian aber hätte für die Boulevardjournalisten keinen Finger gerührt.

Auf einem anderen Blatt steht, dass die neunstündige Befragung des Partners  – und Datenkuriers – von Guardian-Journalist Glenn Greenwald auf der Basis eines viel zu weit gefassten Antiterrorgesetzes in der Tat ein beunruhigendes Indiz darstellt. Es zeugt von der Tendenz, die jeglichen staatlichen Bürokratien zu eigen ist, nicht nur der Sicherheitsorgane: Die eigene Existenz abzusichern, den Apparat auszubauen, Kompetenzen auszuweiten und bestehende über Gebühr weit zu interpretieren. Es ist gut zu wissen, dass die derzeitige Regierung in London bereits dabei war, das Antiterrorgesetz aus dem Jahr 2000 zu überarbeiten, beispielsweise eine Frist von maximal sechs Stunden Befragung festzusetzen. Es sollte ihr nach den Schlagzeilen der vergangenen Tage ein Leichtes sein, weiter zu gehen.

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Leserkommentare
  1. Wen interessiert's, was der Guardian macht. Die Zeit infiltriert sich ja auch im NSA-Skandal. Und zwar auch aus "Eingennutz". Wo ist also das Problem? Was soll dieser Artikel?

    47 Leserempfehlungen
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    • yato
    • 24. August 2013 21:02 Uhr

    denn murdoch hat die britische presse (und die regierung) gekauft, dagobert duck, der gelddiktator, der milliardär bestimmt also, was die briten zu denken haben und damit sind die briten (und ihre gehirne) heute im nachdemokratischen zeitalter marionetten des ultrakonservativen (und übrigens europahassenden) "diktators" und der anarchie des geldes ausgeliefert.

    ich wünsche dem guardian alles gute dagegen noch mit aufklärung und demokratie anzukommen!

    mich erinnert das nicht nur an george orwell, sondern auch an den anfangs ungleichen kampf von bodo beutlin, dem kleinen hobbit gegen das überlegene reich von mordor/murdoch...
    in tolkiens roman "der herr der ringe" hat immerhin das gute am ende doch noch über den verrat gesiegt...

    • clubby
    • 24. August 2013 21:44 Uhr

    Zwar zur Sprache bringen, aber die herrschenden Strukturen nicht kurz vor der Wahl gefährden. Diskutieren ohne Aktion, Argumentieren ohne Sicht auf Änderungen.
    DAS soll der Artikel.....

  2. > Wo bleibt in Großbritannien die Empörung über die jüngste Wendung in der Snowden/Guardian Affäre? <

    Seltsam, dass Herr König diese Frage stellt wo doch die Antwort jedem, der ein wenig nachdenkt, bekannt ist und aus drei Buchstaben besteht - USA. Es hat genug Beispiele gegeben wo GB einträchtig mit der USA "gedacht" hat.

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    • Kraake
    • 24. August 2013 16:45 Uhr

    ... würde mal ernstahft interessieren, wer die öffentliche Erregung wie misst?

    Meine Weltsicht hat sich in den letzten Wochen seit Snowdens Hongkong Aufenthalt durchaus verändert.

    40 Leserempfehlungen
  3. Es wäre nett, wenn die ZEIT auch mal die Möglichkeit hätte, sich entsprechend zu inszenieren, wenn ihr @ Redaktion versteht was ich meine....

    Also lieber mal den Ball flach halten, wo ihr doch ohnehin nur in eurem eigenen bürgerlichen Mikrokosmus kreist.

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    • exchp
    • 24. August 2013 16:49 Uhr

    auf den Guardian.

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    schlimmer noch !

    Eine kleine Anmerkung noch an den Autor Jürgen Krönig. Wenn man diese Thema beleuchtet, warum wird dann nicht grüdnlicher hinterfragt welche Motive die britischen Medien haben, was das schweigen im Medienwald angeht.

    Der vergleich des Online-Magazin Spiked hinkt ja wohl an allen Ecken und Enden!!!!!

    Die bittere Wahrheit ist, das es wie in Deutschland einen schleichenden niedergang der Medien gibt. Der Anpassungswille ist einfach viel zu groß.

    Die deutschen Medien haben kritiklos die Freiheit am Hindukusch verteidigt und die € Rettung freundlich begeleitet, während beim Leistungschutzrecht auf breiter Front Lobbyismus in eigener Sache betrieben wurde (mit nur wenigen Ausnahmen). Wenn ich mir die Zeit im speziellen Ansehe, werden mir auf ewig diese unglaublich peinlichen Interviews mit Merkel und Guttenberg in erinnerung bleiben. Herr Joffe und Herr Giovanni di Lorenzo
    stehen für eine andere Art des Journalismus.

    Bei der NSA Affäre gaben sich zwar einige wirklich mühe, aber das wars dann auch.

    Das jetzt hier stimmung gegen die Menschen gemacht wird, die ihren Job noch ernst nehmen ist bedauerlich.

    MfG

  4. Ich brauche auch keine Zeitung zu lesen, geschweige denn wünsche ich die Existenz einer Zeitung, die sich sich mit dem Status quo abfindet und meint, die Regierung sei schon auf dem richtigen Weg.

    Gerade der Widerspruch hält die Demokratie am Leben und die Menschen am Denken.

    Irgendjemand muss es tun.

    Danke, Guardian!

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  5. was ???? soll dieser Artikel? Vielleicht dies, vielleicht das, vielleicht auch nur jenes. Vielleicht auch nur eine Retour-Kutsche der Bouvevard-Presse weil sie ihrerseits einmal nicht vom Guardian unterstützt wurde (ist das eigentlich schlimm, wenn Boulevard-Presse nicht unterstützt wird?)

    Wie wäre es eigentlich mit noch einer x-ten Möglichkeit für Solidarisierungsverweigerung - jenseits von Narzissmus seitens des Guardian:

    der Guardian ist als einziger mutig genug - über die Enthüllungen zu berichten.

    Denn: da der Britische Geheimdienst erwiesenermaßen ja durch die transatlantische Kabelverlegung einen wichtigen Knotenpunkt stellt und erwiesenermaßen sozusagen einer der wichtigsten Zulieferer für die NSA ist, kann der Britischen Regierung, ebenso wie im übrigen der Deutschen (Kollaboration des BND mit der NSA) relativ wenig daran gelegen sein, offenen und peinlichen Enthüllungen über sich selbst im Bezug auf Kollaboration, ausgesetzt zu werden.Gemäß "Lauscher an der Wand, hört seine eigne Schand") - . Da lausch ich doch lieber Mal weg und kümmer mich nicht drum!

    Insofern hebt sich der Guardian da doch wohl im Sinne von Presseneutralität äusserst positiv ab. Und: er sitzt nun Mal an den Quellen. Was sollen andere Blätter da auch groß berichten. Sie haben die Quellen ja nun Mal nicht, die Greenwald, als Teilzeit-Angestellter des Guardian hat.

    Bitte in Zukunft also inhalts- und qualitätsreichere Artikel zum WIE und WARUM !!!

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  6. dass der Guardian sich über diese Affäre künstlich erregen muss.

    Wer bei dieser Angelegenheit nicht automatisch Puls 180 hat, der versteht einfach nicht, was passiert.

    All diese Kritik an den Kritiker persönlich ist unter der Gürtellinie. So macht man das heute: Keine Inhalte diskutieren. Sondern den Inhaltsträger diskreditieren.

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    • M.C.Br.
    • 24. August 2013 18:06 Uhr

    Ich habe es satt, ständig mit derartig schwachen, an den Haaren herbeigezogenen Kritiken konfrontiert zu werden. Ist irgendwie typisch hier bei uns, diese krampfhaften Versuche, Skandale zu neutralisieren, damit bloß alles so bleibt, wie es ist!

    Wo in dem Kommentar steht denn, dass der Guardian sich über die NSA-Enthüllungen "künstlich errege"??

    Gegenstand des Kommentars ist das genaue Gegenteil, die Frage, warum dies in den übrigen britischen Medien keine Erregung erzeugt.

    gehen hoch, nur was soll die Erregung? Der deutsche Bürger bleibt brav, denn Ruhe ist erste Bürgerpflicht. Wozu aufregen, wir fahren weiter SUV, nutzen alle möglichen Stromverbraucher, sammeln Plastikverpackungen, müllen weiter unsere schöne Erde zu - dann sollen wir uns auch noch aufregen über Ausforschungen?
    Herr Pofalla hat uns doch versichert es sei alles in Ordnung, der Bundesinnenminister nickt - ja alles in Ordnung, Frau Merkel nickt .... Also liebe bürgerlichen Leser da schreibt mal einer die Wahrheit über die Mehrheitsmeinung der braven Bundesbürger und schon bricht ein Minitornado los. Schließlich haben die Italiener auch ihren Berlu, die Spanier ihren Rajoy usw, usw. Wir könnten ja mal spekulieren was aus dieser ganzen Datensammelwut wird, wenn mal der Strom ausfällt?

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Berichterstattung | Bürokratie | Datenträger | Gebühr | Glenn Greenwald | Prism
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