Fida Abu Kharbisch traut ihrem Glück noch nicht recht: "Ich glaube nicht, dass er wirklich freikommen wird", sagt die 77 Jahre alte Mutter von Mahmud. Seit rund 25 Jahren sitzt ihr Sohn in Israel in Haft – wegen fünffachen Mordes. Jetzt soll er das Gefängnis verlassen dürfen. Er befindet sich auf einer Liste von insgesamt 104 palästinensischen Langzeithäftlingen, die Israel in den kommenden neun Monaten entlassen will, um so die Friedensgespräche mit den Palästinensern zu begleiten. 

Für Fida würde damit ein Traum wahr: "Ich könnte mein Glück nicht fassen. Ich würde für ihn die ganze Straße kehren. Ich will doch nur, dass er mit seiner Frau und Tochter glücklich wird", sagt sie.

Nur wenige Kilometer von Fidas Haus in Jericho entfernt sitzt die 80 Jahre alte Geula Dolorosa in einer kleinen Wohnung in Jerusalem. Sie kocht vor Wut und Enttäuschung. Mahmud ist der Mörder ihres Sohnes David. "Mörder sollten nie freikommen, sondern im Gefängnis sterben", sagt sie resolut. Wochenlang belagerte Geula Dolorosa Abgeordnete im Parlament, um sie gegen die Freilassung der Häftlinge zu bewegen – ohne Erfolg.  

"Als bringe man David ein zweites Mal um"

Die Parlamentarier hörten zwar voller Mitgefühl zu, Minister mieden sie jedoch. "Sie können es nicht ertragen, Hinterbliebenen von Terroropfern in die Augen zu schauen und ihnen zu sagen: Wir lassen die Mörder eurer Kinder, Männer, Mütter frei. Oder sie schämen sich dafür", sagt Geula. Jetzt fühlt sie sich "als bringe man meinen David ein zweites Mal um".

Fida und Geula erinnern sich noch genau an jenen schicksalhaften Tag, der ihr Leben veränderte. Die erste Intifada tobte seit Monaten. Überall warfen Palästinenser Steine auf Israelis, die antworteten mit Tränengas, manchmal mit scharfer Munition. So auch in Jericho, wo ein Busfahrer einen Palästinenser erschossen hatte. Am 30. Oktober 1988, zwei Tage vor den Wahlen in Israel, wollte Mahmud Rache nehmen. "Er war erst 23 Jahre alt und nicht besonders reif", sagt sein Bruder Muhammad. 

Mahmud warf drei Brandsätze auf einen israelischen Bus, der durch die Stadt fuhr. Darin saß David. Eine ganze Wand in Geulas Wohnzimmer ist seinem Andenken gewidmet. Fotos hängen neben Gedichten, in einer Vitrine liegen Gebetsriemen und das Gebetsbuch, das er an jenem Tag bei sich trug. Der Bus fing Feuer. Die Insassen flohen, nur die 26 Jahre alte Rachel Weiß mit ihren drei kleinen Jungen blieb. Sie saß in der letzten Reihe, direkt hinter David. Statt zu fliehen, legte sie sich in Panik schützend auf ihre Kinder, wollte das brennende Fahrzeug nicht verlassen.

"David versuchte minutenlang, sie herauszuzerren. Er konnte sie doch nicht einfach zurücklassen", sagt Geula. Doch der 19 Jahre alte Soldat mühte sich vergeblich und atmete dabei tödlichen Rauch ein. Am Ende war es für alle zu spät. Zwei Monate rang David noch mit einer Rauchvergiftung bevor er starb. Das Attentat hatte Folgen: Am Tag nach der Beerdigung von Rachel Weiß und ihren drei kleinen Kindern gingen die Israelis wählen – und stimmten wütend für die rechte Likud-Partei. 

Mahmud wurde drei Tage nach dem Attentat verhaftet. Die Armee riss das Haus seiner Familie ab. Bis heute liegt dort ein Trümmerhaufen. Frau und Tochter wohnten fortan bei Mahmuds Brüdern.