Die zweite Verhandlungsrunde zwischen Israel und den Palästinensern läuft – eine Mischung aus Misstrauen, Scharade und Vielleicht. Ein Tanz, der womöglich abermals wie ein Menuett endet: Verbeugung, Drehung, Rückkehr zur Ausgangsposition.  

Wie schwer dieses Ritual zu durchschauen ist, zeigt ein Kommentar der Frankfurter Allgemeinen, wo es heißt:  "Wenn Israel kurz vor einer neuen Verhandlungsrunde den Bau weiterer Siedlungen genehmigt, gibt es zu verstehen, dass es das Scheitern dieser Gespräche in Kauf nehmen will – und an einem Frieden nicht interessiert ist."


Erstens handelt es sich nicht um "neue Siedlungen", sondern um neue Wohneinheiten in einem alten Gebiet, nämlich Gilo am Rande von Jerusalem, das in jedem Abkommen im Rahmen eines Gebietsaustausches israelisch bleiben wird. Der Unterschied mag subtil sein, aber er ist der Kern eines Rituals, in dem jede Seite Signale setzt, die "dekodiert" und im Zusammenhang verstanden werden müssen.

Zweitens ist Israel in Vorlage gegangen und hat kurz vor Gesprächsbeginn 26 verurteilte Palästinenser freigelassen – im Dunkel der Nacht zu gestern, um die eigenen Bürger nicht noch mehr zu provozieren. Insgesamt sollen 1.200 Gefangene freikommen.

Deshalb hat Jerusalem auch zwei kurze Luftangriffe gegen Raketen-Positionen in Gaza geflogen – ein Signal an die Hamas, die den Verhandlungsprozess vehement ablehnt. Zugleich hat das Höchste Gericht die Klagen der Terroropfer abgewiesen – ein weiteres Signal, das nicht gerade dem Scheitern dient.

Selbstverständlich hat die Palästinenser-Behörde scharf gegen die Bau-Genehmigungen protestiert – auch das Teil eines Rituals, mit dem Präsident Abbas sich den Rücken gegen die eigenen Friedensfeinde freihalten will. Zudem hat Abbas  rhetorisch vorgebaut: "Am Ende des Prozesses wollen wir keinen einzigen Israeli – Zivilisten oder Soldaten – auf unserem Boden sehen."

Die Realität klingt wiederum anders: Die Palästinenser haben vorweg eine Bedingung fallen lassen, die den Prozess schon vor Anbeginn hätten platzen lassen können. Das war die ewige Forderung, wonach Israel vorweg alle palästinensischen Territorial-Ansprüche als Preis für Verhandlungen akzeptieren müsse.

Diese leise, aber kritische Konzession kam  freilich mit lauter Begleitmusik: Die amerikanischen Schirmherren, so Abbas, hätten versprochen, die Palästinenser just in dieser Sache zu unterstützen.

Wer den Prozess seit Jahrzehnten beobachtet, weiß, dass solche Schattenspiele wichtiger sind als die Handlung, die im direkten Rampenlicht abläuft. Auftrumpfen in der Bühnenmitte, um das eigene Publikum ruhig zu stellen, halb geflüsterte Konzessionen am Rande – dort, wo man schon genau hinhören muss, um die Aufführung als Ganzes zu verstehen.

Bislang läuft diese besser als alle früheren Inszenierungen seit dem berühmten Handshake von Izchak Rabin und Jassir Arafat 1993 im Rosengarten des Weißen Hauses.

In dieser Woche ist bloß der zweite Akt angelaufen. Richten wir uns auf 20, 30, 50 weitere ein. 

Aber besser eine Aufführung ohne Ende als ein Abbruch kurz nach dem Prolog – wie so oft in der Geschichte dieses hundertjährigen Krieges.