Nahost-KonfliktDie echten Friedensgespräche finden im Schatten statt

Die Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern laufen. Wichtig ist nicht die Aufführung in der Bühnenmitte. Sondern die geflüsterten Zugeständnisse am Rand. von 

Josef Joffe, 69, ist einer der Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er ihr Chefredakteur.

Josef Joffe, 69, ist einer der Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er ihr Chefredakteur.  |  © Vera Tammen

Die zweite Verhandlungsrunde zwischen Israel und den Palästinensern läuft – eine Mischung aus Misstrauen, Scharade und Vielleicht. Ein Tanz, der womöglich abermals wie ein Menuett endet: Verbeugung, Drehung, Rückkehr zur Ausgangsposition.  

Wie schwer dieses Ritual zu durchschauen ist, zeigt ein Kommentar der Frankfurter Allgemeinen, wo es heißt:  "Wenn Israel kurz vor einer neuen Verhandlungsrunde den Bau weiterer Siedlungen genehmigt, gibt es zu verstehen, dass es das Scheitern dieser Gespräche in Kauf nehmen will – und an einem Frieden nicht interessiert ist."

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Erstens handelt es sich nicht um "neue Siedlungen", sondern um neue Wohneinheiten in einem alten Gebiet, nämlich Gilo am Rande von Jerusalem, das in jedem Abkommen im Rahmen eines Gebietsaustausches israelisch bleiben wird. Der Unterschied mag subtil sein, aber er ist der Kern eines Rituals, in dem jede Seite Signale setzt, die "dekodiert" und im Zusammenhang verstanden werden müssen.

Zweitens ist Israel in Vorlage gegangen und hat kurz vor Gesprächsbeginn 26 verurteilte Palästinenser freigelassen – im Dunkel der Nacht zu gestern, um die eigenen Bürger nicht noch mehr zu provozieren. Insgesamt sollen 1.200 Gefangene freikommen.

Deshalb hat Jerusalem auch zwei kurze Luftangriffe gegen Raketen-Positionen in Gaza geflogen – ein Signal an die Hamas, die den Verhandlungsprozess vehement ablehnt. Zugleich hat das Höchste Gericht die Klagen der Terroropfer abgewiesen – ein weiteres Signal, das nicht gerade dem Scheitern dient.

Selbstverständlich hat die Palästinenser-Behörde scharf gegen die Bau-Genehmigungen protestiert – auch das Teil eines Rituals, mit dem Präsident Abbas sich den Rücken gegen die eigenen Friedensfeinde freihalten will. Zudem hat Abbas  rhetorisch vorgebaut: "Am Ende des Prozesses wollen wir keinen einzigen Israeli – Zivilisten oder Soldaten – auf unserem Boden sehen."

Die Realität klingt wiederum anders: Die Palästinenser haben vorweg eine Bedingung fallen lassen, die den Prozess schon vor Anbeginn hätten platzen lassen können. Das war die ewige Forderung, wonach Israel vorweg alle palästinensischen Territorial-Ansprüche als Preis für Verhandlungen akzeptieren müsse.

Diese leise, aber kritische Konzession kam  freilich mit lauter Begleitmusik: Die amerikanischen Schirmherren, so Abbas, hätten versprochen, die Palästinenser just in dieser Sache zu unterstützen.

Wer den Prozess seit Jahrzehnten beobachtet, weiß, dass solche Schattenspiele wichtiger sind als die Handlung, die im direkten Rampenlicht abläuft. Auftrumpfen in der Bühnenmitte, um das eigene Publikum ruhig zu stellen, halb geflüsterte Konzessionen am Rande – dort, wo man schon genau hinhören muss, um die Aufführung als Ganzes zu verstehen.

Bislang läuft diese besser als alle früheren Inszenierungen seit dem berühmten Handshake von Izchak Rabin und Jassir Arafat 1993 im Rosengarten des Weißen Hauses.

In dieser Woche ist bloß der zweite Akt angelaufen. Richten wir uns auf 20, 30, 50 weitere ein. 

Aber besser eine Aufführung ohne Ende als ein Abbruch kurz nach dem Prolog – wie so oft in der Geschichte dieses hundertjährigen Krieges.

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Leserkommentare
    • YaelS
    • 15. August 2013 8:37 Uhr

    Zumindest Teilweise.

    Erinnern wir uns: Vor zwei Jahrzehnten hatten wir auch immer wieder Verhandlungen und jedesmal, wenn es den anschein hatte, daß man daran war irgendein Ergebnis zutage zu fördern, gab es einen entsetzlichen Anschlag......

    Heute ist Israel nicht mehr im Gaza-Streifen Präsent. Dafür melden sich die entsprechenden Protagonisten mit Raketen zu Wort. Kürzlich gab es auch eine "Wortmeldung" der Hezballah in Form einer Sprengfalle, die vier Israelische Soldaten auf der Israelischen Seite der Demarkationslinie verletzte.

    Während die PA und die Israelischen Verhandler ihre Aufführung sorgfältig choreographieren werden die Störer am Rande lauter werden. Sowohl Hamas als auch Hezballah werden versuchen die Verhandlungen im wahrsten Sinne des Wortes zu sprengen.

    In den vergangenen Tagen gab es insgesamt drei Raketenangriffe auf Israels Süden und Israel hat im Gegenzug zwei Abschußvorrichtungen der Hamas bombardiert. Hier hat der Autor Josef Joffe die Situation falsch decodiert. Israel kann seinen Bürgern nicht erklären, daß sie sich an den Terror gewöhnen müßten. Vielmehr muß dieser Staat seine Bürger auch während solcher Verhandlungen verteidigen und schützen.

    Dies geht so weit, daß sich Hamas und Hezballah

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    • JonnyT
    • 15. August 2013 13:54 Uhr

    Die Sprengfalle der Hisbollah war auf libanesischem Territorium. In einem Ort Namens Labboune, ca 400 m von der Blauen Linie der UN.

    Wäre der Vorfall wirklich auf israelischer Seite gewesen, so hätte quasi jede Zeitung auf dieser Erde von diesem Fall berichet.

    • mormor4
    • 15. August 2013 17:22 Uhr

    sicherlich ist auch ihr beitrag subjektiv anzunehmen, israel ist alles andere als ein besonnener akteur, aktuell wie im gesammten konflikt....
    dennoch gebe ich ihrer darstellung absolut recht, solange es protagonisten auf palästinensischer seite gibt (+ die gab es immer + wird es absehbar geben) die ihre eigenen interessen über den friedensprozess stellen liegt der ball eindeutig auf palästinensischer seite + der staat israel hat jedes recht zu jeder zeit seine bürger wenn nötig präventiv zu schützen

    • YaelS
    • 15. August 2013 8:38 Uhr
    2. ......

    Dies geht so weit, daß sich Hamas und Hezballah anschicken werden Israel dazu zu nötigen mit bedeutender militärischer Gewalt gegen den Gaza und/oder Libanon vorzugehen, um so die Verhandlungen zu ruinieren.

    4 Leserempfehlungen
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    • vonDü
    • 15. August 2013 9:29 Uhr

    "Dies geht so weit, daß sich Hamas und Hezballah anschicken werden Israel dazu zu nötigen mit bedeutender militärischer Gewalt gegen den Gaza und/oder Libanon vorzugehen, um so die Verhandlungen zu ruinieren."

    Wenn sich Riesen von Zwergen nötigen lassen, ist das kein Zeichen der Stärke.

    • JonnyT
    • 15. August 2013 13:59 Uhr

    ... bereits ruiniert worden. Genau dann als Irael die neuen Siedlungspläne preisgegeben hat.

  1. 3. .....

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/se

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    Der Kommentar, auf den Sie kritisch Bezug nehmen, wurde entfernt. Danke, die Redaktion/se

    • Karl63
    • 15. August 2013 8:48 Uhr

    der dies mit einer Mischung aus Optimismus und Skepsis zugleich beobachtet.
    Für einen Beobachter aus der Mitte Europas scheint klar, Israel wird sich gegen jedwelche Bedrohung von außen nur dann behaupten können, wenn es gelingt die Konflikte im Inneren friedlich zu lösen. Dass dies mit Sperranlagen oder Dergleichen nicht machbar ist, hat die Vergangenheit nur allzu deutlich gezeigt.
    Wenn die USA jetzt ihre Macht und ihren immer noch auf beide Seiten gegebenen Einfluss nutzen, um eine Lösung dieses Konflikts zu befördern, kann das nur gut sein.

    2 Leserempfehlungen
  2. physisch ja, jedoch spielt Israel in diesem Open-Air Gefängnis die Rolle des Aufsehers.

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    • zeman
    • 15. August 2013 9:20 Uhr

    Dieses Theater wird sich noch bis zum "St.Nimmerleinstag" hinziehen.

    Änderungen werden erst eintreten, wenn die USA MASSIVEN Druck auf Israel ausüben - und ernsthaftlich wirtschaftliche Sanktionen greifen.

    Ohne eine Art von "Zwang" spielt Israel nur...

    P.S. Dieses Szenario wird aber nie eintreten.

    3 Leserempfehlungen
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    Nahostkonflikt ist Weltkulturerbe
    http://www.der-postillon....

    setzt aber voraus, dass auch jemand massiv Druck auf die Hamas ausübt. Erst wenn beide nicht mehr streiten wollen, herrscht wieder Friede. Einer allein genügt nicht.

  3. Nahostkonflikt ist Weltkulturerbe
    http://www.der-postillon....

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Theater"
    • vonDü
    • 15. August 2013 9:29 Uhr

    "Dies geht so weit, daß sich Hamas und Hezballah anschicken werden Israel dazu zu nötigen mit bedeutender militärischer Gewalt gegen den Gaza und/oder Libanon vorzugehen, um so die Verhandlungen zu ruinieren."

    Wenn sich Riesen von Zwergen nötigen lassen, ist das kein Zeichen der Stärke.

    Antwort auf "......"

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  • Serie Fünf vor 8:00
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Nahost-Konflikt | Theo Sommer | Israel | Palästinenser | Prozess | Gaza
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