ZEIT ONLINE: Seit Sie das Amt der Integrationsministerin angenommen haben, sind Sie schweren Beleidigungen ausgesetzt. Lega Nord-Senator Roberto Calderoli verglich Sie mit einem Orang Utan, eine Gemeinderätin der Partei ruft zu Ihrer Vergewaltigung auf, die Neofaschisten der Forza Nuova ließen auf einem Fest Ihrer Partei blutbeschmierte Puppen verteilen mit der Botschaft "Zuwanderung tötet". Sind die Italiener ein besonders rassistisches Volk?

Cécile Kyenge: Ich glaube nicht, dass der Rassismus von Forza Nuova und Lega Nord in der italienischen Gesellschaft besonders verbreitet ist. Diejenigen, die mich beleidigen, sind nur wenige, als Politiker haben sie aber die Möglichkeit, damit Aufsehen zu erregen. Es besteht daher die Gefahr, dass sie durch die wiederholte Behauptung, sie würden "für alle Italiener sprechen", zunehmend Konsens erzeugen.

ZEIT ONLINE: Machen Ihnen diese Angriffe keine Angst?

Kyenge: Ich mache mir Sorgen um meine Töchter. Aber ich werde meine Arbeit weiter machen.

ZEIT ONLINE: Wie erleben Ihre Töchter diese Situation?

Kyenge: Wie viele andere junge Italiener sind meine Töchter in einer Welt aufgewachsen, in der die Menschen immer weniger wegen ihres Aussehens oder ihrer Herkunft beurteilt werden. Ihre Freundeskreise sind sehr durchmischt, es gibt Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund. Sie sprechen alle dieselbe Sprache, sie tragen dieselbe Kleidung, sie hören dieselbe Musik. Vor allem reisen junge Italiener heute viel durch die Welt und lernen dabei, dass kulturelle Vielfalt eine Bereicherung ist. Wie meine jüngere Tochter sagt: Das beste Mittel gegen Rassismus ist Aufklärung.

ZEIT ONLINE: Was können wir von den neuen Generationen lernen?

Kyenge: Sehr viel, besonders hinsichtlich der Kommunikation. Meine Töchter kommunizieren problemlos mit Jugendlichen aus aller Welt. Könnten wir uns als Teil einer Gemeinschaft sehen, die weit über unsere nationalen Grenzen hinaus reicht, würden wir zum Beispiel ganz anders mit dem Thema Euro-Krise umgehen. Gleichzeitig müssen wir uns stärker dafür engagieren, dass die jungen Italiener die Vorteile der Multikulturalität begreifen, damit Italien endlich seine neue multikulturelle Identität annimmt.

ZEIT ONLINE: Wenn man die Angriffe auf Sie betrachtet, wirkt es nicht so, als sei Italien bereit für eine multikulturelle Gesellschaft.

Kyenge: Es ist kein Zufall, dass meine Ernennung als Integrationsministerin eine so heftige Debatte auslöste, denn sie ereignete sich in einem besonderen Moment unserer Geschichte: Bis vor wenigen Jahren waren viele in Italien der Meinung, dass die Massenmigration aus Afrika, Asien und Südamerika ein vorübergehendes Phänomen sei. Italien war lange ein Transitland für Migranten, die nach Nordeuropa wollten. Doch inzwischen sind viele von ihnen bei uns ansässig geworden und haben dadurch die Gesellschaft verändert. Viele junge Menschen, die zur zweiten Migrantengeneration gehören, haben in den letzten Jahren ihr Studium oder Berufsleben begonnen. Sie werden dadurch viel selbstsicherer auch im Bezug auf ihre kulturelle Identität. Sie haben nun die Möglichkeit, die Gesellschaft, in der sie leben, aktiv zu verändern. Einigen Menschen gefällt diese Vorstellung nicht.