Bürgerkrieg Kolumbien : Die Wohlhabenden müssen für den Frieden zahlen

Ein jahrzehntelanger Bürgerkrieg hat Kolumbien zermürbt. Doch nun gibt es eine Chance auf Frieden – der aber nur mit Sozialreformen dauerhaft sein wird. Ein Gastbeitrag
Festgenommene Farc-Kämpfer in Kolumbien © Jose Gomez/Reuters

Noch herrscht Krieg in Kolumbien. Gerade erst haben kolumbianische Sicherheitskräfte zwei Chefs der Farc-Rebellen getötet, einen regionalen Anführer und seinen Stellvertreter. Die Männer starben am Sonntag bei einem Bombenangriff auf ihr Lager in der südwestlichen Provinz Cauca. Dennoch scheint aber zum ersten Mal seit über 60 Jahren das Ende des Bürgerkrieges in greifbare Nähe zu rücken, die kolumbianische Regierung und die Farc-Guerilla verhandeln miteinander. Doch auch mit einem Friedensvertrag bleibt Kolumbien ein durch tiefe soziale und wirtschaftliche Gegensätze gespaltenes Land. Für dauerhaften Frieden müssen soziale Missstände beseitigt werden.

Die Autoren

Armin von Schiller und Alejandro Guarín sind Wissenschaftliche Mitarbeiter am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE). Das DIE zählt weltweit zu den führenden Thinktanks zu Fragen globaler Entwicklung.

Im vergangenen Jahr hatten sich die Regierung unter Präsident Juan Manuel Santos und die Farc (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens), die größte Guerillagruppe des Landes, auf einen Sechs-Punkte-Plan geeinigt, mit dem der Krieg beigelegt und die Farc in eine politische Kraft transformiert werden sollte. Seit letztem Oktober finden in Havanna hinter verschlossenen Türen Verhandlungen statt – offiziell und unter internationaler Vermittlung von Venezuela, Chile und Norwegen.

Es gibt ein paar gute Gründe, warum ein Frieden jetzt möglich ist. Die Regierung von Präsident Uribe (2002–2010) bekämpfte die Guerillas mit eiserner Härte: Viele Kommandanten wurden getötet, die Zahl der Farc-Mitglieder fiel von etwa 30.000 auf 8.000, und die meisten Rebellen mussten sich in entlegene Winkel des Landes zurückziehen. Es könnte ihre letzte Chance sein, den Schauplatz lebend zu verlassen. Zweitens stößt der Prozess in der wirtschaftlichen und politischen Oberschicht Kolumbiens auf Zustimmung. Zu den Unterhändlern der Regierung zählen Industrielle, erfahrene Politiker sowie Armee- und Polizeichefs im Ruhestand. Und: Die Gespräche sind nicht von einem Waffenstillstand flankiert, sodass es nicht aussieht, als hätte die Regierung die Oberhand verloren.

Mineralien, Kohle und Öl

Noch sind schwierige Fragen offen, etwa die Umstände einer politischen Partizipation der Farc, eine mögliche Amnestie und die Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen, die im Laufe der Jahre auf beiden Seiten begangen wurden. Überdies ist der Protest gegen den Prozess zwar eher unbedeutend, dafür aber laut- und finanzstark (ein prominenter Gegner ist Uribe selbst). Andere bewaffnete Gruppen versuchen den lukrativen Drogenhandel und illegalen Bergbau zu kontrollieren. Und manche Guerillasplittergruppe wird vielleicht nur widerwillig aufgeben, eine Gefahr, die sich bei der jüngsten Demobilisierung von Paramilitärs zeigte, welche oft unter anderem Namen weiterkämpfen.

Ein drängendes und vernachlässigtes Problem ist aber die Frage, wie der jüngste wirtschaftliche Erfolg des Landes verteilt werden soll. Trotz des Krieges, aber dank der verbesserten Sicherheitslage, ist die Wirtschaftsleistung Kolumbiens in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Wachstumsmotor ist der boomende Export von wertvollen Mineralien, Kohle und Öl. Von diesen Erfolgen haben nicht alle Kolumbianer gleichermaßen profitiert. Kolumbien ist immer noch eine der weltweit ungleichmäßigsten Gesellschaften. Vielen Besuchern der boomenden Städte ist nicht bewusst, dass fast die Hälfte des Landes noch immer isoliert, von staatlichen Institutionen vergessen, und sehr arm ist.

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Kommentare

16 Kommentare Kommentieren

Eine Landreform kann man auch so gestalten ...

... dass derjenige der vorher reich war (und sein Vermögen den Gesetzen entsprechend erworben hat), zwar abgeben muss, aber dennoch reicher als die anderen bleibt. Deshalb ist Landreform nicht gleich Sozialismus. Willkürliche Enteignungen nach Vorbild von Simbabwe ruinieren dagegen ein Land. Ich traue aber Kolumbien mehr zu.

Wenn Bodenschätze allen zugute kommen, nicht nur wenigen, die für einen "Appl und ein Ei" Konzessionen gekauft haben (Russland), dann hat dies auch wenig mit Sozialismus zu tun.

Ein Land steht sich dann im Weg, wenn Leistungsanreize fehlen. Diese fehlten in der DDR und der UdSSR, sie fehlten aber auch, wenn in einer Art Feudalgesellschaft manche so arm sind, dass sie keinerlei Aufstiegschancen haben (Franco-Spanien). Auch in der Bundesrepublik hat man in extremen Notzeiten Besitzende mit Sonderabgaben belegt (vgl. Lastenausgleich).

Enteignung: manchmal muss man!

Das Argument: Unrecht lässt sich nicht durch Unrecht korrigieren, ist sachlich eher nicht korrekt. Gibt es wirklich eherne Gesetze in der Gesellschaft? Kaum, es gibt sehr wohl Situation, wo Enteignungen angebracht sind, auch in Industriegesellschaften. Es geht um den politischen Konsens, um das Abwägung von Werten unter dem Gesichtspunkt des zukünftigen Wohlstand. Beispiel ist der amerik. Bürgerkrieg über die Priorität zwischen Eigentumsrechten (an Sklaven) und Menschenrechten, wobei der Süden sogar produktiver (Exportindustrie) als der Norden war, d.h formell und kurzfristig Armut produziert wurde.
Ich kenne Kolumbien nicht, aber die Notwendigkeit eines sozialen Ausgleichs scheint plausibel. Politische Extreme sind Folgen wirtschaftlicher Extreme, manchmal unausweichlich, aber Teile der Gesellschaft auszuschließen ist Staats- und Elitenversagen und dann sind Enteignungen (unblutig, mit Kompensationen, handwerklich ordentlich gemacht) bestimmt das kleinere Übel und das Fundament für zukünftige Prosperität.

Back to basics

Um mal vom neoliberalen Troll im ersten Kommentar weg- und zum Artikel hinzukommen: es ist wirklich erstaunlich, eine derart verkürzte und unhistorische Analyse von einem der weltweit führenden Think-Tanks zu Entwicklung zu lesen. Mir war schon klar, dass das DIE einen etwas begrenzten Horizont hat (macht ja schließlich Auftragsforschung für Niebel und seine Untergebenen) - aber sowas... Tatsächlich findet man in den Kommentaren t.w. mehr Sachverstand. Peinlich.

Hoffentlich wird alles gut...

Man muss vielleicht den Sozialstaat nicht so weit treiben wie man das in Deutschland/Eu im letzten Vierteljahrhundert gemacht hat, sodass hinterher die Tuechtigen, Weiterdenkenden und Wagemutigen die Dummen sind. Aber kein einigermassen zivilisiertes Zusammenleben kommt ohne Kompromisse aus. Von der Berliner Mauer, Marx und Hitler haben viele Kolumbianer gehoert - Otto von Bismarck ist weitgehend unbekannt. Jedenfalls muessen in Kolumbien noch viele Leute begreifen, dass Gesten und Gewalt als ausschliessliche Handlungsebenen nicht ausreichen bzw. ungeeignet sind, da sich auf diese Weise weder Menschen noch Systeme weiterentwickeln, und dass in der heutigen Welt wohl keine gesellschaftliche Gruppe oder Schicht denkbar ist, der Nicht-Entwicklung zum Vorteil gereichen koennte.