Noch herrscht Krieg in Kolumbien. Gerade erst haben kolumbianische Sicherheitskräfte zwei Chefs der Farc-Rebellen getötet, einen regionalen Anführer und seinen Stellvertreter. Die Männer starben am Sonntag bei einem Bombenangriff auf ihr Lager in der südwestlichen Provinz Cauca. Dennoch scheint aber zum ersten Mal seit über 60 Jahren das Ende des Bürgerkrieges in greifbare Nähe zu rücken, die kolumbianische Regierung und die Farc-Guerilla verhandeln miteinander. Doch auch mit einem Friedensvertrag bleibt Kolumbien ein durch tiefe soziale und wirtschaftliche Gegensätze gespaltenes Land. Für dauerhaften Frieden müssen soziale Missstände beseitigt werden.

Im vergangenen Jahr hatten sich die Regierung unter Präsident Juan Manuel Santos und die Farc (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens), die größte Guerillagruppe des Landes, auf einen Sechs-Punkte-Plan geeinigt, mit dem der Krieg beigelegt und die Farc in eine politische Kraft transformiert werden sollte. Seit letztem Oktober finden in Havanna hinter verschlossenen Türen Verhandlungen statt – offiziell und unter internationaler Vermittlung von Venezuela, Chile und Norwegen.

Es gibt ein paar gute Gründe, warum ein Frieden jetzt möglich ist. Die Regierung von Präsident Uribe (2002–2010) bekämpfte die Guerillas mit eiserner Härte: Viele Kommandanten wurden getötet, die Zahl der Farc-Mitglieder fiel von etwa 30.000 auf 8.000, und die meisten Rebellen mussten sich in entlegene Winkel des Landes zurückziehen. Es könnte ihre letzte Chance sein, den Schauplatz lebend zu verlassen. Zweitens stößt der Prozess in der wirtschaftlichen und politischen Oberschicht Kolumbiens auf Zustimmung. Zu den Unterhändlern der Regierung zählen Industrielle, erfahrene Politiker sowie Armee- und Polizeichefs im Ruhestand. Und: Die Gespräche sind nicht von einem Waffenstillstand flankiert, sodass es nicht aussieht, als hätte die Regierung die Oberhand verloren.

Mineralien, Kohle und Öl

Noch sind schwierige Fragen offen, etwa die Umstände einer politischen Partizipation der Farc, eine mögliche Amnestie und die Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen, die im Laufe der Jahre auf beiden Seiten begangen wurden. Überdies ist der Protest gegen den Prozess zwar eher unbedeutend, dafür aber laut- und finanzstark (ein prominenter Gegner ist Uribe selbst). Andere bewaffnete Gruppen versuchen den lukrativen Drogenhandel und illegalen Bergbau zu kontrollieren. Und manche Guerillasplittergruppe wird vielleicht nur widerwillig aufgeben, eine Gefahr, die sich bei der jüngsten Demobilisierung von Paramilitärs zeigte, welche oft unter anderem Namen weiterkämpfen.

Ein drängendes und vernachlässigtes Problem ist aber die Frage, wie der jüngste wirtschaftliche Erfolg des Landes verteilt werden soll. Trotz des Krieges, aber dank der verbesserten Sicherheitslage, ist die Wirtschaftsleistung Kolumbiens in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Wachstumsmotor ist der boomende Export von wertvollen Mineralien, Kohle und Öl. Von diesen Erfolgen haben nicht alle Kolumbianer gleichermaßen profitiert. Kolumbien ist immer noch eine der weltweit ungleichmäßigsten Gesellschaften. Vielen Besuchern der boomenden Städte ist nicht bewusst, dass fast die Hälfte des Landes noch immer isoliert, von staatlichen Institutionen vergessen, und sehr arm ist.