Der Kapici bewacht die Pforte der chaldäisch-katholischen Kirche in Diyarbakir. © Mely Kiyak

Mein vorerst letzter Text, den ich aus Diyarbakir im Südosten Anatoliens sende, soll der vielleicht größten Wunde der Stadt gelten. Die Geschichte Diyarbakirs ist die einer Amputation. So wie ein Mensch Arme und Beine hat, so selbstverständlich waren die Christen Teil der Stadt. Diyarbakir verlor sein politisches Gleichgewicht nicht erst mit dem Krieg gegen die Kurden ab 1980, auch nicht mit der Auslöschung der Armenier 1915, sondern bereits am 2. November 1895.

Der französische Konsul von Diyarbakir beschrieb in einem Brief an seinen Botschafter, was in jener Nacht geschah: Ein drei Tage andauerndes Blutbad, das der Sultan des Osmanischen Reichs, Abdülhamid II., befohlen hatte, das "Hamidische Massaker". "Hawar! Hawar! – Hilfe! Hilfe schrie die christliche Bevölkerung auf Kurdisch. Die Stadt wird mit Feuer und Schwert verwüstet", schreibt der Konsul. Seine Bilanz: "30.000 Tote und Vermisste, 119 in Schutt und Asche gelegte Dörfer".

Da man im Osmanischen Reich statistikvernarrt war, sind die Toten nach Religionszugehörigkeit und Ethnie erfasst. Dabei wurde penibel zwischen Protestanten, Katholiken, Chaldäern, Griechen und anderen christlichen Bevölkerungsgruppen unterschieden. In Diyarbakir starben während dieses großen Brandes mehr als 1.000 Armenier. Tausende Läden und Privathäuser von Christen wurden geplündert.

Diese Nacht war, so lerne ich vom Schriftsteller und Diyarbakirer Stadtforscher Şeyhmus Diken, die Generalprobe für das, was 1915 geschah. Seit diesem ersten Gespräch mit Diken habe ich erneut angefangen, über die Auslöschung der armenischen Türken zu forschen. Aber anders als bisher. In nahezu jeder türkischen Stadt suche ich nach Spuren, weil ich das große Unfassbare nur im kleinen Konkreten begreifen kann. Vor Ort. Wo lebten diese Menschen? Was arbeiteten sie?

Erst auf dieser Reise begreife ich, dass der Begriff  "Völkermord an den Armeniern" nicht korrekt ist. Von der Katastrophe waren nicht nur Armenier betroffen, sondern auch Assyrer und Chaldäer. Überhaupt sollte man, da sich 2015 der Völkermord zum 100. Mal jährt, damit beginnen, genauer zu werden. Viele türkisch, kurdisch und armenisch sprechenden Autorenkollegen aus der Türkei haben zum Thema der religiösen Minderheiten hervorragende Bücher geschrieben und ich frage mich, wie es sein kann, dass es in keinem einzigen deutschen Verlag eine Übersetzung dieser Werke gibt.

Ich habe meine Bibliothek zu dem Thema nicht in Istanbul erweitert, sondern in den Buchhandlungen kleiner, linker Kooperativen und Kirchenbuchhandlungen im Osten der Türkei. Auf politischer Ebene ist das Thema brisant und bleibt weitgehend unangetastet. Die Kulturschaffenden vor Ort aber lassen sich nicht einschüchtern. Es gibt eine Vielzahl an Büchern, die das Leben der Armenier in vielen Facetten beleuchten.

Viele Menschen in Diyarbakir begreifen langsam, dass ihrer Stadt die ursprünglichen Einwohner fehlen. Schaut man sich die alten Postkarten an, die Kapuzinermönche und Franziskaner von Diyarbakir anfertigten, dann sieht man die hohen Kirchtürme der Surp Giragos und Surp Sarkis Kirche, die Kuppel der kleinen assyrischen Kirche Meryem, Klöster – ein Panorama der verschiedenen Kulturen.

Die Glocken der Kirchen läuten parallel zum Gesang des Muezzin

Ich stehe in der prächtig restaurierten Surp Giragos Kirche und schwatze mit dem armenischen Kapici, der die Pforte der Kirche bewacht. Er erzählt, dass er mit einer Sunnitin verheiratet ist, die ihm morgens das Frühstück zubereitet, während sie wegen des Ramadan fastet. Als ich empört tue und ihn einen herzlosen Mann nenne, der vor den Augen seiner hungrigen Frau schlemmt, lacht er sich kaputt. Alles ganz easy.

1916 schlug man der Kirche den Turm ab, damit sie nicht mehr das höchste Gebäude der Stadt ist. Ich freue mich, dass seit zwei Monaten die Glocken wieder täglich läuten, wie übrigens überall in der Türkei die Glocken der christlichen Gotteshäuser läuten, manchmal parallel zum Gesang des Muezzin. Und bin dann doch traurig, weil die einst größte armenische Kirche des Nahen Ostens nur noch 60 Gemeindemitglieder zählt. 20 Familien sind übrig geblieben. Das Gleiche gilt für die Chaldäer. 50 Glaubensgeschwister haben überlebt, bis vor Kurzem legten die beiden Gemeinschaften ihre Gottesdienste noch zusammen.

Osman Baydemir, Mitglied der Kurdenpartei BDP, stellte in einer viel beachteten Rede im vergangenen Jahr Folgendes klar: "Ein Armenier, ein Assyrer und ein Chaldäer, dessen Groß- oder Urgroßvater in Diyarbakir geboren wurde, hat ebenso ein Recht hier zu leben, wie ich es habe. Das sage ich als ein in Diyarbakir geborener Kurde. Ich möchte gerne alle ethnischen Gruppen, deren Vorfahren in Diyarbakir lebten, einladen: Kommt zurück in eure Stadt!"