Giftgas-AngriffObamas Syrien-Dilemma

Die Berichte über den Giftgas-Einsatz bei Damaskus treiben den US-Präsidenten in die Enge. Der Handlungsdruck ist enorm, seine Optionen aber sind gefährlich und teuer. von Sabine Muscat

Ein Schauplatz des mutmaßlichen Giftgas-Angriffs östlich der syrischen Hauptstadt Damaskus

Ein Schauplatz des mutmaßlichen Giftgas-Angriffs östlich der syrischen Hauptstadt Damaskus  |  © Nour Fourat/Reuters

Die Berichte über einen Giftgas-Angriff in der Nähe von Damaskus markieren eine Zäsur im syrischen Bürgerkrieg – und für die Regierung von Barack Obama. Sollte sich der Verdacht bestätigen, dass das Assad-Regime in großem Umfang Chemiewaffen gegen Zivilisten eingesetzt hat, stünde der US-Präsident unter enormem Handlungsdruck.

Vor fast genau einem Jahr – am 20. August 2012 – hatte Obama den Einsatz chemischer Waffen als "rote Linie" bezeichnet. Falls sie überschritten werde, würden die USA dem Morden in Syrien nicht mehr tatenlos zusehen. Westliche Regierungen gehen seit dem Frühjahr davon aus, dass Assads Truppen in einzelnen Fällen das Nervengas Sarin gegen die Rebellen eingesetzt haben. Obama autorisierte daraufhin im Juni den Transfer leichter Waffen an die Rebellen – eine begrenzte Geste, die die Dynamik des Konfliktes nicht verändert hat.

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Die Zuspitzung der Krise kommt zu einem heiklen Zeitpunkt für den Präsidenten, der in diesen Tagen auch für seine vorsichtige Reaktion nach dem Militärcoup in Ägypten kritisiert wird. Obama soll Farbe bekennen, aber sein Arsenal ist begrenzt. Weder Syriens Bashar al-Assad noch Ägyptens Militärherrscher Abdel Fattah al-Sissi lassen sich bisher von Drohungen und Vermittlungsversuchen Washingtons beeindrucken. In beiden Ländern riskiert die Obama-Regierung, durch ein Eingreifen islamistische Kräfte zu stärken.

Im Fall Syrien wiederholte der Generalstabschef der US-Streitkräfte, Martin Dempsey, seine Bedenken erst diese Woche in einem Brief an einen Kongressabgeordneten. Er glaube nicht, dass die zersplitterte syrische Opposition im Fall eines Sieges im Interesse der USA handeln würde, antwortete er auf eine Anfrage des Demokraten Eliot Engel. Im Juli hatte der General gegenüber dem Senat die Kosten für ein Eingreifen – von Luftschlägen gegen Militäreinrichtungen bis zur Einrichtung einer Flugverbotszone oder von Schutzzonen für Rebellen und Zivilisten – auf Milliarden von Dollar beziffert.

Druck auf Obama steigt

Nach dem Angriff vom Mittwoch, bei dem nach Angaben syrischer Oppositionsgruppen in Vororten von Damaskus bis zu 1.300 Zivilisten getötet worden sein sollen, dürften die Rufe nach einer militärischen Intervention dennoch weiter anschwellen. Falls die Vorwürfe sich bestätigten, müsse Obama sein Versprechen einhalten, solche Verbrechen nicht zu tolerieren, fordert die Washington Post – "durch direkte Vergeltung gegen die verantwortlichen Kräfte im syrischen Militär" und "durch einen Plan, um Zivilisten im Süden Syriens durch eine Flugverbotszone zu schützen".

"Keine Konsequenzen für Assad durch Gebrauch chemischer Waffen und Überqueren der roten Linie", meldete sich der republikanische Senator John McCain, einer von Obamas schärfsten Kritikern, am Mittwoch auf Twitter zu Wort. "Wir sollten nicht überrascht davon sein, dass er sie wieder einsetzt."

Leserkommentare
    • calmon
    • 22. August 2013 8:21 Uhr

    unwahrscheinlicheren Fall (Assad) überall propagieren und den logisch wahrscheinlicheren Fall (Rebellen) nicht mal erwähnen.

    Mich wundert es nicht mehr das Journalismus immer mehr kritisiert wird. 'Common Sense'/logische Analyse scheint komplett zu fehlene, stattdessen werden Feindbilder bedient.

    Ich sehe das alles sehr kritisch.

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    • APGKFT
    • 22. August 2013 8:39 Uhr

    weil Sie und ich nicht glauben können, was uns in den deutschen Medien aufgetischt wird. Da schreibt und schreit man von ZDF bis ZEIT gegen an, in der Hoffnung das am Ende Zweifel bleiben.

    • zeman
    • 22. August 2013 8:50 Uhr

    Bei einem Propagandakrieg ist Logik fehl am Platz!
    Hier wird ein Ziel verfolgt - "Assad muß weg" und dies will man mit allen Mitteln erreichen. Waffenlieferungen, verdeckte Operationen UND Medien, die "dem Ziel dienlich" berichten.
    Die Sprache, Wortwahl, Argumentation und Überschrift eines "Artikels" versuchen die Gedanken des "Konsumenten" in die "richtige Richtung" zu lenken.

    Allerdings denke ich das beim Thema Giftgas die glaubwürdigkeit fehlt - wir erinnern uns an die "Beweise" der USA?!
    Irgendwie ist das Thema letztendlich eingeschlafen...

    Aber plötzlich - militärisch ist die Armee auf dem Vormarsch und unsere "bärtigen Demokraten" geraten massiv in die Defensive - ist das Thema wieder präsent.
    Wuchtig - allumfassend - emotionalisierend - und es ist völlig klar: der "böse Assad" war es! Keinerlei genaue Recherchen, man läßt keine anderen Stimmen zu, ignoriert alles was nicht ins Bild paßt...

    Wir erinnern uns: hat es die Medien hierzulande interessiert das bei den "Rebellen" in der Türkei chemische Kampfstoffe gefunden wurden?
    Haben die Massaker an den Kurden oder in Latakia interessiert?
    Haben sie nicht - paßt auch nicht in das Bild das "uns" vermittelt werden soll!

    Ich werte dies als verzweifelten Versuch endlich ein Eingreifen der "Weltgemeindschaft" zu erzwingen.

    P.S. Natürlich boykottiert Rußland den Sicherheitsrat - aber der "ungekrönte König" der Vetos heißt USA - aber das kann jeder selbst recherchieren.

    nach dem Schlamassel in Vietnam mit einer eher ungelenkten Berichterstattung hat die USA und viele Andere dazu gelernt. Ob die Unterstützung von Afghanistan gegen die UdSSR, den Irak gegen den Iran, den Angriff auf Irak, den Angriff auf Afghanistan und den erneuten Angriff auf Irak, Lybien und jetzt Syrien. Tendenziell war die Bevölkerung und die Medien auf der Seite der Regierung. Und auch in Deutschland waren die Medien tendenziell auf der Seite der Regierung.

    Es wäre eine für mich nicht nachweisbare Behauptung, wenn ich schreiben würde, dass die Regierung die Medien absichtlich beeinflusst. Ich würde mich sehr dafür interessieren, ob die Medien die Regierung oder die Regierung die Medien (wie auch immer) beeinflusst oder es nur Zufall ist.

    Bereits Ende Mai waren Reporter der französischen Zeitung Le Monde in Syrien und haben miterlebt wie die Assad Regierung Chemische Waffen in Jobar nahe Damaskus eingesetzt hat. 21 Proben haben sie nach Frankreich zurückgebracht, und einen ausführlichen Bericht: http://www.lemonde.fr/pro...
    Man muss blind sein, um danach noch zu glauben die Regierung Assads habe damit nichts zu tun.

  1. steigt erst, wenn die Vorwürfe sich bestätigen oder zumindest erhärten!

    Bis jetzt sind das genau wie alle anderen Vorwürfe in der Vergangenheit (die sich auch recht schnell in Luft aufgelöst hatten...) nur unbestätigte Propaganda einer sehr zweifelhaften Quelle.

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    Na sein Vorgänger schnitzte sich sogar die Beweise, um einen Angriffskrieg gegen den Irak vom Zaun zu brechen.

    Könnte es sein, dass wenn es nichts zu holen gibt das Interesse der "Führernation" gegen Null geht sich zu engagieren ?

  2. es ist doch noch nicht mal bekannt an was diese Menschen gestorben sind, noch wie viele Tote es wirklich gab.

    Daher ist die Breite Medienoffensive sehr kritisch zu sehen, Menschen die sich mit der Materie nicht auskennen, glauben natürlich sofort Assad hätte Giftgas eingesetzt ohne das es eine Untersuchung gab die absolute Klarheit bringt ist dieser Vorwurf eben nichts weiter als ein Verdacht. Möglich wäre auch ein Anschlag der Rebellen.

    In den Medien kommt es einem aber so vor als hätte man schon den Schuldigen gefunden, der wenig informierte Bürger nimmt dies dann als Tatsache hin. Diese falsch oder uniformierten Leute würden dann unter Umständen auch einen Angriffskrieg mittragen, in diesem Fall wird es aber nicht so weit kommen.

    7 Leserempfehlungen
  3. Die Beweise liegen längst auf dem Tisch, und auch dieses Massaker wird auf das Konto Assads gehen.

    Obama und die USA sind kriegsmüde, deswegen wird nichts unternommen.

    Und Putin lacht sich ins Fäustchen, denn durch Kriege wie diesen werden in Russland Arbeitsstellen gesichert.

    http://www.spiegel.de/wir...

    Es klingt unlogisch, und auch die Terroristen in Syrien sind alles andere als Vertrauenswürdig. Die Wahrheit wird wohl wieder irgendwo zwischen den Extremen liegen.

    Ich finde es jedenfalls äusserst verdächtig, dass Iran, Russland und China absolut die selben Meldungen kommunizieren.
    Während es zwischen USA und EU schon deutliche Unterschiede gibt.

    Wie ich schon zehnmal schrieb, UN-Inspekteure sind kein Grund, keinen Genozid durchzuführen (siehe Bosnien). Und dass sogar auf Facebook Anhänger Assads diesen Chemiewaffenangriff bejubelten, erimmert mich sehr an die Freudentänze in Saudi Arabien am 11. September 2001.

    Ausserdem: Lässt Assad die UN Leute das untersuchen, um seine Unschuld zu beweisen?

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    • olegj
    • 22. August 2013 9:09 Uhr

    Auf wessen Tisch? Ihrem Tisch? Obamas Tisch? Haben Sie sie gesehen? Wird wohl nicht so schwer sein, diese Beweise der Öffentlichkeit zu zeigen, oder? Ich mein, ich höre bis jetzt, dass alles bewiesen ist, aber bis jetzt habe ich, abgesehen von der absolut hirnriessigen Logik, nichts stichhaltiges mitbekommen.

    genau wie die davor und die vor dem davor -

    liegen bzw. lagen auf allerhand Geheimdienst- und Militärtischen. Angeblich.

    Auf öffentlichen Tischen wurden sie bisher noch nie gesehen...

    Haben Sie sich nie die einfache und naheliegende Frage gestellt: Warum wohl...???

    "...Obama und die USA sind kriegsmüde, deswegen wird nichts unternommen.

    Und Putin lacht sich ins Fäustchen, denn durch Kriege wie diesen werden in Russland Arbeitsstellen gesichert...."

    ... die Koordinaten in der Region haben sich in den letzten Wochen und Monaten dergestalt verschoben, dass insbesondere Israel, Saudi Arabien und dadurch auch mittelbar die USA - aus Teils sehr unterschiedlichen Beweggründen - wieder zu den reaktionären säkularen Nationalisten in den arabischen Schlüsselstaaten tendieren. Der saudische Wahhabismus fürchtet einen starken politischen Islam in der Region ganz im Geiste Hanbals wie der Teufel das Weihwasser, Israel hofft darauf, dass die Palästinenser - auch mit Blick auf die Entwicklung des Verhältnisses zum Iran - nun endgültig isoliert werden können, um ihnen ungestört in sog. "Friedensverhandlungen" endgültig seine Bedingungen diktieren zu können. Und die USA stützen diese Entwicklung selbstredend. Zu verlockend scheint für die Obama-Administration die Vorstellung zu sein, dass es in seiner Amtszeit noch zu einem vermeintlichen Friedensschluss zwischen Israel und Palästina kommen könnte - nach den konkreten Inhalten und somit der Tatsache, dass hier insb. Palästina und die Palästinenser verraten und verkauft würden? Danach fragt in wenigen Jahren niemand mehr - so zumindest das äußerst kurzsichtige Kalkül.

  4. ... wenn es sich herausstellen sollte, dass syrische Rebellen für den Giftgas-Angriff verantwortlich sein sollten. Dann müsste Obama Militärschläge gegen seine eigenen Verbündeten anordnen. Ein echtes Dilemma. Amerikas Probleme sind eben nicht seine Feinde, sondern meistens die angesammelten, zweifelhaften Freunde.

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    • APGKFT
    • 22. August 2013 8:39 Uhr

    weil Sie und ich nicht glauben können, was uns in den deutschen Medien aufgetischt wird. Da schreibt und schreit man von ZDF bis ZEIT gegen an, in der Hoffnung das am Ende Zweifel bleiben.

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  5. schreien alle nach den bösen, bösen US-Amerikanern. Sollen die doch wieder ihren Kopf und ihr Geld hin halten, um einen vermeintlichen Diktator zu vertreiben.
    Aber nachher ist das Geschrei wieder groß, wenn mal eine hellfire daneben geht. Dieses Verhalten der UN, insbesondere einiger europäischer Mitgliedsstaaten, ist unerträglich und ich schäme mich zu diesem heuchlerischen Verbund zu gehören.
    An Obamas Stelle würde ich keinen Finger rühren.

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  6. ...stammen, welches von einer Oppositionsgruppe eingenommen wurde, und nicht aus einer Militärkaserne Assads, und da Assad den UN-Inspektoren keinen Zugang gewährt, zum Ort des Geschehens,

    spricht der Beweis des erstens Anscheins für eine Täterschaft des Assad-Regimes, da gibt es zur Zeit gar nichts herumzudeuteln.

    3 Leserempfehlungen
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