"Wir leben nur ein paar Millimeter von einem tiefen Abgrund entfernt. Wenn wir an Morgen denken, dann tut sich nur ein schwarzes Loch auf." Die 28-jährige Rascha Yasin ist Werbegrafikerin. Wie viele in der Stadt hält sie über Onlinemedien den Draht zur Welt draußen aufrecht: Hier fühlt sie sich sicher, zu schreiben, was sie denkt. Erst Chemiewaffen, dann drohende Luftangriffe: Ihre Haut sei dick geworden durch das Leben in einem Bürgerkriegsland, sie könne keine Gefühle mehr wahrnehmen, sagt sie. "Gestern habe ich in einer Bar laut den Präsidenten kritisiert – es ist doch ohnehin alles egal." 

Und doch hat sie überlebt, ihre Angst. "Wenn ich höre, dass politische Gefangene in Militärgebäude gebracht werden, als Schutzschilder bei einem möglichen Angriff, dann zieht sich mein Magen zusammen. Mein Onkel, ein Cousin von mir sind solche Häftlinge."

Hinter Rascha Yasins Wohnhaus ist seit vorgestern eine Panzereinheit stationiert, ein paar Straßen weiter werden Raketenabschussrampen auf das Dach eines Hauses montiert, in dem mehrere Familien wohnen. "Wir leben im Fadenkreuz. Unter meinem Kopfkissen liegt eine Tasche, in die ich das Nötigste gepackt habe. Vielleicht habe ich Zeit zu fliehen. Ich stelle mir beim Einschlafen vor, wie es sein wird. Der Krach, die Explosionen, die mich wecken oder auch sofort töten werden." Vielleicht werde sie es deshalb nicht mehr erleben. Ein Syrien ohne Assad, für das sie als Aktivistin "mit Worten, niemals mit Waffen", gekämpft habe. "Ich weiß nicht, auf was ich hoffen soll."

"Soldaten und Polizei verschwinden sukzessive"

Es gibt keine Zivilschutzpläne, keine Bunker. Deshalb versuchen jetzt viele der 1,7 Millionen Damaszener,  die Stadt zu verlassen, sich in die Berge in der Umgebung retten. Oder in den Libanon, wer das Geld dazu habe: nicht syrische Lira, sondern US-Dollar. Zuletzt schnellte der Kurs am Schwarzmarkt rasant in die Höhe: plus 20, 30 Prozent.

Obwohl die Rebellen bis auf wenige Kilometer an das Stadtzentrum heranrücken konnten, seit bald einem Jahr Granatenfeuer bis ins Zentrum der syrischen Hauptstadt reicht, hielt sich bis zum Giftgasvorfall so etwas wie die Fassade von Normalität. Nun ist der Damm gebrochen. Der Schauplatz der Chemieangriffe, bei dem bis zu 1.300 Menschen qualvoll starben, liegt keine zwanzig Kilometer von der Innenstadt entfernt. "Wir haben jetzt große Angst, dass unser Wasser, aber vor allem die Milch mit Nervengas verseucht ist", berichtet Mona, eine Studentin. Die Versorgungslage ist dramatisch: "Die Menschen kaufen aus Panik vor Militärschlägen die Läden leer: Brot, Batterien und alles, was in Dosen verfügbar ist."

Die Folge: bis zu vier Stunden Wartezeit vor Bäckereien und horrende Preise. "Um das Zehnfache sind sie gestiegen", sagt der Lehrer Ahmad Maadi. Hunger gebe es noch nicht, aber die Unsicherheit mache ihm zu schaffen: "Soldaten und Polizei verschwinden sukzessive aus dem Stadtbild, dafür tauchen verstärkt paramilitärische Einheiten in Hummer-Fahrzeugen auf. Die brüllen, ‚Wir lieben Assad‘, schwenken Fahnen, schüchtern uns ein. Nachts ist es totenstill, die Straßenbeleuchtung ist aus, selbst der Präsidentenpalast ist dunkel", so Ahmad Maadi panisch. "Meine 30-jährige Tochter ist seit ein paar Tagen wie vom Erdboden verschluckt. Ihre letzte Nachricht war ein Text über das Handy. Sie kam von der Arbeit und fragte, ob sie sich für Brot anstellen soll. Seither ist sie weg."