BürgerkriegDie Angst der Syrer vor Bomben, Gas, Islamisten und Assad

Alltag in Damaskus und Aleppo: Auf beiden Seiten der Front grassiert Panik. Es gibt keinen Zivilschutz, die Läden werden leergekauft, Polizei und Soldaten verschwinden. von Petra Ramsauer

Damaskus

Damaskus, Juni 2013  |  © Louai Beshara/AFP/Getty Images

"Wir leben nur ein paar Millimeter von einem tiefen Abgrund entfernt. Wenn wir an Morgen denken, dann tut sich nur ein schwarzes Loch auf." Die 28-jährige Rascha Yasin ist Werbegrafikerin. Wie viele in der Stadt hält sie über Onlinemedien den Draht zur Welt draußen aufrecht: Hier fühlt sie sich sicher, zu schreiben, was sie denkt. Erst Chemiewaffen, dann drohende Luftangriffe: Ihre Haut sei dick geworden durch das Leben in einem Bürgerkriegsland, sie könne keine Gefühle mehr wahrnehmen, sagt sie. "Gestern habe ich in einer Bar laut den Präsidenten kritisiert – es ist doch ohnehin alles egal." 

Und doch hat sie überlebt, ihre Angst. "Wenn ich höre, dass politische Gefangene in Militärgebäude gebracht werden, als Schutzschilder bei einem möglichen Angriff, dann zieht sich mein Magen zusammen. Mein Onkel, ein Cousin von mir sind solche Häftlinge."

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Hinter Rascha Yasins Wohnhaus ist seit vorgestern eine Panzereinheit stationiert, ein paar Straßen weiter werden Raketenabschussrampen auf das Dach eines Hauses montiert, in dem mehrere Familien wohnen. "Wir leben im Fadenkreuz. Unter meinem Kopfkissen liegt eine Tasche, in die ich das Nötigste gepackt habe. Vielleicht habe ich Zeit zu fliehen. Ich stelle mir beim Einschlafen vor, wie es sein wird. Der Krach, die Explosionen, die mich wecken oder auch sofort töten werden." Vielleicht werde sie es deshalb nicht mehr erleben. Ein Syrien ohne Assad, für das sie als Aktivistin "mit Worten, niemals mit Waffen", gekämpft habe. "Ich weiß nicht, auf was ich hoffen soll."

"Soldaten und Polizei verschwinden sukzessive"

Es gibt keine Zivilschutzpläne, keine Bunker. Deshalb versuchen jetzt viele der 1,7 Millionen Damaszener,  die Stadt zu verlassen, sich in die Berge in der Umgebung retten. Oder in den Libanon, wer das Geld dazu habe: nicht syrische Lira, sondern US-Dollar. Zuletzt schnellte der Kurs am Schwarzmarkt rasant in die Höhe: plus 20, 30 Prozent.

Obwohl die Rebellen bis auf wenige Kilometer an das Stadtzentrum heranrücken konnten, seit bald einem Jahr Granatenfeuer bis ins Zentrum der syrischen Hauptstadt reicht, hielt sich bis zum Giftgasvorfall so etwas wie die Fassade von Normalität. Nun ist der Damm gebrochen. Der Schauplatz der Chemieangriffe, bei dem bis zu 1.300 Menschen qualvoll starben, liegt keine zwanzig Kilometer von der Innenstadt entfernt. "Wir haben jetzt große Angst, dass unser Wasser, aber vor allem die Milch mit Nervengas verseucht ist", berichtet Mona, eine Studentin. Die Versorgungslage ist dramatisch: "Die Menschen kaufen aus Panik vor Militärschlägen die Läden leer: Brot, Batterien und alles, was in Dosen verfügbar ist."

Die Folge: bis zu vier Stunden Wartezeit vor Bäckereien und horrende Preise. "Um das Zehnfache sind sie gestiegen", sagt der Lehrer Ahmad Maadi. Hunger gebe es noch nicht, aber die Unsicherheit mache ihm zu schaffen: "Soldaten und Polizei verschwinden sukzessive aus dem Stadtbild, dafür tauchen verstärkt paramilitärische Einheiten in Hummer-Fahrzeugen auf. Die brüllen, ‚Wir lieben Assad‘, schwenken Fahnen, schüchtern uns ein. Nachts ist es totenstill, die Straßenbeleuchtung ist aus, selbst der Präsidentenpalast ist dunkel", so Ahmad Maadi panisch. "Meine 30-jährige Tochter ist seit ein paar Tagen wie vom Erdboden verschluckt. Ihre letzte Nachricht war ein Text über das Handy. Sie kam von der Arbeit und fragte, ob sie sich für Brot anstellen soll. Seither ist sie weg."

Leserkommentare
  1. Ein guter Artikel, der deutlich macht, dass es "chirurgisch präzise" Luftschläge ohne "Kollateralschäden" nicht geben kann. In jedem Krieg ist der Leid tragende die Zivilbevölkerung.

    4 Leserempfehlungen
  2. anschließend - die Wiederkehr der Roten Khmer in grün. Klingt realistisch.

    Wen hat der Westen zuwenig beschwichtigt, wen hat er leichtsinnigerweise zu sehr ermutigt ? All das sind aber Fragen, die wir uns erst seit neuerem stellen. Ein Fortschritt, wenn wir finden, das kein Verhängnis ohne unser Zutun seinen Lauf nimmt ?

    Hier noch etwas O-Ton von Regime-Enthusiasten aus einem Fachblog:

    "Syria has expected, and planned for, a US-led attack for over two years.

    This is not a surprise.

    Assad said all along that this “revolution” had the US, and the Zionists, standing behind it. #729

    Let’s get the war started. C’mon Obama – start murdering Syrian babies. Start attacking our hospitals and schools with your ‘smart bombs’ while the cannibals cheer.

    The army has planned for this war for years. Iran and Hezbollah are ready.

    Attack cowards." #734

    http://www.joshualandis.c...

    Eine Leserempfehlung
    • doof
    • 30. August 2013 18:59 Uhr
    3. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim konkreten Thema des Artikels. Danke, die Redaktion/jk

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  3. werden von den USA und ihren Mitläufern im Falle eines militärischen Schlages einkalkuliert - es könnten auch sehr viel mehr Tote und Verwundete werden, als bei dem verbrecherischen Giftgasanschlag, dessen Urheber noch gar nicht genau lokalisiert sind, ums Leben kamen. Scheinbar einkalkuliert wird auch ein sich ergebender Flächenbrand in der Region - ein dritter Weltkrieg ist bei den bekannten Positionen von Anrainerstaaten und Großmächten auch nicht auszuschließen. Wie man vor diesem Hintergrund für einen Militärschlag sein kann, ist schlichtweg unverständlich. Die vom ZDF veröffentliche Meinungsumfrage unter den Deutschen macht einfach fassungslos!

    4 Leserempfehlungen
  4. 5. [...]

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    • doof
    • 30. August 2013 19:30 Uhr

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    • doof
    • 30. August 2013 19:30 Uhr
    6. [...]

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    Antwort auf "[...]"
    • mahanke
    • 30. August 2013 19:37 Uhr

    Ich hoffe der Tochter ist nichts passiert.

    5 Leserempfehlungen
  5. Ich empfinde große Bewunderung für alldiejenigen, die trotz des Bürgerkriegs noch ihren Kindern versuchen einen normalen Alltag zu ermöglichen. Vielleicht sollte der Alltag der Kinder mehr in den Fokus der Berichterstattung rücken.

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  • Schlagworte Syrien | Aleppo | Damaskus
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