Während in den USA, in Frankreich und Großbritannien die Stimmen lauter werden, in Syrien militärisch zu intervenieren, überwiegt in Deutschland die Zurückhaltung – und zwar parteiübergreifend: 

Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) sprach sich gegen eine militärische Intervention aus, Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) gegen einen Bundeswehreinsatz. Der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück riet zur "Zurückhaltung, was die Diskussion über militärische Interventionen betrifft". Und Linken-Politiker Jan van Aken will gleich die Bundeswehrsoldaten aus der Türkei abziehen lassen, die an der syrischen Grenze eine Patriot-Einheit gegen Raketenangriffe aus dem Kriegsgebiet betreiben.

Immerhin haben am Montag die Kanzlerin und ihr Außenminister öffentlich ausgesprochen, dass mit ziemlicher Sicherheit Chemiewaffen eingesetzt worden seien, und dass dies "nicht folgenlos bleiben" dürfe. Ob damit auch Militäraktionen gemeint sein könnten, ließen Angela Merkel und Guido Westerwelle aber ausdrücklich offen.

In Syrien ist mit dem wahrscheinlichen Giftgasangriff etwas geschehen, das die Verhältnisse in diesem Regionalkonflikt und darüber hinaus vollkommen verändert. Der Angriff mit Nervengas, mit einer Massenvernichtungswaffe also, ist ein Tabubruch. Wer ihn begangen hat, wird es möglicherweise wieder tun. Und: Die Tat könnte Nachahmer anderswo auf der Welt finden. 

Die deutschen Reaktionen bleiben dennoch unbestimmt, unsicher, ohne Ziel. Und das, obwohl die Deutschen mit ihrer schlimmen Giftgasvergangenheit im Ersten Weltkrieg über einen solchen Tabubruch eigentlich nicht hinweggehen können. Warum ist das so?  

Es hat zum einen mit dem Wahlkampf zu tun. Soldaten in gefährliche Kriegsgebiete zu schicken, ist äußerst unpopulär und kann Wählerstimmen kosten. Der Afghanistaneinsatz der Bundeswehr gilt als gescheitert, vom Konzept der militärischen Intervention halten viele Deutsche nicht mehr viel.

Die deutsche Vorsicht hat zudem Tradition. Sie geht zurück auf die Geschichte der Bundesrepublik nach 1945 und dem Credo des sich Nie-mehr-Einmischens. Zuletzt verweigerte Schwarz-Gelb 2011 die Beteiligung an der Militärintervention in Libyen und hatte sich damit unter den Nato-Partnern isoliert. Im Grunde war die Beteiligung der Deutschen an den Kriegen im Kosovo und in Afghanistan eine Ausnahme – realisiert ausgerechnet von einer rot-grünen Regierung.