InterventionDas Giftgas-Massaker in Syrien

Der Zorn ist gerecht, der Reflex nobel, aber die Strategie fragwürdig. Zweitägige Luftangriffe lösen die grundlegenden Probleme nicht. von 

Josef Joffe, 69, ist einer der Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er ihr Chefredakteur.

Josef Joffe, 69, ist einer der Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er ihr Chefredakteur.  |  © Vera Tammen

Washington, London und Paris sind nun überzeugt davon, dass das Assad-Regime am 21. August etwa 300 Menschen mit Kampfgas umgebracht hat. Eine "Antwort" stehe "kurz bevor", glaubt Senator Bob Corker, der auf seine Gespräche mit Regierungsvertretern am Wochenende verweist. 

Das Weiße Haus selber wollte nur noch absolut sichergehen, dass die Regierungstruppen das Massaker angerichtet haben und nicht die Rebellen, die ein natürliches Interesse daran haben, den Westen in einen Krieg gegen Assad zu ziehen.

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War es Assad, dann gäbe es keine moralischen Zweifel mehr. Gas ist zwar nicht die "effizienteste", aber gemeinste Waffe, weil sie seit Ende des Ersten Weltkrieges nur gegen Hilflose eingesetzt worden ist, die nicht in gleicher Münze zurückzahlen können.

Zuletzt hat Saddam Hussein 5.000 kurdische Zivilisten – seine eigenen Bürger – 1988 in der irakischen Stadt Halabdscha mit Nervengas ermordet.

Und doch sollte Krieg nicht nur ein moralischer Reflex, sondern auch wohlbedacht sein, darf die Wut nicht das strategische Denken überwältigen.       

Der geplante Angriff ist vorweg eine Strafaktion. Er soll nur zwei Tage lang dauern. Im östlichen Mittelmeer haben die USA vier Zerstörer mit Raketen aufkreuzen lassen. Jeder könnte bis zu 90 Marschflugkörper vom Typ Tomahawk abschießen. Womöglich sollen auch Bomber aus den USA ein- und gleich wieder zurückfliegen. Das wäre ein "chirurgischer Eingriff", eine eher symbolische Aktion

Was dann?

Auch ein perfekter Tomahawk-Schlag kann nicht das gewaltige C-Waffen-Arsenal des Regimes zerstören; es ist zu weit verstreut und gut versteckt. Überdies sollten die USA es auch nicht wollen, flöge dann doch das grausige Gift in die Luft, das schon milligrammweise den Tod durch die Haut bringen kann.   

Unterstellen wir aber, die USA könnten dem Diktator die C-Waffen aus der Hand schlagen. Leider machen die nur einen Bruchteil seines Vernichtungspotenzials aus. Wer also das strategische Ziel des Regimesturzes verwirklichen und dazu die humanitäre Krise wenigstens mildern will, kann es nicht bei symbolischen Schlägen belassen, bei einer Bestrafung.    

Das Assad-Regime kämpft auf Leben und Tod; seit fast drei Jahren zeigt es eine unheimliche Fähigkeit, auch die fürchterlichsten Schläge wegzustecken. Folglich gebietet die kalte strategische Logik: entweder richtig oder gar nicht. Richtig bedeutete einen wochen-, monatelangen Luftkrieg, der Assads Kriegsmacht dezimiert. Es bedeutet eine No-Fly- und eine No-Move-Zone.

Damit nicht genug. Ein Eingriff müsste noch drei weitere Ziele erreichen. Es muss die richtige Seite gewinnen. Also weder Al-Kaida, noch die einheimische Terrorbrigade Al-Nusra, die in ihren Gebieten ein Schreckensregiment errichtet haben, das dem von Assad nicht nachsteht. Der Krieg müsste ein Maß an Stabilität herstellen, das die Konflikte zwischen den Ethnien und Religionen eindämmt. Und er muss verhindern, dass der Binnenkrieg zum internationalen wird.

Der Zwei-Tage-Luftkrieg, der vielleicht schon in dieser Woche beginnt, kann keines dieser Ziele verwirklichen. Er wäre gut für das schlechte Gewissen des Westens, der zwei Jahre lang nur die Hände gerungen hat.   

Nur: Bomber befrieden nicht, erst recht nicht in einem Bürgerkrieg, in dem es grundsätzlich keine Verhandlungslösung gibt. Das beste Ergebnis ist noch die Teilung wie auf dem Balkan. Ansonsten gewinnt der eine oder der andere, um dann grausame Rache an den Verlierern zu nehmen.       

Marschflugkörper können auch nicht die Schutzverantwortung übernehmen; die fordert eine unbefristete Militärpräsenz, die der Westen wie in Afghanistan und im Irak nicht durchhält. So weit wollen wir nicht denken in unserem gerechten Zorn, also wird der Befehl erteilt: "Feuer frei!"     

Chris Harmer, ein früherer Planer für die U.S. Navy, bleibt skeptisch: "Taktische Schläge ohne strategisches Konzept sind gewöhnlich sinnlos und meistens zweckwidrig."

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Leserkommentare
    • Tubus
    • 28. August 2013 9:40 Uhr

    Der Artikel liest sich ja ganz vernünftig. Nur, dass er unterschlägt, dass Saddam Hussein Gas im Krieg gegen den Iran eingesetzt hat, was damals den Westen nicht sonderlich gestört hat, weil es eben gegen Iran verwendet wurde. Dann lässt der Autor aber doch die Katze aus dem Sack, die Teilung Syriens, weil eine Verhandlungslösung, die noch nicht einmal versucht wurde, angeblich unmöglich ist. Tatsächlich geht es um die Zerstörung Syriens, auch wenn sich der Autor vielleicht nur in einem Nebensatz verplappert hat. Mit einer Teilung Syriens könnte die Achse Hizbollah-Iran gebrochen werden, so die Rechnung der Strategen. Ruhe wird es dennoch nicht geben.

    19 Leserempfehlungen
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    und hier wird die Strategie dazu aufgezeigt:
    http://globalresearch.ca/...

    1. Lässt man Assad weiter gewähren, dann zerfleischt sich das Land.
    2. Unterstützt man die FSA nicht, gewinnen die radikalen Kräfte die Oberhand
    3. Unterstützt man Assad, dann kommen weitere Millionen von Flüchtlingen auf die umliegenden Länder zu.
    4. Hält man sich ganz raus, wird der Krieg noch lange währen. Je länger der Krieg dauert, umso mehr Tote wird es geben, umso unerbittlicher wird man aufeinander einschlagen etc.

    Die einfachste Option wäre Assad tritt zurück und bekommt freies Geleit. Erst in dem Moment wird der Weg für Verhandlungslösungen frei. Mit Assad wird es keine Verhandlungslösung geben, da sein Regime einfach zu viele Menschen vergrätzt hat. Seine Opfer werden sich sicherlich nicht mit ihm an einen Tisch setzen wollen, denn in ihren Augen ist er für das Leid das sie erfahren haben, verantwortlich.

    Herr Joffe bleibt sich treu, einmal Transatlantiker, immer Transatlantiker...

  1. ... kann es erst Frieden geben können, wenn die Industrienationen die Abhängigkeit vom Erdöl überwinden.

    Wolf Niese; Berlin; 46 Jahre
    Stahlbauschlosser

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    • 29C3
    • 28. August 2013 11:30 Uhr

    an gesamtdeutschen Ölimporten. Das Land ist KEIN Global Player im Öl- und Gasgeschäft, sonst wäre die milit. Intervention wie in Lybien längst erfolgt...

    Bei Syrien geht es allein um die Russen am Mittelmeer und Iraner (im ganzen Nahen Osten).

  2. 4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Katze aus dem Sack"
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    genau darum geht es. um die neu-aufteilung der region. allerdings nicht nach dortigen vorstellungen sondern nach dem, was "uns" nützt.
    auch Wolffsohn hat dazu schon mal ein paar vorschläge gemacht
    http://www.sueddeutsche.d...
    wie die neo-kolonialen grenzen aussehen könnten....
    und dass er nicht der einzige ist, der kleinteilige nationalstaaten in nahost entwirft, davon darf man ausgehen.

  3. 4. [...]

    Entfernt. Bitte verfassen Sie differenzierte Kommentare. Danke, die Redaktion/ls

    5 Leserempfehlungen
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    ...und auch an einigen anderen Formulierungen.

    "Das Assad-Regime kämpft auf Leben und Tod; seit fast drei Jahren zeigt es eine unheimliche Fähigkeit, auch die fürchterlichsten Schläge wegzustecken. "

    Unheimlich? Warum nicht gleich geheimnisvolle oder mysteriöse Fähigkeit?
    Natürlich ist das hier ein Kommentar, aber warum muß man zu solchen Formulierungen greifen um ängste vor dem syrischen Regime zu wecken?

    Praktisch ist auch mal wieder, wie nonchalant die Frage ignoriert wird das es keinen Beleg dafür gibt, das es überhaupt das Assad Regime war.

    "Der Krieg müsste ein Maß an Stabilität herstellen, das die Konflikte zwischen den Ethnien und Religionen eindämmt."
    Hat das irgendwann mal im Nahenosten geklappt? Krieg könnte theoretisch stabilität bringen?

    Das schlimmste von allem aber, ist das es gar nicht mehr um moralische Fragen geht, sondern nur noch um die frage der praktischen Durchfürbarkeit.
    Über 100.000 Menschen sind bis heuer gestorben. Ein grausamer aber überschaubarer C-Waffen Einsatz bringt aufeinmal eine Dynamik ins Spiel, die man vorher nicht erlebt hat.

    Auch die Flüchtlinge interesiert irgendwie niemand! Der "gute" Westen mit dem bestreben die Menscheit von einem grausamen Tyrannen zu befreien, vergießt einfach die Menschen, die vor dem Bürgerkrieg geflohen sind.
    Wo ist hier das schlechte Gewissen des Westens Herr Joffe und der dazugehöhrige Kommentar? Wo sind hier Moral und Ethik?

    MfG

    • JK68
    • 28. August 2013 10:16 Uhr

    Die Aktion ist ein Kompromiss, die USA muessen etwas tun, damit Obama nicht das Gesicht verliert und damit den anderen " bösen" Mächten die Gelegnheit bieten Ähnliches anzustellen.
    Andererseits geht Obama mit Marschflugkörpern das geringste Risiko ein, da sich kein Fusssoldat auf Syrisches Gebiet begeben muss.
    Was wird das Ergebnis sein? Es knallt an einigen Ecken heftig und die USA haben wieder mal gezeigt, wir können wenn wir wollen, aber wie auch der Artikel richtig beschreibt, es gibt keine sichtbare Strategie. Die Welt, allen voran die USA reagieren, es gibt aber kein bewusstes Agieren.
    Das Problem ist vieldiskutiert, die Situation in Syrien scheint von aussen nicht lösbar.

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    • Tubus
    • 28. August 2013 14:29 Uhr

    " aber wie auch der Artikel richtig beschreibt, es gibt keine sichtbare Strategie. Die Welt, allen voran die USA reagieren, es gibt aber kein bewusstes Agieren."

    Nur weil Herr Joffe das schreibt, müssen Sie ihm das doch nicht glauben! Obwohl er eine Strategie in Abrede stellt, hat er sie doch verraten: Die Zerstörung und Aufteilung Syriens. Dafür darf gar keine Seite gewinnen. Es geht doch nur um die Schwächung Assads, der zur Zeit die Oberhand gewinnt. Bei ihm sind die Giftgasbestände besser aufgehoben als bei den westlichen "Verbündeten". Das wissen auch die Amerikaner. Das Ergebnis ist die perverseste aller Strategien: Das Schüren eines Bürgerkriegs bis zur entgültigen Zerstörung des Landes. Man sollte seine "Freunde" eben niemals unterschätzen.

    ohne Einmischung von aussen, hätte Assad seine Probleme schon längst gelöst.
    Das ist, gerade auch im Westen, allerdings so nicht gewollt.
    Insofern sollten sich die Unterstützer des Aufstands im Ausland einige Gedanken machen, wieviel Tod sie zu verantworten haben.

  4. Guter Artikel, der das Problem auf den Punkt bringt. Man einen Krieg jederzeit beginnen, aber nie beenden wann man will.

    Die Situation in Syrien ist z. Zt. derart verfahren, dass man im Zweifelsfall ohnehin immer die falsche Seite unterstützt. Egal wie der Krieg endet, man hat mit der überlebenden Partei anschliessend ein neues Problem am Hals.

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    Und damit sind jetzt nicht Sie persönlich gemeint, aber Sie drücken es so nett aus. "Egal wie der Krieg endet, man hat mit der überlebenden Partei anschliessend ein neues Problem am Hals."

    Wir haben also ein Problem am Hals. Wir. Die wir nichts mit einem Bürgerkrieg in Syrien zu tun haben. Wir, die wir humanitäre Hilfe leisten können, aber sonst keinerlei Berechtigungen haben.

    Die USA, die sich mal wieder als Weltpolizei aufspielt. Mal wieder einen Krieg ankündigt. Die mal wieder "Beweise" versprechen. Hatten wir doch alles schon mal, nicht wahr?

    Wir haben ein Problem. Nein, im Grunde hat außer Syrien niemand ein Problem. Es wird nur, aus den verschiedensten Interessen heraus zu einem Problem gemacht.

  5. 1. Lässt man Assad weiter gewähren, dann zerfleischt sich das Land.
    2. Unterstützt man die FSA nicht, gewinnen die radikalen Kräfte die Oberhand
    3. Unterstützt man Assad, dann kommen weitere Millionen von Flüchtlingen auf die umliegenden Länder zu.
    4. Hält man sich ganz raus, wird der Krieg noch lange währen. Je länger der Krieg dauert, umso mehr Tote wird es geben, umso unerbittlicher wird man aufeinander einschlagen etc.

    Die einfachste Option wäre Assad tritt zurück und bekommt freies Geleit. Erst in dem Moment wird der Weg für Verhandlungslösungen frei. Mit Assad wird es keine Verhandlungslösung geben, da sein Regime einfach zu viele Menschen vergrätzt hat. Seine Opfer werden sich sicherlich nicht mit ihm an einen Tisch setzen wollen, denn in ihren Augen ist er für das Leid das sie erfahren haben, verantwortlich.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Katze aus dem Sack"
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    • hairy
    • 28. August 2013 10:32 Uhr

    Wobei ich die Option einer gezielten und entscheidenden Schwaechung Assads und seiner Fuehrung, evtl. auch seine Toetung, als das sehe, was man versuchen muss. Freilich, das ist schwierig und auch gefaehrlich genug.

  6. genau darum geht es. um die neu-aufteilung der region. allerdings nicht nach dortigen vorstellungen sondern nach dem, was "uns" nützt.
    auch Wolffsohn hat dazu schon mal ein paar vorschläge gemacht
    http://www.sueddeutsche.d...
    wie die neo-kolonialen grenzen aussehen könnten....
    und dass er nicht der einzige ist, der kleinteilige nationalstaaten in nahost entwirft, davon darf man ausgehen.

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  • Serie Fünf vor 8:00
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Syrien | Intervention | Saddam Hussein | Theo Sommer | Marschflugkörper | USA
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