Seit mehr als zwei Jahren schon herrscht in Syrien Bürgerkrieg, ohne dass die internationale Gemeinschaft sich zu einem Eingreifen durchringen konnte. Doch nun planen die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich Militärschläge gegen Syrien. Der Einsatz von Chemiewaffen hat die westliche Welt alarmiert. Präsident Barack Obama hatte bereits vor einem Jahr gesagt, dass der Einsatz von Massenvernichtungswaffen ein Eingreifen notwendig machen würde. Im Pentagon bei Washington erarbeiten die Stäbe jetzt Optionen für Militärschläge. Im Weißen Haus gehen hochrangige Offiziere ein und aus. Welche Möglichkeiten, in den Syrien-Konflikt einzugreifen, hätten Obama und seine Verbündeten?

Die meisten Politiker und Generäle im Westen bevorzugen das Libyen-Modell. Abgesichert durch eine Resolution im Weltsicherheitsrat griff 2011 eine Koalition aus mehreren Nato-Staaten, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten in den Bürgerkrieg ein. Zwar sah das Mandat nur die Einrichtung einer Flugverbotszone vor, doch die internationalen Jets attackierten von Anfang an auch Ziele am Boden. So stoppten französische Kampfjets einen entscheidenden Angriff der Gaddafi-Truppen auf die Rebellenhochburgen in Bengasi. Amerikanische Kriegsschiffe, Kampfjets und Drohnen griffen ebenfalls auf Seiten der Rebellen in den Krieg ein. Kasernen, Armeedepots und Truppen des Regimes wurden aus der Luft bekämpft. Am Boden zeigten Spezialeinheiten den Angreifern Ziele und unterstützten so die Rebellen. Nachdem die libysche Luftwaffe und Flugabwehr zerstört waren, konnten die westlichen Flugzeuge gefahrlos angreifen.

In Syrien wäre das Ausschalten der aus Russland gelieferten Luftverteidigungssysteme schwerer – aber keinesfalls unmöglich. Israelische Jets haben in der Vergangenheit mehrfach Ziele in Syrien zerstört, ohne von syrischen Abfangjägern oder Flugabwehrgeschützen beschädigt worden zu sein.

Amerikanische Offiziere gaben gegenüber Medien an, dass bereits eine Liste mit möglichen Zielen in Syrien erstellt worden sei. Darauf stehen auch Radaranlagen, die zum Orten angreifender Flieger gebraucht werden, und Militärflughäfen, von denen Abfangjäger starten könnten. Vor einem Luftangriff würden solche Ziele mit Cruise-Missiles und Tomahawk-Marschflugkörpern "ausgeschaltet". Die US-Navy hat bereits einen weiteren Lenkwaffenzerstörer in die Region beordert und verfügt nun über vier solcher Schiffe. Zudem sind bereits britische Kriegsschiffe im Mittelmeer zu einem Manöver zusammengezogen worden: Die Royal Navy kann dort auf Fregatten und ein U-Boot zurückgreifen.

Im Kosovo sind Bodentruppen heute noch im Einsatz

Wenn die Luftabwehr Syriens ausgeschaltet ist, werden Langstreckenbomber wie der B-52 und der B-2 und Aufklärungsdrohnen wie Global Hawk in den Vereinigten Staaten aufsteigen und Ziele in Syrien anfliegen. Die Flugzeuge können in der Luft betankt werden und große Strecken zurücklegen. Zudem sind bereits Jets mit geringerer Reichweite und Erdkampfflugzeuge in der Region stationiert. In Italien (Aviano Air Base) und der Türkei (Incirlik Air Base) unterhalten die USA große Militärbasen, sodass die Versorgung der eigenen Flugzeuge und Besatzungen kein Problem darstellt. Großbritannien hat zudem auf Zypern eigene Jets stationiert.

China und Russland dürften im Weltsicherheitsrat trotz des Chemiewaffeneinsatzes einem breit angelegten Luftangriff auf Syrien weiterhin nicht zustimmen. Großbritanniens Außenminister William Hague spricht bereits davon, dass Angriffe von See oder aus der Luft auch ohne UN-Mandat möglich seien. Das wäre das Kosovo-Modell. Nachdem serbische Truppen und Milizen im Kosovo Menschenrechtsverletzungen begangen hatten, Tausende Menschen auf der Flucht waren und sich zwischen Serben und der kosovarischen UCK ein Bürgerkrieg entwickelt hatte, griff 1999 die Nato mit Luftschlägen ein. Auf die kurze Operation Allied Force (24. März bis 10. Juni) folgte jedoch ein langjähriger Einsatz von Bodentruppen der KFOR, die noch heute im Einsatz ist.

Der Einsatz von westlichen Soldaten in einem Krieg am Boden, das Szenario Afghanistan (2001/2002) oder Irak (2003), gilt als eher unwahrscheinlich. Zwar muss Obama nicht mehr um seine Wiederwahl fürchten, er darf nicht erneut kandidieren, an einem langandauernden und verlustreichen Konflikt hat der Friedensnobelpreisträger dennoch kein Interesse. Zwar sind die Vereinigten Staaten in der Lage, innerhalb kurzer Zeit Tausende GI’s für eine Invasion in Syrien zusammenzuziehen. Doch selbst nach einer Eroberung von Damaskus und der Festnahme oder Tötung Assads würde ein Krieg in Syrien nicht enden.