Ägypten : Der neue Hass gegen Syriens Flüchtlinge

Einst freundlich begrüßt, werden Syriens Flüchtlinge in Ägypten heute als "Söldner der Muslimbrüder" diskriminiert. Am stärksten vom Staat selbst.
Geflüchtet nach Ägypten: Syrische Geschwisterkinder im UNHCR-Büro in Zamalek, Mai 2013 © Shawn Baldwin

Ägypten war einmal das gelobte Land für alle Syrer, die Zuflucht vor dem Bürgerkrieg suchten. Vor zwei Monaten waren syrische Flüchtlinge hier noch mehr als willkommen. Sie bereicherten mit ihren kleinen Restaurants die Speisekarte von Millionen von Ägyptern, verkauften Parfüm, nähten günstige Kleidung oder verrichteten Arbeit, die niemand machen wollte. "Doch seit dem Sturz von Mohammed Mursi hassen uns so viele, so plötzlich", bringt es Bilal, der syrische Frisör in Nasr City im Nordosten Kairos auf den Punkt. Was ist passiert?

Angefangen hat die neue Feindschaft gegen die Gäste über Nacht. Am 30. Juni gingen Millionen Ägypter auf die Straße, dann stürzte Präsident Mohammed Mursi am 3. Juli über seine eigene Unfähigkeit, den Willen des Volkes und die Panzer des Militärs, danach gingen die Anhänger der Muslimbruderschaft demonstrieren und die Medien starteten eine Kampagne gegen die "Staatsfeinde mit Bart". So weit so gut.

Doch irgendwann mitten im Umbruchstrubel schrieb irgendein Journalist, dass auch alle Syrer Terroristen und Muslimbrüder seien. Daraus wurde schnell Konsens in vielen Zeitungen und im Fernsehen. Seitdem sind die ehemals als "Blutsbrüder und -schwestern" bezeichneten Flüchtlinge aus Damaskus, Aleppo, Homs und allen anderen Schauplätzen des blutigen Bürgerkrieges nicht mehr willkommen in Ägypten. 

Negativkampagne kommt Militär und Polizei zugute

Tatsächlich lebten eine Handvoll Syrer im vor einigen Wochen gewaltsam aufgelösten Pro-Mursi-Protestcamp, Rabea-Adawija, suchten syrische Flüchtlinge eine Herberge oder etwas Essbares bei Wohltätigkeitsorganisationen der Bruderschaft, zeigten Staatsfernsehen und Privatsender einige kämpfende syrische Dschihadisten auf der Sinai-Halbinsel, doch fragt sich Bilal warum nun alle rund 300.000 Syrer in Ägypten unter Generalverdacht gestellt werden. Der Frisör mit dem kugelrunden Bauch kommentiert ungern in der Öffentlichkeit, was um ihn herum geschieht. Eine geflüsterte Analyse der Situation kann er sich dennoch nicht verkneifen: "Die Ägypter machen alles, was ihnen von oben gesagt wird", hat Bilal in den 18 Monaten, in denen er nun in Kairo lebt, beobachtet, "wenn ihr Präsident ihnen befiehlt, dass sie die syrischen Flüchtlinge willkommen heißen sollen, bewerfen sie uns mit Rosen und wenn es von ganz oben heißt, dass wir Terroristenhelfer sind, hassen sie uns wie ihre schlimmsten Feinde". 

Dabei kommt die Negativkampagne gegen Syrer vor allem dem Militär und der Polizei zugute. Liefert sie doch ein gutes Argument, um die Muslimbruderschaft zu eliminieren. Denn mit den "syrischen Söldnern" wird die Bruderschaft zur internationalen Terrororganisation, die mit Panzern und Geheimdiensten bekämpft werden muss. Wie zu Zeiten des Krieges von George W. Bush gegen die Achse des Bösen. Ahmad Awadalla von der Flüchtlingsorganisation Africa and Middle East Refugee Assistance (AMERA) sagt, dass seit dem Sturz von Mohammed Mursi die prekäre Sicherheitslage alle Flüchtlinge in Ägypten trifft. Doch die Negativkampagne in den Medien bringe besonders syrische Staatsbürger in Bedrängnis. In den letzten zwei Wochen wurden rund 300 von ihnen teils grundlos festgenommen.  

Auf dem Flachbildfernseher im Frisörladen läuft Al Jazeera. Der Moderator verliest die neuesten Nachrichten über den bevorstehenden Militärschlag gegen das Assad-Regime. Die Berichterstattung des Nachrichtensenders aus Katar kann auf zwei Dinge reduziert werden: Anti-Assad, was Syrien betrifft, und Pro-Muslimbruderschaft, wenn es um Ägypten geht. Als der Nachrichtensprecher einen Beitrag zur Lage am Nil anmoderiert, sucht Bilal hastig nach der Fernbedienung. Passanten, die durch das Schaufenster skeptisch schauen, könnten ja denken, dass er einverstanden sei, mit dem was bei Muslimbruder TV behauptet wird. Er habe mittlerweile Angst, mische sich explizit nicht in ägyptische Angelegenheiten ein und bewege sich nur noch zwischen seiner Wohnung und seinem Arbeitsplatz.

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Kommentare

19 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Vorschlag

Ich finde wirklich die Bundesregierung sollte ernsthaft erwägen, soviel wie möglich Syrienflüchtlinge nach Deutschland zu holen wie möglich. Das wäre ein eindeutiges Statement gegenüber der internationalen Gemeinschaft, dass wir unser Stellung und Verantwortung bewusst sind. In Übrigen würde ich vorschlagen dass Frau Merkel nach Moskau fährt oder fliegt und dort mit Herrn Putin sich zusammen setzt wie das Nahostproblem dauerhaft und in unserem Sinn gelöst werden kann.