Angehörige trauern um die Opfer eines mutmaßlichen Giftgas-Angriffs in Syrien © AP Photo/Local Committee of Arbeen

Die syrische Regierung will kurzfristig keinen Besuch der UN-Experten in einem umkämpften Gebiet östlich von Damaskus erlauben. Der syrische Informationsminister, Omran al-Soabi, sagte dem Sender Russia Today, die Chemiewaffen-Experten könnten nicht einfach spontan den Bezirk Al-Ghuta Al-Scharkija inspizieren. Dafür bedürfe es vorab einer "Vereinbarung mit der Regierung".

Die Vereinten Nationen hatten angekündigt, neuesten Vorwürfen nachzugehen, denen zufolge die syrische Regierung Giftgas gegen die Opposition in Al-Ghuta nahe Damaskus eingesetzt habe. Er selbst habe nur Fernsehbilder des Anschlags gesehen, von dem die Opposition berichte, sagte der Chef des UN-Expertenteams für Chemiewaffen, Åke Sellström, der schwedischen Nachrichtenagentur TT.

"Die erwähnte hohe Anzahl Verletzter und Getöteter klingt verdächtig. Es klingt wie etwas, das man untersuchen sollte", zitierte TT den Experten. Für eine Untersuchung müsste sich Sellström zufolge ein UN-Mitgliedsstaat an den Generalsekretär der Vereinten Nationen wenden. Ein Vertreter der oppositionellen Nationalen Syrischen Allianz hatte zuvor berichtet, Regierungstruppen hätten bei Angriffen auf Dörfer östlich von Damaskus 1.300 Menschen getötet und dabei auch Giftgas eingesetzt. Die Regierung dementierte den Giftgaseinsatz.

Experten zeigten sich von Zeit und Ort des angeblichen Giftgasangriffs überrascht. Nur drei Tage zuvor waren die Chemiewaffen-Inspektoren in ein wenige Kilometer entferntes Hotel in Damaskus eingezogen. "Es wäre sehr seltsam, wenn die syrische Regierung ausgerechnet in dem Moment zu solchen Mitteln greifen würde, wenn die Beobachter im Land sind", sagte der ehemalige schwedische Diplomat Rolf Ekeus, der in den 1990er Jahren ein Team von UN-Waffeninspektoren im Irak geleitet hatte. "Zumindest wäre es nicht sonderlich schlau."

Größter Chemiewaffeneinsatz seit Saddam Hussein

Außenminister Guido Westerwelle forderte bereits eine schnelle Klärung der Vorwürfe. "UN-Inspekteure müssen umgehenden Zugang erhalten und Vorwürfe vor Ort aufklären", teilte er mit. Diese Vorwürfe seien sehr gravierend und alarmierend, fügte Westerwelle am Rande eines EU-Außenministertreffens in Brüssel hinzu.


Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes sprach in Berlin von überaus ernsten Vorwürfen. Die Bundesregierung könne diese jedoch zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht mit eigenen Quellen bewerten.

Auch die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton reagierte "mit großer Sorge" auf die Berichte. Nach Angaben eines Sprechers forderte sie eine "unverzügliche und eingehende Untersuchung" der Berichte.

"Die EU bekräftigt, dass jeder Einsatz von chemischen Waffen in Syrien, von welcher Seite auch immer, völlig inakzeptabel wäre", sagte der Sprecher. Die Untersuchungsgruppe der UN müsse nun uneingeschränkten Zugang zu allen Gebieten in Syrien haben, die sie besuchen wolle. Die Regierung und alle anderen Parteien in Syrien müssten mit der UN-Mission zusammenarbeiten.

Die syrische Opposition wirft den Regierungstruppen vor, mit Nervengas bestückte Raketen vor Morgengrauen auf mehrere Vororte der Hauptstadt Damaskus abgefeuert zu haben. 90 Prozent der Opfer seien durch Nervengas umgekommen, der Rest durch Bomben und andere Waffen. Eine unabhängige Bestätigung gab es dafür zunächst nicht.

US-Präsident Barack Obama hatte den Einsatz von Giftgas in der Vergangenheit als rote Linie bezeichnet und vor Konsequenzen gewarnt. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, wäre es der schwerste Chemiewaffenangriff seit 1988, als der damalige irakische Staatschef Saddam Hussein Tausende Kurden in der Stadt Halabdscha mit Giftgas tötete.