Nehmen wir das leidige Thema NSA: In Amerika wie in Europa kämpfen wir darum, dass der Staat uns nicht ausspionieren darf. Gleichzeitig werden wir alle von dritter Seite ausgehorcht: Jede Woche gibt es buchstäblich Millionen Hackerangriffe auf die führenden Universitäten und Forschungsinstitute der USA. Es handelt sich um Wirtschaftsspionage, vor allem aus China, und man kann davon ausgehen, dass auch deutsche Einrichtungen vom Fraunhofer-Institut bis zu Siemens mit ähnlicher Vehemenz angegriffen werden.

Doch niemand spricht darüber. Was sollen wir auch über einen heimlichen Cyberkrieg reden, den wir nicht verstehen? Es ist einfacher, über Bürgerrechte und deren Verletzung zu sprechen, denn das kennen wir seit den Siebzigern.

Dabei könnte der Cyberkrieg mehr als nur unangenehm werden. Wenn in Zukunft jede Art von Innovation sowieso sofort geklaut wird, lohnt sich die Forschung überhaupt noch? Und was nutzt es, dass unsere Regierung uns nicht mehr aushorcht, wenn jede andere Regierung freien Zugang zu unseren Festplatten hat?

Apropos Internetzeitalter: Vergangene Woche hat der Amazon-Gründer Jeff Bezos die Washington Post gekauft. Dass die Tage der Post gezählt waren, wussten wir schon lange, aber dass nun ein Titan des Internets diesem strauchelnden Old-world-Erzeugnis anscheinend neues Leben einhauchen will – das ist ein bisschen so, als ob Gutenberg auf seine alten Tage das Skriptorium des Mainzer Doms erwirbt und den Mönchen verspricht, die altehrwürdige Handschriftenproduktion niemals aufzugeben.

Traditioneller Journalismus ist in der Zeit des Internets nicht mehr finanzierbar. Das wissen wir, und trotzdem hoffen wir darauf, dass es vielleicht mit einem anderen Format oder mit einer sexy Bezahlschranke doch weitergeht.

Nicht, weil wir wirklich daran glauben, sondern weil wir uns nicht vorstellen können, wie der Journalismus der Zukunft aussehen wird. Vielleicht wird er nur noch von der Privatwirtschaft oder von der Politik subventioniert, oder es gibt Journalismus nur für Reiche, oder gar überhaupt keinen Journalismus mehr. Es gab eine Zeit vor dem Journalismus, warum sollte es keine Zeit nach dem Journalismus geben?

Das Fleisch der Zukunft ist schon da

Vielleicht gibt es auch kein Fleisch mehr. Das ist das Versprechen des Shmeats – so nennt man Fleisch aus dem Labor.

Vergangene Woche erst hat eine Gruppe holländischer Wissenschaftlicher den ersten Reagenzhamburger aus im Labor gezüchteten Fleischzellen vorgestellt. Er war für seinen Geschmack noch ein wenig teuer, trotzdem wird auf lange Sicht Shmeat in jedem Supermarkt-Regal zu finden sein, genauso wie Genfood jetzt auch einzieht. Bald darauf werden Millionen Farmer, Schlachter und Hühnerfütteranlagenbauer Konkurs anmelden.

Es wird anfangs ein Schock sein, aber es gibt auch Vorteile: Wir werden uns nicht mehr für die Massentierhaltung schämen müssen, und der nervige Vegetarismus wird auch verschwinden. Wenn keine kuscheligen Tiere für unser Abendessen mehr sterben müssen, werden sich Millionen von 13-jährigen Mädchen bald einen anderen Grund suchen müssen, ihre Unabhängigkeit gegenüber ihren Müttern zu beweisen.

Bei der ganzen Bewunderung von Laborfleisch wollen wir aber auch den Labormenschen nicht vergessen.

Henrietta Lacks wurden kurz vor ihrem Tod 1951 ein paar Krebszellen entnommen, die die Wissenschaft noch heute nutzt, um Krankheiten und das menschliche Genom zu erforschen. Ihre sogenannten HeLa-Zellen haben nicht nur Leben gerettet, sie haben für eine Menge Firmen viel Geld verdient.

Einerseits kam der Genklau der Menschheit zugute, andererseits war es die nackte Ausbeutung. Nun hat die US-Gesundheitsbehörde National Institutes of Health der lebenden Familie Lacks ein begrenztes Mitbestimmungsrecht über die wertvollen Gene ihrer Vorfahrin gegeben. Einen Anspruch auf Geld haben die Nachfahren nicht (oder noch nicht), aber trotzdem ist die Entscheidung wegweisend: Zum ersten Mal in einem konkreten Fall wurde das Recht des Menschen auf seine eigenen Gene von der US-Regierung mindestens teilweise anerkannt.

Nun, wenn man über seine eigenen Gene bestimmen kann, dann gehören sie einem – und man kann sie auch verkaufen. Auf einmal sind Gene kein Wunder der Natur mehr, sondern Besitz, und Besitz ist immer ein Wirtschaftsgut.

Ich persönlich habe keine Gene, die was taugen, dafür habe ich einen Freund mit Super-DNA: Er kann so besoffen werden wie du und ich, am nächsten Morgen aber hat er keinen Kater. Nie im Leben einen gehabt.

Dieses Gen ist Gold wert. Mein neuer Plan seit der HeLa-Entscheidung: Ihn einmal so besoffen zu machen, dass er mir alle seine Gene exklusiv überschreibt. Dann verkaufe ich sie an die Wissenschaft und werde reich – wenn ich am nächsten Tag den Wisch mit seiner Unterschrift finde, bevor er ihn findet.

Heute bestellen wir im Restaurant noch Thüringer Bratwurst und Argentinien-Steak, morgen essen wir Siemens-Schnitzel und Schering-Schinken. Heute prahlen wir stolz mit "Mein Haus, mein Auto, meine Familie", morgen wird es heißen: "Mein Haus, meine Familie, mein DNA-Exklusivvertrag".

Die Welt von morgen hat begonnen, und wir sind durch nichts, was wir kennen, darauf vorbereitet. Deshalb ist es leichter, über Kitaplätze, Veggie Day und Herdprämien zu reden, bis die Zukunft uns einholt.