Kolumne Wir AmisDie bedrohliche Zukunft ist längst da

Es ist schon seltsam: Wir leben in der Zukunft, aber wir denken noch in der Vergangenheit. Ein paar Beispiele gefällig? von 

Nehmen wir das leidige Thema NSA: In Amerika wie in Europa kämpfen wir darum, dass der Staat uns nicht ausspionieren darf. Gleichzeitig werden wir alle von dritter Seite ausgehorcht: Jede Woche gibt es buchstäblich Millionen Hackerangriffe auf die führenden Universitäten und Forschungsinstitute der USA. Es handelt sich um Wirtschaftsspionage, vor allem aus China, und man kann davon ausgehen, dass auch deutsche Einrichtungen vom Fraunhofer-Institut bis zu Siemens mit ähnlicher Vehemenz angegriffen werden.

Doch niemand spricht darüber. Was sollen wir auch über einen heimlichen Cyberkrieg reden, den wir nicht verstehen? Es ist einfacher, über Bürgerrechte und deren Verletzung zu sprechen, denn das kennen wir seit den Siebzigern.

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Dabei könnte der Cyberkrieg mehr als nur unangenehm werden. Wenn in Zukunft jede Art von Innovation sowieso sofort geklaut wird, lohnt sich die Forschung überhaupt noch? Und was nutzt es, dass unsere Regierung uns nicht mehr aushorcht, wenn jede andere Regierung freien Zugang zu unseren Festplatten hat?

Eric T. Hansen

Eric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Apropos Internetzeitalter: Vergangene Woche hat der Amazon-Gründer Jeff Bezos die Washington Post gekauft. Dass die Tage der Post gezählt waren, wussten wir schon lange, aber dass nun ein Titan des Internets diesem strauchelnden Old-world-Erzeugnis anscheinend neues Leben einhauchen will – das ist ein bisschen so, als ob Gutenberg auf seine alten Tage das Skriptorium des Mainzer Doms erwirbt und den Mönchen verspricht, die altehrwürdige Handschriftenproduktion niemals aufzugeben.

Traditioneller Journalismus ist in der Zeit des Internets nicht mehr finanzierbar. Das wissen wir, und trotzdem hoffen wir darauf, dass es vielleicht mit einem anderen Format oder mit einer sexy Bezahlschranke doch weitergeht.

Nicht, weil wir wirklich daran glauben, sondern weil wir uns nicht vorstellen können, wie der Journalismus der Zukunft aussehen wird. Vielleicht wird er nur noch von der Privatwirtschaft oder von der Politik subventioniert, oder es gibt Journalismus nur für Reiche, oder gar überhaupt keinen Journalismus mehr. Es gab eine Zeit vor dem Journalismus, warum sollte es keine Zeit nach dem Journalismus geben?

Das Fleisch der Zukunft ist schon da

Vielleicht gibt es auch kein Fleisch mehr. Das ist das Versprechen des Shmeats – so nennt man Fleisch aus dem Labor.

Vergangene Woche erst hat eine Gruppe holländischer Wissenschaftlicher den ersten Reagenzhamburger aus im Labor gezüchteten Fleischzellen vorgestellt. Er war für seinen Geschmack noch ein wenig teuer, trotzdem wird auf lange Sicht Shmeat in jedem Supermarkt-Regal zu finden sein, genauso wie Genfood jetzt auch einzieht. Bald darauf werden Millionen Farmer, Schlachter und Hühnerfütteranlagenbauer Konkurs anmelden.

Es wird anfangs ein Schock sein, aber es gibt auch Vorteile: Wir werden uns nicht mehr für die Massentierhaltung schämen müssen, und der nervige Vegetarismus wird auch verschwinden. Wenn keine kuscheligen Tiere für unser Abendessen mehr sterben müssen, werden sich Millionen von 13-jährigen Mädchen bald einen anderen Grund suchen müssen, ihre Unabhängigkeit gegenüber ihren Müttern zu beweisen.

Bei der ganzen Bewunderung von Laborfleisch wollen wir aber auch den Labormenschen nicht vergessen.

Henrietta Lacks wurden kurz vor ihrem Tod 1951 ein paar Krebszellen entnommen, die die Wissenschaft noch heute nutzt, um Krankheiten und das menschliche Genom zu erforschen. Ihre sogenannten HeLa-Zellen haben nicht nur Leben gerettet, sie haben für eine Menge Firmen viel Geld verdient.

Einerseits kam der Genklau der Menschheit zugute, andererseits war es die nackte Ausbeutung. Nun hat die US-Gesundheitsbehörde National Institutes of Health der lebenden Familie Lacks ein begrenztes Mitbestimmungsrecht über die wertvollen Gene ihrer Vorfahrin gegeben. Einen Anspruch auf Geld haben die Nachfahren nicht (oder noch nicht), aber trotzdem ist die Entscheidung wegweisend: Zum ersten Mal in einem konkreten Fall wurde das Recht des Menschen auf seine eigenen Gene von der US-Regierung mindestens teilweise anerkannt.

Nun, wenn man über seine eigenen Gene bestimmen kann, dann gehören sie einem – und man kann sie auch verkaufen. Auf einmal sind Gene kein Wunder der Natur mehr, sondern Besitz, und Besitz ist immer ein Wirtschaftsgut.

Ich persönlich habe keine Gene, die was taugen, dafür habe ich einen Freund mit Super-DNA: Er kann so besoffen werden wie du und ich, am nächsten Morgen aber hat er keinen Kater. Nie im Leben einen gehabt.

Dieses Gen ist Gold wert. Mein neuer Plan seit der HeLa-Entscheidung: Ihn einmal so besoffen zu machen, dass er mir alle seine Gene exklusiv überschreibt. Dann verkaufe ich sie an die Wissenschaft und werde reich – wenn ich am nächsten Tag den Wisch mit seiner Unterschrift finde, bevor er ihn findet.

Heute bestellen wir im Restaurant noch Thüringer Bratwurst und Argentinien-Steak, morgen essen wir Siemens-Schnitzel und Schering-Schinken. Heute prahlen wir stolz mit "Mein Haus, mein Auto, meine Familie", morgen wird es heißen: "Mein Haus, meine Familie, mein DNA-Exklusivvertrag".

Die Welt von morgen hat begonnen, und wir sind durch nichts, was wir kennen, darauf vorbereitet. Deshalb ist es leichter, über Kitaplätze, Veggie Day und Herdprämien zu reden, bis die Zukunft uns einholt.

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Leserkommentare
    • janjshj
    • 14. August 2013 18:02 Uhr

    Wir wissen schon seit Jahren, dass Universitäten, Firmen etc. von allen Seiten gehackt werden. Allerdings haben wir bisher immer alles auf die Chinesen geschoben. Dank Edward Snowden wissen wir jetzt, dass die NSA mindestens genauso schlimm ist und Netzwerke, Unis etc. hackt

    26 Leserempfehlungen
    • Anony Y
    • 14. August 2013 18:09 Uhr

    Wieso sollte sich Forschung noch lohnen wenn alles sofort zum Allgemeingut verkommt? Wenn im schlimmsten Fall jeder die Technologien von morgen/heute besitzt, stimmt daraus kann man keinen Profit mehr schlagen, aber wäre das nicht ein Schritt in die richtige Richtung?
    Wenn Farmer und Schlachter arbeitslos werden wegen Genfood etc. könnte das Essen vielleicht sogar irgendwann nahe zu Umsonst produziert werden... das will ja auch keiner, dann hätte man ja keinen Ansporn mehr wirklich zu Arbeiten schließlich kriegt man das Essen noch billiger oder noch schlimmer irgendwann könnte man vielleicht mit dem Laboressen die ganze Welt versorgen, aber da soll man natürlich gegen arbeiten zugunsten unserer Wirtschaft.
    Der Cyberkrieg ist schon lange präsent, doch erst jetzt wird der Kollateralschaden am nicht involvierten Bürger dargelegt, wir haben mit diesen Kriegen nichts zu tun.

    7 Leserempfehlungen
    • F117
    • 14. August 2013 18:09 Uhr

    Jede Firma und jede Universität ist dazu in der Lage sich gegen Dritte zu schützen(, so sie denn will und das nötige Geld/Zeit dafür in die Hand nimmt).

    Das rechtlich gesicherte Abhören ganzer Bevölkerungen durch den Staat ist aber wesentlich bedeutender und sollte nicht durch Verallgemeinerung und das repititive Wiederholen der Floskel: "Davon verstehen wir eh nichts." relativiert werden!

    Dann informieren Sie sich! das komplette Thema ist aufgrund der nähe zum PC extrem gut dokumentiert und aufbereitet. Wir sollten also alle anfangen uns selbst mit dem #Neuland zu beschäftigen und nicht auf gestern warten!

    18 Leserempfehlungen
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    Das der Autor offensichtlich noch nicht einmal verstanden hat, das die Techniken, die uns vor der NSA etc. schützen würden, die gleichen sind, die uns auch vor Chinsischer Spionage etc. schützen würden, ist schon sehr bedenklich.
    Somit verhindern diejenigen, die Privatspäre (z.B. Verschlüsselung) im Internet verhindern, damit zwangsweise den Schutz vor Hackern und geheimdiensten anderer Nationen. Diesen zwangsläufigen Zusammenhang kann doch eigentlich jeder verstehen, dachte ich, aber...
    Wenn das noch nicht einmal Autoren verstehen, die Artikel für die Zeit schreiben, dann wird man das der breiten Masse auch nicht vermitteln können.
    Gute Nacht!

    Wie soll man sich gegen Dritte schützen wenn man Software aus den USA nutzt und die Geheimdienste die Quellcodes der Software haben und sich in der Software spezielle Eingangstore für Geheimdienste offen hält?

    Dagegen kann man sich nicht wehren, weil die eigene Software von Haus aus manipuliert ist und man den Angriff gar nicht mehr mitbekommt.

    Wenn Sie in Outlook eine Mail schreiben und im Hintergrund alles mitgelesen wird, dann können Sie sich dagegen nicht wehren, weil das systemseitig schon so vorgesehen ist.

  1. Die Chinesen brauchen kein Ami Knowhow ..(es gibts dort nichts zu holen)
    Die machen es geschickter ,bauen Schulen , Brücken,Fussballstadien
    und kommen auf die sympatische Art vorwärts.(demnächst 2 ter Panama Kanal)

    Was jetzt in der USA abgeht ,ist der verzweifelte Versuch
    ihres witschaftlichen A*ch zu retten,durch Spionage.

    10 Leserempfehlungen
  2. Das der Autor offensichtlich noch nicht einmal verstanden hat, das die Techniken, die uns vor der NSA etc. schützen würden, die gleichen sind, die uns auch vor Chinsischer Spionage etc. schützen würden, ist schon sehr bedenklich.
    Somit verhindern diejenigen, die Privatspäre (z.B. Verschlüsselung) im Internet verhindern, damit zwangsweise den Schutz vor Hackern und geheimdiensten anderer Nationen. Diesen zwangsläufigen Zusammenhang kann doch eigentlich jeder verstehen, dachte ich, aber...
    Wenn das noch nicht einmal Autoren verstehen, die Artikel für die Zeit schreiben, dann wird man das der breiten Masse auch nicht vermitteln können.
    Gute Nacht!

    21 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Thema verfehlt"
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    • genug
    • 14. August 2013 20:11 Uhr

    .. im Sinne von Volksverdummung, wie Herr Hansen hier zum wiederholten Male die US-Spionage kleinzureden versucht. Ihr Ansatz: ..Somit verhindern diejenigen, die Privatsphäre (z.B. Verschlüsselung) im Internet verhindern, damit zwangsweise den Schutz vor Hackern und Geheimdiensten anderer Nationen... ist genau richtig:

    Dass aufgrund von Geheimdienstbesuchen Mailprovider mit Verschlüsselung am Tag der Rede von Obama zum Datenschutz mit dem Versprechen von mehr Respekt der Bürgerrechte ihre Dienste einstellen mussten, ist als Botschaft zu verstehen: von uns Amis bekommt Ihr zu hören, was Ihr wollt, aber wir machen doch das, was wir wollen.

    Ich finde es nicht gut, dass ein Herr Hansen hier bei Zeit Online eine Plattform für seine zusehends weinseligen Kommentare (mein besoffener Freund) bekommt, zumal er den Ernst der Lage um die durch Überwachung gefährdete Demokratie offensichtlich verkennt oder verneint. Bitte abstellen.

  3. Keiner kann die Zukunft vorhersagen! :)
    Ihre Vorstellung ist aber nicht ohne. Dennoch glaube ich nicht das irgend welche Unternehmen oder Konzerne es wirklich schaffen werden die Zukunft zu verändern.
    Die Zukunft liegt bei den Menschen und nicht bei den Konzernen oder deren Maschienen, denn die Schlusstechnologie wir von 1nem einzigen Individuem kommen und nicht von irgendwelchen möchtegern Welteroberern.

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    und Amen

    • Atan
    • 14. August 2013 18:28 Uhr

    Polizei ins Haus schicken, wenn ich in einem Forum darüber nachdenke, einen Spaziergang zur nächsten chinesischen Außenhandelsvertretung zu machen.

    Die NSA schon.

    Die Chinesen verfügen auch nicht über irgendwelche Sonderrechte, in irgendwelchen Geheimabkommen mit der deutschen Regierung niedergelegt sind.

    Die NSA schon.

    Und die Chinesen unterhalten auch keine exterritorialen Überwachungsanlagen in meinem Heimatland, wo sie direkt Zugang auf zahlreiche Kommunikationsanlagen haben.

    Die NSA schon.

    Gegen den örtlichen Chinesen, der meine Kommunikation abhört, kann ich zudem auf dem nächsten Polizeirevier Anzeige wg. Spionage erstatten und mit einiger Sicherheit erwarten, dass gegen ihn ermittelt wird.

    Gegen die NSA nicht, zumindest wird die Anzeige nicht weiter verfolgt werden.

    Ob Herr Hansen diese zahlreichen Unterschiede wohl nachvollziehen kann? Oder interessieren sie ihn schlicht nicht, weil er als US-Bürger diesen Maßnahmen (zumindest offiziell) nicht in gleicher Weise ausgesetzt ist und sich hörbar dagegen wehren kann? Geschieht dem minderen Pöbel in der Provinz ohne römisches Bürgerrecht einfach nur schlicht, was ihm gebührt? Vae victis?

    28 Leserempfehlungen
    • Mari o
    • 14. August 2013 18:41 Uhr

    Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
    wer kämpft wo wie ?
    Ich höre nur das große Wehgeschrei der Opfer.
    und für die Bevölkerung ist das alles Noyland
    irgendwie schlimm und wahrscheinlich nur Wahlkampf
    und die Kartoffeln werden auch teurer

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  • Serie Wir Amis
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Jeff Bezos | Journalismus | Massentierhaltung | US-Regierung | Wirtschaftsspionage
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