US-Außenpolitik In Ägypten sind die USA hilflos

Selbst die USA haben nur einen geringen Einfluss auf das Militär in Kairo. Das zeigt die Schwäche der Supermacht, die sich im Irak und in Afghanistan erschöpft hat. von 

Matthias Naß ist Internationaler Korrespondent der ZEIT. Von 1998 bis 2010 war er ihr stellvertretender Chefredakteur.

Matthias Naß ist Internationaler Korrespondent der ZEIT. Von 1998 bis 2010 war er ihr stellvertretender Chefredakteur.  |  © Nicole Sturz

Hilflos, ratlos – und weithin tatenlos, so stehen Amerikaner und Europäer vor der Explosion der Gewalt in Ägypten. Mehr als tausend Tote in den vergangenen Wochen, und nichts, was das Blutvergießen zu stoppen vermag. Daran wird auch das Treffen der EU-Außenminister heute in Brüssel nichts ändern. 

Reporter der New York Times haben detailliert nachgezeichnet, wie Emissäre der USA bei der Regierung in Kairo auf Granit bissen. Die Senatoren John McCain und Lindsey Graham scheiterten genauso wie der stellvertretende Außenminister William J. Burns. US-Verteidigungsminister Chuck Hagel telefonierte 17 Mal mit Ägyptens neuem starken Mann, General Abdel Fattah al-Sissi – ohne jeden Erfolg.

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Wie zuvor schon die Tragödie in Syrien, so zeigt auch die Konfrontation in Ägypten eine tief verunsicherte Supermacht, die, erschöpft von den Kriegen im Irak und in Afghanistan, ihre Präsenz im Mittleren Osten verringern möchte und doch nicht loskommt von dieser durch Revolution, Putsch und Bürgerkrieg zerrissenen Region. Und die sich auch nicht zurückziehen darf, soll der Mittlere Osten nicht gänzlich im Chaos versinken.

Leider hat die amerikanische Politik unter Barack Obama ihre Orientierung verloren. Außenminister John Kerry attestierte dem ägyptischen Militär jüngst, es habe versucht, die "Demokratie wiederherzustellen". Der Putsch durfte in Washington nicht Putsch genannt werden, weil Amerika sonst von Gesetzes wegen die Militärhilfe hätte einstellen müssen.

Kein Wunder, dass in Washington bitterer Spott die Runde machte: Der vergangene Woche urlaubende Obama möge sich bitte beim Golfspielen auf Martha’s Vineyard doch nicht stören lassen!

Amerika demonstriert gegenwärtig eine beängstigende Handlungsunfähigkeit und bestätigt damit ein Verdikt, das der Politikwissenschaftler Vali Nasr in seinem lesenswerten Buch The Dispensable Nation (Die verzichtbare Nation) gefällt hat. Amerika, schreibt Vali Nasr, sei sich seiner Rolle in der Welt unsicher geworden. Die Unbeständigkeit, mit der es seine Interessen verfolge, habe Zweifel an seinem Willen zu außenpolitischer Führung geweckt. "Aber dann müssen wir auch darauf eingestellt sein, weniger zu zählen und weniger Einfluss auszuüben – irrelevant zu werden, im Großen wie im Kleinen."

In einem hat Vali Nasr recht: Obamas Ziellosigkeit kann nicht die Antwort sein auf Bushs Rücksichtslosigkeit. Obama kann nicht den Europäern die Initiative überlassen und, wie in Libyen, sich darauf beschränken, "von hinten zu führen". Europa ist keine außenpolitische Ordnungsmacht und will es auch gar nicht sein.

Die Wahrheit ist, dass Amerika immer noch die "unverzichtbare Nation" ist, von der Bill Clinton und seine Außenministerin Madeleine Albright einst gesprochen haben. Allein die Regierung in Washington hat die politische und militärische Macht, sich den tödlich verfeindeten Kräfte im Mittleren Osten entgegenzustemmen.

Können die Vereinigten Staaten diese Verantwortung nicht mehr wahrnehmen, wollen sie es vielleicht gar nicht mehr, dann könnte dem Mittleren Osten das Schlimmste noch bevorstehen.

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Leserkommentare
  1. Die Bush-Administration hat jahrelang die demokratische Umgestaltung des Mittleren Ostens und Nordafrikas gefordert, es mahnte politische Reformen an um die Staaten - welche sie als autokratisch und politisch unterentwickelt ansahen - in die demokratische Moderne zu holen. Das was in Europa nach dem 2ten Weltkrieg geglückt war, sollte nun auch in der arabischen Welt versucht werden. Auf diese Weise sollten radikale Ideologien der Islamisten bekämpft, Märkte geöffnet, langfristige politische Stabilität erreicht und der eigene Einfluss ausgebaut werden.
    Damals kritisierten die "Alten Europäer" Bush dafür als "schießwütigen Cowboy" - jetzt wird Obama als orientierungslos kritisiert. Die Hoffungen auf eine bessere Welt durch den Friedensnobelpreisträger haben sich jedenfalls nicht erfüllt. Aber was können die "Alten Europäer" noch außer kritisieren - es passiert doch an ihren Grenzen und die Flüchtlinge landen nicht an den Küsten der USA. Europa muss sich besinnen . nicht die USA.

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    beschränkte sich stets auf diejenigen die er unter der Achse der Bösen einsortierte.

    Amerikanische Freunde wie Ägypten oder Saudi-Arabien zählten nie dazu. Das war nur dafür gut politisches Kleingeld auf dem Rücken alter Widersacher eines Sadam Husseins zu machen.

    Sie müssen zu der Zeit als Bush Präsident war, einiges der US-amerikanischen Außenpolitik verschlafen haben.

  2. Ein Präsident wie Reagon hätte mit diplomatischem Geschick und einer gewissen militärischen Härte gegenüber Islamisten mit Frankreich und Großbritannien als Ordnungsmacht die verfeindeten Oppositionsgruppen an den Verhandlungstisch bringen können.

    PS: Aber es geht auch nicht, dass Katar zum Beispiel die Al Nusra finanziert und parallel am VW Konzern Anteile gehalten hat.

    PS: Es geht auch nicht, dass wir Panzer an Saudi Arabien liefern, die wiederum Schiiten und Oppositionelle unterdrücken.

    PS: Es geht auch nicht, dass die Aristokratie in Europa gemeinsame Geschäfte mit den Emiren, Scheichs und sonstigen Diktatoren machen, während religiöse Prediger und radikale Kräfte Terrormilizen unterstützen.

    Europa braucht auch andere Politiker und Diplomaten, die selbstbewußt gegenüber den Oppositionsgruppen im nahen Osten auftreten und nicht mit dieser Speichelleckermentalität a la Wulff sich damit rühmen irgendeinen Emir getroffen zu haben.

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    Wer denn? Ein von den Evangelikalen gestützter Präsident?
    Reagan ist doch das Urproblem für den neuen Konflikt im Nahen Osten. Als Reagan und mit ihm die Hardliner aus der Bush-Clique auf der Bildfläche auftauchten, tauchte zeitgleich das Problem der Selbstmordattentate auf.

    Zudem: auch die heutigen gravierenden Wirtschaftsprobleme haben ihre Ursache in der Politik Reagans - auch in den USA. Reagan steht für wirtschaftlichen und moralischen und politischen Niedergang. Aber bitteschön: wenn die USA einen Präsidenten haben wollen, der das Land komplett an die Wand fährt und in den Staatsbankrott manövriert, dann sollen sie einen vom Schlage Reagan oder noch besser: vom Schlage George W. Bush wählen.

  3. Ja das ist wirklich schlimm. Da verpulvert Amerika seit Jahrzehnten Milliarden im Wüstensand, schickt abertausende Truppen in den Nahen Osten und baut Militärbasen en Masse und nach 17 (!) Telefonaten ist immer noch nicht Ruhe im Karton? Unfassbar. Da haben also die Ägypter immer noch nicht verstanden das es in einer "echten" Demokratie keinen Putsch äh, sorry, "Unstimmigkeit in der Bevölkerung" gibt!? Spätestens jetzt sollten die Amerikaner schon mal nach einem "guten Grund" suchen Truppen rein zu schicken, oder was meinen sie?

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  4. Ein sehr schöner Text. Aber wollen USA und Europa nicht das Unmögliche: Einerseits eine nette Demokratie, bei der aber immer die liberalen Pro-Westler gewinnen?

    Die gewählte Rgeierung wollte niemand, deren fromme Unterstützer auch nicht. Also putschte das Militär sie weg, und alle West-Regierungen haben das mitgetragen. Doch was passiert bei einem Putsch, wenn die Weggeputschten sich wehren? Entweder die Generäle geben auf oder es geht in den Bürgerkrieg über.
    Was will ich sagen? Der Westen wollte Mursi weghaben, aber mit dem Schmutz, der damit verbunden ist, will man nichts zu tun haben. Man kann sich doch die ganzen Äusseerugen unser Parteistiftungen zu Mursi ansehen - was wurde da andrees gemacht, als dass man den Putsch mit PR vorbereitet hat. Nur Verantwortung für die Toten mag keiner von den Experten tragen.

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    wollte Mursi loswerden, soso.

    Woran machen sie denn da den Willen des Westens fest?

    Das er die Putschisten nicht bombadieren lässt?

    • Hadrius
    • 21. August 2013 17:17 Uhr

    ist sicherlich nicht sehr allgemeindahergesprochen - aber lesen Sie doch einach nur die Presse auch hier zur Mursi.
    Und ehrlich gesagt, war der Aufschrei wegen des Putsches doch sher verhalten

  5. Ich moechte vorweg um Entschuldigung bitten, denn Herr Nass ist unzweifelhaft ein kompetenter Journalist. Trotzdem, wenn er nur theoretisch denkbaren Alternativen sieht, das entweder die USA oder Europa hier als "Ordnungsmacht" agieren koennten, dann ist dies nichts anderes als koloniales Denken. Der Westen muss akzeptieren, dass auf Dauer nur die UNO ein glaubwuerdiges, von nationalen eigeninteressen freien und damit ordnenden Einfluss auf solche Krisenregionen ausueben kann.

    Dazu braucht die UNO ein starke Fuehrung und die Unterstuetzung gerade seiner Mitglieder. In bezug auf beides machen die USA nicht immer eine gute Figur.

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  6. Wer denn? Ein von den Evangelikalen gestützter Präsident?
    Reagan ist doch das Urproblem für den neuen Konflikt im Nahen Osten. Als Reagan und mit ihm die Hardliner aus der Bush-Clique auf der Bildfläche auftauchten, tauchte zeitgleich das Problem der Selbstmordattentate auf.

    Zudem: auch die heutigen gravierenden Wirtschaftsprobleme haben ihre Ursache in der Politik Reagans - auch in den USA. Reagan steht für wirtschaftlichen und moralischen und politischen Niedergang. Aber bitteschön: wenn die USA einen Präsidenten haben wollen, der das Land komplett an die Wand fährt und in den Staatsbankrott manövriert, dann sollen sie einen vom Schlage Reagan oder noch besser: vom Schlage George W. Bush wählen.

    • Atan
    • 21. August 2013 9:00 Uhr

    Medaille zu schauen, nämlich die US-amerikanische. Die andere ist ein völlig verändertes internationales Umfeld, dass nicht mehr von der Bipolarität des Kalten Krieges geprägt ist, sondern von der Unübersichtlichkeit einer multipolaren Welt, die auch Folge der vom Westen gewünschten Globalisierung ist.

    Die Globalisierung hat im wesentlichen ein zweite Phase des "Kolonialismus" zum Verschwinden gebracht, in welchem sich viele Seiten der Welt entweder dem Osten oder dem Westen unterordnen mussten, und gleichzeitig die Wirtschaftskräfte in ungeahntem Maße entwickelt. Sowohl Südamerika als auch die islamische Welt haben sich von der US-Dominanz befreit, dazu ist mit China ein wirtschaftlich ebenbürtiger Konkurrent auf der Weltbühne erschienen.

    Jetzt mag man beklagen, dass "wir" (die europäischen imperialen Hilfsvölker inkludiert) den anderen nicht mehr in gewohnter Weise unseren Willen aufzwingen können, wir sollten aber nicht vergessen, dass auch in "unserer" Hälfte der zweigeteilten Welt Millionen gefoltert, ermordet oder eingesperrt wurden.
    "Low intensity wars" wurden schon in der ersten Phase der Entkolonialisierung nur mit äusserster Härte und Gewalt gewonnen. Wenn in Syrien oder Ägypten wieder mit den herkömmlichen Mitteln "Frieden" geschaffen werden, dann geht das nur mit hunderttausenden Opfern.

    Amerika ist deshalb "schwach", weil es keine Bedrohung gibt, die eine erneute neokoloniale opferreiche Weltherrschaft rechtfertigen würde.

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  7. Ich halte die im Artikel beschriebene Ohnmacht der USA für völlig übertrieben. Natürlich hat die USA noch sehr viel Macht in Ägypten. Nur darf man nicht den Eindruck entstehen lassen, man stehe hinter einem blutigen Militärputsch. Jetzt tut man so, als komme das einem total ungelegen. In Wirklichkeit war Mubarak aber Amerikas Liebling und Sisi wird es auch sein. Den Rest erledigen dann offiziell die Saudis, die in der Regel garnichts machen ohne den erhobenen Daumen aus DC.

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    die USA haben ein Interesse daran Ägypten in einen Bürgerkrieg zu stürzen?

    Die Muslimbrüder stellen dort eine nicht gerade kleine Gruppe in der Bevölkerung und das außerordentlich harte Vorgehen von seiten der Militärregierung lässt nicht gerade darauf hoffen demnächst wieder zur Tagesordnung zurückkehren zu können.

    Mal ganz davon abgesehn, dass ein solch instabiles Land auch Israels Sicherheitsinteressen bedroht, kann die USA ein solches Szenario sicher nicht wollen.

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  • Serie Fünf vor 8:00
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Barack Obama | USA | EU-Außenminister | Putsch | Ägypten | Afghanistan
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