Ist es richtig oder falsch, Indianern Alkohol zu verkaufen? Nicht wenige Menschen würden diese Frage mit "falsch" beantworten. In den Indianer-Reservaten der USA ist Alkohol bekanntlich eine Plage, und deshalb haben viele Reservate den Konsum und Verkauf von Alkohol verboten. Dieses Verbot bevormundet zwar erwachsene Menschen, aber wir finden es trotzdem gut – und sogar politisch korrekt – um die Indianer zu schützen.

Ganz anders, wenn es um die Legalisierung bestimmter Drogen wie Marihuana geht: Das gilt inzwischen als fortschrittlich, aufgeklärt.

Die politische Korrektheit misst also mit zweierlei Maß: Drogen für Weiße gut, Alkohol für Indianer schlecht.

Dieser Widerspruch ist in den vergangenen Wochen auf faszinierende Weise in zwei voneinander unabhängigen politischen Entscheidungen zu Tage getreten: Die amerikanische Regierung hat den ersten Schritt getan, den War on Drugs zu beenden, und gleichzeitig hat eines der größten Indianerreservate der USA das Alkoholverbot gekippt.

Die Pine Ridge Reservation in den berühmten Badlands von South Dakota ist eine der ärmsten Regionen Amerikas: Hier herrscht eine Arbeitslosigkeit von bis zu 80 Prozent, und fast die Hälfte aller Einwohner lebt unter der Armutsgrenze.

Pine Ridge und Washington

Der Verkauf und Konsum von Alkohol im Reservat war bisher zwar verboten, aber das Verbot war ein Witz, denn Alkohol war nur ein paar Kilometer weiter, außerhalb des Reservats, leicht zu bekommen. Deshalb ist Alkohol immer noch eine Plage: Geschätzte 90 Prozent aller Straftaten in den Reservaten hängen mit Alkohol zusammen, und die Polizei verbringt ungleich mehr Zeit damit, Biertrinker zu jagen als echte Kriminelle. Und vor allem das soll sich jetzt ändern: Letzte Woche hat der Oglala-Stamm in Pine Ridge mit knapper Mehrheit ernüchtert entschieden, die Prohibition im Reservat zu beenden.

Damit soll die Polizei entlastet, aber auch das viele Geld, welches für Alkohol jenseits der Grenze ausgegeben wird, soll im Reservat bleiben: Das benachbarte Örtchen Whiteclay in Nebraska hat 14 Einwohner, dafür vier Alkoholläden, die im Jahr fast fünf Millionen Dosen Bier an Indianer verkaufen. Bis jetzt haben sich die Weißen an der Alkoholkrankheit der Indianer dumm und dämlich verdient, nun sollen die Indianer selber daran verdienen.

Was in Pine Ridge im Kleinen passiert, spielt sich gerade in den übrigen USA im Großen ab: Letzte Woche hat der Generalbundesanwalt Eric Holder bekanntgegeben, dass die Bundesregierung kleinere Drogenvergehen nicht mehr verfolgen wird. Zwar gab es bisher keine Gesetzesänderung, dennoch hat die Regierung damit eingestanden, dass der "Krieg gegen Drogen" in vielerlei Hinsicht schädlicher ist als die Drogen selbst.

Es handelt sich vor allem um eine Korrektur der bundesweiten Antidrogengesetze, die unter Ronald Reagan in den 1980ern eingeführt wurden. Reagan hielt es für möglich, Drogen ganz aus Amerika zu vertreiben, wenn man nur rabiat genug dagegen vorgeht. So wurden hohe Mindeststrafen für den Besitz auch eher harmloser Drogen wie Marihuana eingeführt: Wer mit einem Joint erwischt wurde, konnte mit zehn Jahren hinter Gittern rechnen.