Kolumne Wir AmisEndlich ungestraft Bier trinken und Gras rauchen

Alkohol im Indianerreservat, Marihuana auf der Straße: In den USA vollzieht sich ein Mentalitätswandel. Obama ist dabei, die Reagan-Ära zu beenden. von 

Proteste in Washington, DC gegen die Antidrogenpolitik

Proteste in Washington, DC gegen die Antidrogenpolitik   |  © Alex Wong/Getty Images

Ist es richtig oder falsch, Indianern Alkohol zu verkaufen? Nicht wenige Menschen würden diese Frage mit "falsch" beantworten. In den Indianer-Reservaten der USA ist Alkohol bekanntlich eine Plage, und deshalb haben viele Reservate den Konsum und Verkauf von Alkohol verboten. Dieses Verbot bevormundet zwar erwachsene Menschen, aber wir finden es trotzdem gut – und sogar politisch korrekt – um die Indianer zu schützen.

Ganz anders, wenn es um die Legalisierung bestimmter Drogen wie Marihuana geht: Das gilt inzwischen als fortschrittlich, aufgeklärt.

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Die politische Korrektheit misst also mit zweierlei Maß: Drogen für Weiße gut, Alkohol für Indianer schlecht.

Dieser Widerspruch ist in den vergangenen Wochen auf faszinierende Weise in zwei voneinander unabhängigen politischen Entscheidungen zu Tage getreten: Die amerikanische Regierung hat den ersten Schritt getan, den War on Drugs zu beenden, und gleichzeitig hat eines der größten Indianerreservate der USA das Alkoholverbot gekippt.

Die Pine Ridge Reservation in den berühmten Badlands von South Dakota ist eine der ärmsten Regionen Amerikas: Hier herrscht eine Arbeitslosigkeit von bis zu 80 Prozent, und fast die Hälfte aller Einwohner lebt unter der Armutsgrenze.

Pine Ridge und Washington

Der Verkauf und Konsum von Alkohol im Reservat war bisher zwar verboten, aber das Verbot war ein Witz, denn Alkohol war nur ein paar Kilometer weiter, außerhalb des Reservats, leicht zu bekommen. Deshalb ist Alkohol immer noch eine Plage: Geschätzte 90 Prozent aller Straftaten in den Reservaten hängen mit Alkohol zusammen, und die Polizei verbringt ungleich mehr Zeit damit, Biertrinker zu jagen als echte Kriminelle. Und vor allem das soll sich jetzt ändern: Letzte Woche hat der Oglala-Stamm in Pine Ridge mit knapper Mehrheit ernüchtert entschieden, die Prohibition im Reservat zu beenden.

Damit soll die Polizei entlastet, aber auch das viele Geld, welches für Alkohol jenseits der Grenze ausgegeben wird, soll im Reservat bleiben: Das benachbarte Örtchen Whiteclay in Nebraska hat 14 Einwohner, dafür vier Alkoholläden, die im Jahr fast fünf Millionen Dosen Bier an Indianer verkaufen. Bis jetzt haben sich die Weißen an der Alkoholkrankheit der Indianer dumm und dämlich verdient, nun sollen die Indianer selber daran verdienen.

Was in Pine Ridge im Kleinen passiert, spielt sich gerade in den übrigen USA im Großen ab: Letzte Woche hat der Generalbundesanwalt Eric Holder bekanntgegeben, dass die Bundesregierung kleinere Drogenvergehen nicht mehr verfolgen wird. Zwar gab es bisher keine Gesetzesänderung, dennoch hat die Regierung damit eingestanden, dass der "Krieg gegen Drogen" in vielerlei Hinsicht schädlicher ist als die Drogen selbst.

Es handelt sich vor allem um eine Korrektur der bundesweiten Antidrogengesetze, die unter Ronald Reagan in den 1980ern eingeführt wurden. Reagan hielt es für möglich, Drogen ganz aus Amerika zu vertreiben, wenn man nur rabiat genug dagegen vorgeht. So wurden hohe Mindeststrafen für den Besitz auch eher harmloser Drogen wie Marihuana eingeführt: Wer mit einem Joint erwischt wurde, konnte mit zehn Jahren hinter Gittern rechnen.

Leserkommentare
  1. aber es ist mal eine andere Richtung und auch die Indianer können nun am eigenen Suffelend mitverdienen

    Find ich auch ein echt beachtliches Verdienst Obamas, wusste nur nicht, dass die Latte jetzt schon so tief liegt und er damit auch noch der erste etwas liberalere Präsident seit Reagan sein soll.

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    Wo haben Sie denn das her?

  2. Anstatt Krieg gegen Drogen.

    Wahrscheinlich wurde das Verbot von Drogen hinsichtlich sozialer Strukturen geschaffen, um die schwarze und hispanische Minderheit in den USA 'im Griff' und eine Handhabe gegen sie zu haben.

    Beispielhaft dafür ist die unterschiedliche Strafzumessung für Kokain und Crack. Crackbesitz wurde mit einer Mindesstrafe von 5 Jahren geahndet, während bei Kokain das 100-fache der gefundenen Menge vorliegen muss, um eine ähnlich drakonische Strafe zu erzielen. (http://en.wikipedia.org/w...) Zur Information: Crack besteht aus Kokain mit Backpulver. Da Backpulver wesentlich günstiger ist als Kokain, ist Crack insbesondere in ärmeren Gegenden anzutreffen.

    Da die USA prozentual die meisten Gefägnisinsassen der Welt haben (~2% der Bevölkerung) und davon die Hälfte wegen Drogendelikte inhaftiert ist UND Gefägnisse privatisiert sind, ergibt sich daraus eine Gefägnisindustrie, die nach immer mehr 'Menschenmaterial' fordert, das durch die Anwendung der Drogengesetze bei einer opferlosen "Straftat" zum Zuge kommt.

    Die Kriminalisierung der Drogen führt zwangsläufig zur Gewalt. Die Alkoholprohibition in den frühen 30ern haben gezeigt, wie mafiöse Strukturen durch den Verbot einer Droge entstehen. Durch die Kriminalisierung ergibt sich beim Handel eine Spannung, die oftmals in Gewalt umschlägt. Ein kontrollierter Handel würde das verhindern.

    Die Opfer der Kriminalisierung gibt nicht nur in den USA, sondern insbesondere in Südamerika.

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    • MrWho
    • 22. August 2013 19:16 Uhr

    Vorbestrafte werden in vielen Staaten vom Wahlrecht ausgeschlossen. Und wenn dies vor allem Schwarze und Latinos und andere sozial Schwache sind wegen eigentlich geringfügiger Drogendelikte... reicht es in Florida demnächst vielleicht für Bush III.

    ...dürfte die unterschiedliche Gewichtung von Crack und Kokain nur eine untergeordnete Rolle spielen hinsichtlich ethnischer Diskriminierung, schließlich sind es auch bei Kokain nur 17% weiße Konsumenten, im Gegensatz zu 10% bei Crack. Es landen also so oder die Schwarzen (Crack) oder Latinos (Kokain) im Knast.

    Könnte auch daran liegen, dass Crack den user deutlich schneller zugrunderichtet.
    Aber daran kanns wohl nicht liegen, dann wärs ja kein Rassismus mehr.

    So wie einst die deutschen Soldaten im 2. Weltkrieg mit Amphetaminen für den Kampf aufgeputscht wurden, so werden auch heute noch amerikanische Soldaten damit gedopt, wenn sie es wünschen. Damit bleiben sie nicht nur wach, sondern sind auch besonders "trigger happy"... Dem mag dann schon die eine oder andere afghanische Hochzeitsgesellschaft zum Opfer fallen.

    Aber vielleicht werden sie in Zukunft ja kiffen dürfen... Dann würde Krieg auf Drogen ganz anders ausfallen.

    Diese Kolumne allerdings besaß ja schon in der Vergangenheit eher surreale Qualitäten. Mal sehen, wie sich das nun entwickelt...

  3. >>Nur nebenbei: Das ist der Verdienst Obamas.<<

    Nanu! Verdient Obama am Bierverkauf im Indianerreservat mit? Oder müsste es nicht besser "das" Verdienst heißen? Sei's drum. Mr. Hansen studierte "Deutsche Literatur des Mittelalters", er wird schon wissen, was richtig ist.

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    Inhalt des Artikels ist egal, hauptsache die Grammatik stimmt!

    Hier geht es - entgegen "Peerchen" - sehr wohl um den Inhalt:

    Erstens ist die Feststellung natürlich korrekt, dass Form und Inhalt ineinander greifen und sich keineswegs haarscharf trennen lassen.

    Zweitens geht es ja GERADE im konkreten Fall um den Inhalt:

    BEIDE Artikel (DER / DAS Verdienst) sind grammatikalisch KORREKT.

    Die Verwendung des Artikels hängt bei "Verdienst" von der BEDEUTUNG - also dem, was inhaltlich gemeint ist!! - ab, die der Autor dem Wort geben möchte.

    Und nach dem Text-Zusammenhang hat hier "der Verdienst" eindeutig nichts verloren.

    Danke für den Hinweis!

  4. Inhalt des Artikels ist egal, hauptsache die Grammatik stimmt!

    8 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Der oder das Vedienst?"
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    >>Womit wieder geklärt ist, was zählt:
    Inhalt des Artikels ist egal, hauptsache die Grammatik stimmt!<< Zitatende

    Naja, es gibt halt eine Form-Inhalt-Relation. Der Inhalt gewinnt, wenn auch die Form stimmt. Deshalb lässt sich beides nicht so scharfsinnig trennen, wie von Ihnen praktiziert.

    • Karl63
    • 22. August 2013 18:24 Uhr

    Ich meine mich noch daran zu erinnern, als das öffentlich-rechtliche einmal eine Dokumentation über sein Leben ausgestrahlt hat, ist er selbst darin mit dem Worten zitiert worden, er habe sich von Hollywood abgewandt, weil seine einzigen Freunde dort seien "Koks-Dealer" gewesen.
    Als vor geraumer Zeit auf ARTE die Dokumentation "War on Drugs" ausgestrahlt wurde, zeigte diese der Ursprung dessen lag noch in der Präsidentschaft von Richard Nixon - mag sein Ronald Reagan hat dann eine Dekade später diverse Gesetze verschärft. Obwohl diese Dokumentation sicherlich kein umfassendes Bild der Problematik zeigen kann, liegt der Schluss nahe, die drakonischen Strafen für Besitz und Handel mit Drogen trafen bislang ganz besonders jene US-Amerikaner, die sowieso nicht auf der "Sonnenseite" des Lebens stehen. Die "Reichen und Schönen" werden für solche Vergehen offensichtlich deutlich seltener belangt (s. oben).

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  5. Wo haben Sie denn das her?

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  6. ... hier liegt Mr. President glücklicherweise mal wieder richtig.

    Es war aber wohl auch in den letzten Monaten zu keinem Zeitpunkt so, dass man hierzulande irgendeine Sehnsucht nach den "viable options" der Alternativen, die sich auf dem amerikanischen Polit-Markt so anbieten, entwickelt hätte...

    • xila
    • 22. August 2013 19:11 Uhr

    Wie lange dauert der "War on Drugs" jetzt schon? 40 Jahre plus x. Und er hat gar nichts besser gemacht, nur vieles schlimmer. Aber ich tippe darauf, daß Obama diese zaghaften ersten Schritte nicht ganz freiwillig und aus Einsicht macht, sondern aus schierem Geldmangel.

    Mal sehen, wann den Amis das Geld für den "War on Tobacco" auch ausgeht. Ich hoffe doch, das dauert keine vierzig Jahre.

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