Syrien-InterventionObama war vorschnell

Für ihre Militäraktion in Syrien brauchen die USA eine Koalition der Willigen. Der Rückzug der Briten zeigt: Präsident Obama war sich zu sicher, dass sie bereits steht. von 

US-Präsident Barack Obama

US-Präsident Barack Obama  |  © Win McNamee/Getty Images

Man kann es ganz einfach sehen: Militärisch ist die britische Absage für einen Angriff in Syrien zu vernachlässigen. Das Problem ist eher ein strategisches als eines, das an Fähigkeiten und Ressourcen scheitern würde, die zur Verfügung stehen. Die bevorstehende, sehr begrenzte Aktion könnten die Amerikaner gut auch allein bewerkstelligen.

Denn das erklärte Ziel von US-Präsident Barack Obama ist, sich in den syrischen Bürgerkrieg nicht hineinziehen zu lassen. Nur deshalb hat es nicht schon längst eine Intervention gegeben. Er macht sich keine Illusionen darüber, die Lage in dem Konflikt entscheidend verändern zu können. "Die Vorstellung, dass die USA dieses konfessionelle, komplexe Problem innerhalb Syriens irgendwie lösen könnten, ist manchmal übertrieben", sagte er kürzlich in einem CNN-Interview.

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Der Angriff soll weder direkt das Assad-Regime stürzen, noch die militärische Balance im Land derart verändern, dass – womöglich islamistische – Rebellengruppen die Oberhand gewinnen. Das liegt nicht im Interesse der USA. "Sehr limitiert" wollen sie deshalb vorgehen. Eine Intervention, die deutlich macht: Der Einsatz von Chemiewaffen wird bestraft, die Drohung mit der "roten Linie" war kein hohles Geschwätz. Ein, zwei Tage könnte das im Idealfall dauern, während der vor allem Cruise-Missiles – und das ist die größte Aufgabe – klug gewählte Ziele zerstören, ohne die Verhältnisse in Syrien zu beeinflussen.

Nicht gegen internationalen Widerstand

Ein solch begrenztes Vorgehen kann letztlich kaum mehr zum Zweck haben, als das Gesicht der USA zu wahren. Deshalb ist die britische Absage gleichwohl von großer Bedeutung.

Denn die größte Sorge der Amerikaner muss sein, dass ein möglicher Angriff eben nicht als einsame Entscheidung begriffen wird, die sie gegen den Widerstand der internationalen Gemeinschaft treffen. Allein dass er angesichts der Haltungen Russlands und Chinas mit keinem Mandat des UN-Sicherheitsrats versehen wäre, stellt schon die Legitimität infrage. Deshalb kann Obama keinen Alleingang wollen, die amerikanische Bevölkerung stemmt sich ohnehin gegen eine Intervention.

Befürworter des Einsatzes wie Frankreich betonen, wie wichtig es sei, grundlegende internationale Regeln zu schützen – also in diesem Fall dem Einsatz chemischer Waffen mit einer definitiven Antwort zu begegnen. Am Ende entscheiden sich die Glaubwürdigkeit und der Einfluss der USA aber eben nicht nur an dieser Frage. Sie brauchen eine tragfähige Koalition, die den Angriff nicht nur duldet, sondern ihm durch eine zur Not symbolische Beteiligung Legitimität verschafft. Nur dann hätten die Amerikaner strategisch etwas gewonnen. Der bestmögliche Fall wäre ein Nato-Beschluss.

Die Absage Großbritanniens ist insofern ein schwerer Rückschlag für Obama. Zu sehr hat er sich darauf verlassen, dass der traditionelle Verbündete der USA die Intervention abnickt. Zu sehr hat seine Regierung in den vergangenen Tagen den Eindruck erweckt, die "Koalition der Willigen" sei längst geschmiedet und der Einsatz stehe bereits kurz bevor. Diese Eile war ein Fehler dieses sonst so vorsichtigen Präsidenten.    

Die Briten sind raus. Jetzt wird Obama andere potenzielle Partner überzeugen müssen. Leicht wird es nicht werden, Unterstützer zu finden, die sich auf ein Vorhaben mit ungewissem Ausgang einlassen. Doch gleichwohl ist klar: Eine Antwort auf die Verletzung seiner "roten Linie" wird Obama geben müssen.

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Leserkommentare
  1. Insoweit es geschehen mag, dass eine lediglich symbolische Behandlung dieses Tabubruchs sich auch in tatsächlichen Enthemmungen beim Gebrauch von Massenvernichtungswaffen niederschlägt ...

    wäre das nicht die allerschlechteste Idee zur Begleitung eines US-Rückzuges aus einer Ordnungsrolle, die halt mehrheitlich nicht mehr erwünscht ist.

    "Denn die größte Sorge der Amerikaner muss sein, dass ein möglicher Angriff eben nicht als einsame Entscheidung begriffen wird, die sie gegen den Widerstand der internationalen Gemeinschaft treffen"

    "Splendid Isolation" könnte - im Kontext künftiger unerfreulicher Entwicklungen - sich hier als eine Auszeichnung der amerikanischen Haltung erweisen.

    Als ein bitteres: Told you so.

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    • Moika
    • 30. August 2013 20:24 Uhr

    Welches Gesicht gilt es noch zu bewahren? Das Vietnam-Gesicht? Das Irak-Gesicht? Oder das Gesicht der vielen subtilen "Schweinereien" in Chile, San Salvador, Guatemala usw.usw.?

    Ich hatte nach "george-dabbelju" ernsthaft gehofft, mit Obama käme ein neuer Typ Präsident an die Macht, der sich ehrlich und wahrhaftig um die wirklichen Probleme unserer Zeit kümmern würde - zumindest aber die Wege dahin öffnen könnte. Ich bin von keinem Politiker so enttäuscht worden, wie von Obama.

    Gut, er hat die Health-Care reformiert, aber das war auch gleichzeitig eine Gabe an sein Wählerklientel. Und sonst? Er hat weder moralisch noch wirtschaftlich etwas bewegt und nur agiert, wo es so viele Möglichkeiten der Reaktion gab. Er hätte vielleicht das Zeug gehabt, das auseinanderfallen der Gesellschaft zumindest zu verlangsamen - alles vertan.

    Wenn er einmal abtritt wird nicht viel mehr bleiben als die für die Zukunft verherenden Auswirkungen durch die jahrelangen Flutungen der Finanzmärkte und die Fortsetzung der katastrophalen Außenpolitik nach Bush.

    Sein Bravourstück dürfte allerdings die "rote Linie" in Syrien sein. Cameron steht mit "seinen Truppen" nicht mehr zur Verfügung, eigentlich nur noch Hollande, der mit diesem Waffengängchen von seinen diversen innenpolitischen Problemen etwas ablenken möchte. Die ganze Dramaturgie hat schon etwas von Don Quichotte an sich.

    Orientierungsloses Amerika, arme Welt.

  2. Die moralische Entscheidung beruht auf den Gerechtigkeitsinstinkt eines Menschen. Versucht man eine logische Entscheidung zu treffen, wird man seine Werte verkaufen müssen. Da zählt nur noch die Vorteile. Ist ein Giftgasangriff böse, dann muss sofort gehandelt werden. Will man in der Boshaftigkeit Vorteile suchen, dann ist die Entscheidung nicht mehr authentisch und somit unnötig. Die Gerechtigkeit kann sowieso nicht hergestellt werden. Auch wenn die Verantwortlichen vor dem westlichen Richter stehen. Denn welche strafe hat EINE Person verdiehnt, dass ZWEITAUSEND Menschen vergast. Logisch nicht zu beantworten. [...]

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine angemessene Wortwahl. Danke, die Redaktion/jk

    • europat
    • 30. August 2013 18:00 Uhr

    ZEIT: "Doch gleichwohl ist klar: Eine Antwort auf die Verletzung seiner "roten Linie" wird Obama geben müssen."

    Da droht jemand das Rote Linie definierende Gesicht zu verlieren. Und das darf auf keinen Fall passieren, egal wie viele zig tausend Menschen dabei drauf gehen und ins Elend gestürzt werden.

    Bleibt nur ein Wort: Widerlich

    16 Leserempfehlungen
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    Sie schreiben mir aus der Seele! Ich bin völlig ihrr Meinung,wie lange soll dem Elend noch zugesehen werden?Mittlerweile ist eine ganze Generation in Mitleidenschaft gezogen.Wieviele Kinder sollen noch traumatisiert werden ,gefoltert ,umgebracht oder zur Flucht gezwungen werden? Wer stellt sich,ausser Frankreich,entlich seiner Verantwortung?

    • JimNetz
    • 30. August 2013 18:02 Uhr

    statt dem, was man vorher geblasen hat. Ich bin der Ansicht, daß die Drohung alleine bereits ausreicht, Assad vom weiteren Einsatz von Chemiewaffen abzuhalten.

    Um ein Gesicht zu wahren, braucht es keinen Raketenangriff, denke ich.

    3 Leserempfehlungen
  3. Aber das heißt bei den USA ja leider meistens, dass man die Dinge abschafft oder einschränkt, die zu so einer Blamage geführt haben. Also Demokratie in diesem Fall.
    Fun times await us!

    Eine Leserempfehlung
  4. Gerade hiess es noch: "DREIMAL KRIEG"

    http://www.zeit.de/2013/3...

    Darf man die obige Headline nun als ganzheitlichen Rohrkrepierer der Imperialisten und Ihren Sprachorgane interpretieren?

    2 Leserempfehlungen
  5. Es sollen die Russen aus Syrien vertrieben werden. Es handelt sich um einen Rückfall in den Kalten Krieg. Die Obama-Administration benötigt offenbar das alte Feindbild Russland. Und wenn Obama nach Verbündeten Ausschau halten sollte, unter den arabischen Nationen und in der Türkei wird er sie schon finden. Uns Europäer geht das alles gar nichts an.

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    • jagu
    • 30. August 2013 18:56 Uhr

    Man muss davon ausgehen, dass sich Assad mitder russischen Abwehr wehrt und daraus dann ein Kriegsgrund gebastelt wird.

    Es geht nicht um Giftgas (Atom, Uran, Chemie haben die USA selbst immer gerne und auch in letzter Zeit ungestraft gegen Soldaten und Zivile eingesetzt), es geht wie bei vielen Aktionen der Vergangenheit darum, den kalten Krieg mit den Russen wieder zu entfachen, weil die US-Wirtschaft ohne Krieg viel zu unproduktiv wäre.

    Und das Geschäft blüht, die steigenden Ölpreise spülen schon jetzt auch unsere Euros in US-Kassen.

    Uns Europäer geht das sehr wohl etwas an, gerade uns Deutsche, weil wir Assad nämlich Giftgasanlagen geliefert haben. Wenn Assad es also war (und das ist ja immer noch nicht bewiesen, obschon die Zeit, Zeit Online und andere sogenannte Qualitätsmedien das seit Tagen permanent behaupten, ohne Indizien oder gar Beweise vorzulegen), dann dürfen wir davon ausgehen, dass wir direkt mitschuldig sind an diesem Chemiewaffeneinsatz.

    Wir hätten als Europäer aber unabhängig von der Frage, wer Giftgas eingesetzt hat, die Verantwortung, Flüchtlinge aufzunehmen und die Nachbarländer bei der Aufnahme von Flüchtlingen zu unterstützen. Da sind Millionen von Menschen auf der Flucht. Wenn sich Europa vor dieser Verantwortung drückt, dann hat Europa endgültig fertig.

    In Zukunft bestünde unsere Verantwortung darin, Exporte von Rüstungs- und Überwachungstechnologie an nichtdemokratische Staaten zu unterbinden und zwar komplett. Und insgesamt das Goutiern von und die Zusammenarbeit mit Diktatoren einzustellen. INklusive jeglicher Handelsbeziehungen.

  6. ..was diese militärische Intervention bringen soll? Was bringt es, Syrien ein paar Tage lang kaputtzubomben? Außer weiteren Toten, versteht sich?

    Soweit ich das verstanden habe, sollen ja nicht mal Anlagen bombardiert werden, in denen das Gas hergestellt wird. Und die syrische Armee wird mittlerweile ihr Gerät auch entsprechend verlagert haben, es dürften also nur ein paar Fabriken getroffen werden. Und dann? Geht das Gemetzel da unten doch weiter, bestenfalls mit konventionellen Waffen. Schlimmstenfalls wird sich Assad sagen, jetzt erst Recht, wenn die eh schon bombardieren, kann ich auch Gas einsetzen..

    Dass weder die USA noch Russland, das ja gegen eine militärische Lösung ist (auch nicht aus humanitären Gründen, wie ja immer so gerne betont wird, sondern schlicht aus geostrategischen Gründen), an die Menschen dort denken, ist klar. Aber was bringts den USA? Ist Obama nach Vietnam ein weiterer US-Präsident, der den Angriffsbefehl gibt, bloß um das Gesicht zu wahren?

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    • nebbia
    • 31. August 2013 12:41 Uhr

    ...vielleicht soll ja nur die syrische Luftabwehr ausgeschaltet werden? Dann wäre der ungestörte Weg nach Iran frei für israelische und amerikanische (und vermutlich dann auch britische) Bomber.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Barack Obama | USA | Bürgerkrieg | Drohung | Intervention | Konflikt
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