Fünf vor acht / Kolumne Fünf vor 8:00 : Westerwelle taucht wieder auf

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Cyber-Beauftragter, Geheimdienst-Abkommen und dann noch eine Ägypten-Reise. Will der Außenminister vor der Wahl etwa noch mal eben die Welt retten? Von Robert Leicht

Volle Sommersaison, und nur noch knapp sieben Wochen bis zur Bundestagswahl: Alle sogenannten und selbsternannten Spitzenpolitiker sind entweder auf Urlaubsreise oder aufgebrochen zu ihren Sommerreisen, auf denen sie die im Lande gebliebenen Bundesdeutschen in deren Ferienquartieren beehren. Ob das deren Urlaubsfreude und Erholung vom normalen Leben gut bekommt?

Ganz anders Außenminister Guido Westerwelle! Mit einem Mal tritt er wieder in Erscheinung. Als gehe es darum, in den letzten Wochen seiner Amtszeit doch noch die Welt zu retten. Oder liest er aus den derzeitigen Umfragewerten für die FDP heraus, dass seine Regierungsrolle noch längst nicht beendet ist, sodass es auch keinen Grund dafür gibt, die restlichen Wochen eher locker angehen zu lassen?

Jedenfalls hat er im Auswärtigen Amt, ohne spekulative Rücksicht auf einen möglichen Amtsnachfolger aus einer anderen Partei, einen "Cyber-Beauftragten" bestellt, ohne dass man erkennen könnte, was der bis zum Wahltag am 22. September noch groß ausrichten wird. Außer vielleicht, sich sein Büro einzurichten. 

Dass unterdessen ein Abkommen über geheimdienstliche Tätigkeiten unserer früheren Siegermächte auf bundesdeutschem Boden förmlich aufgehoben wurde, jedenfalls schon mit Unterschrift des amerikanischen und des britischen Botschafters, ist eine so aufregende Sache nicht, wenn es denn schon seit 1990 nicht mehr angewandt wurde. 

Aber die noch ausstehende Unterschrift des französischen Ambassadeurs – vielleicht wird die zum Ereignis der Woche, vor allem dann, wenn sie ausbleiben sollte?

Sodann hat Westerwelle Ägypten besucht, um dort zwischen den zerstrittenen Kräften des drohenden Bürgerkrieges zu vermitteln. Anders als die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton, die immerhin den gestürzten Präsidenten Mursi sehen konnte, freilich nicht erfuhr, wo, durfte unser Mann in Kairo Mursi nicht einmal sprechen. 

Weshalb man sich erst recht fragen darf, warum der deutsche Außenminister wenige Tage danach der EU-Außenbeauftragten aus noch schwächerer Position Konkurrenz machen musste. Was vermag er, was sie schon nicht kann?

Immerhin passt in diese Torschluss- oder Neuaufbruchs-Aktivität die zum Wochenanfang wohl nicht ohne Absicht lancierte Meldung, wonach Guido Westerwelle als Außenminister die Krone des "Reisekönigs" trägt, weil er mehr Dienstreisen pro Jahr absolvierte als seine Vorgänger Steinmeier und Kinkel. Zu Joschka Fischer seien allerdings ebenso wenig Zahlen vorrätig wie zu Hans-Dietrich Genscher.

Von dem allerdings behaupteten einst Lästerer seiner hektischen Aktivität, über dem Atlantik seien zwei Flugzeuge zusammengestoßen – und in beiden habe Genscher gesessen. Genschers eigene Erklärung dafür, dass er dennoch nicht abgestürzt sei: Es sei noch nie ein Meister vom Himmel gefallen …

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