Auch sie wurden von den sich überschlagenden Ereignissen in Washington überrascht. Noch in der Nacht zogen die Außenminister der Arabischen Liga ihre Dringlichkeitssitzung zu Syrien zwei Tage vor und trafen sich bereits am Sonntag in Kairo. Erst letzte Woche hatte der notorisch zerstrittene Staatenbund in seltener Einmütigkeit das Regime von Baschar al-Assad für die Giftgasangriffe "voll verantwortlich" gemacht und vom UN-Sicherheitsrat "abschreckende Maßnahmen" gefordert "gegen alle, die dieses widerliche Verbrechen mit international geächteten Waffen begangen haben".  

Wie diese Abschreckung jedoch aussehen soll, das ließen die Diplomaten auch am Sonntag offen. Darüber sind sich die 22 arabischen Nationen genauso uneins wie die übrige Welt. Einzig die Mitgliedschaft Syriens in dem arabischen Bündnis ist seit anderthalb Jahren suspendiert, den Platz von Damaskus nimmt vorübergehend der Exil-Dachverband der syrischen Opposition ein.

Im Blick auf mögliche westliche Militärschläge gegen Syrien verläuft im arabischen Lager die Bruchlinie zwischen den Golfstaaten und den nordafrikanischen Staaten an der Mittelmeerküste. Saudi-Arabien, Qatar und die Vereinigten Arabischen Emirate haben nur ein Ziel vor Augen – den Sturz von Assad. Das würde ihren regionalen Hauptkontrahenten Iran schwächen und dessen Einfluss auf die schiitischen Araber schmälern, so das strategische Kalkül.   

Und so wären die gekrönten Häupter am Golf mit Cruise Missiles der USA als Vergeltung für den Giftgaseinsatz durchaus einverstanden, auch wenn sie dies niemals fordern oder öffentlich gutheißen würden. Angesehen davon sind sie sowieso bei jeder amerikanischen Militäraktion mit von der Partie – wenn auch nur indirekt. In ihren Ländern befinden sich die wichtigsten US-Militärbasen des Nahen Ostens, die regionale US-Kommandozentrale Centcom in Doha, die Einsätze in zwanzig Länder des Nahen und Mittleren Ostens dirigieren kann, sowie der Marinestützpunkt der 5. US-Flotte in Bahrain.

Mittelmeer-Anrainer befürchten weitere Flüchtlingswellen

Die Mittelmeer-Anrainerstaaten hingegen, angefangen bei Marokko, über Algerien, Tunesien, Libyen und Ägypten bis zum Libanon und Jordanien, sind strikt gegen ein militärisches Eingreifen von außen. Syriens direkte Nachbarn Libanon, Jordanien und Irak fürchten weitere Flüchtlingswellen. Schon jetzt haben sich in diesen drei Staaten mehr als zwei Millionen Syrer vor dem Massenmorden in ihrer Heimat in Sicherheit gebracht.      

Besonders Ägypten, das unter der Herrschaft von Präsident Mohammed Mursi eher die aggressive saudische Syrienpolitik stützte, hat sich unter seiner neuen Führung auf die Seite der Warner und Bremser geschlagen. Die jetzigen Machthaber in Kairo verdächtigen die sunnitischen Islamisten in Syrien der ideologischen Komplizenschaft mit den entmachteten Muslimbrüdern am Nil, die inzwischen pauschal als Terroristen verunglimpft werden.    

Werde Assad gestürzt, käme wahrscheinlich in Syrien ein Regime an die Macht, das noch islamistischer ist als die gerade entmachtete ägyptische Regierung, argumentiert man im Kairoer Außenministerium. Und so beschlossen die ägyptischen Behörden vor sechs Wochen bereits plötzlich eine Visumpflicht, die den Flüchtlingsstrom aus Syrien stoppte. Gleichzeitig sehen sich die 200.000 Syrer, die es zuvor visumsfrei bis an den Nil geschafft hatten, als fünfte Kolonne der Muslimbrüder verdächtigt und schikaniert.

Widersprüchlich und zwiespältig

"Die arabischen Nationen sind schwach und völlig absorbiert von ihren eigenen Problemen. Manchen ist die Lage in Syrien auch ziemlich egal", sagt Abdelkhaleq Abdallah, Politikwissenschaftler an der Universität der Vereinigten Arabischen Emirate in Abu Dhabi. Nach seiner Einschätzung ist die Haltung der Araber widersprüchlich und zwiespältig.     

Einerseits seien die Menschen wütend auf die internationale Gemeinschaft, weil sie das syrische Volk im Stich gelassen habe. Andererseits wären sie total empört, sollte wieder ein arabisches Land ohne Autorisierung der Vereinten Nationen militärisch attackiert werden.

Denn vor allem durch das Desaster der US-Invasion in den Irak 2003 ist die emotionale Aversion in der arabischen Welt gegen jegliche Form westlicher Einmischung extrem groß, selbst wenn es dafür wichtige humanitäre Gründe gäbe. Wie Meinungsumfragen zeigen, begegnet die große Mehrheit der Menschen den Vereinigten Staaten mit abgrundtiefem Misstrauen. Deren Aktionen, so sind sie überzeugt, seien einzig vom eigenen Interesse oder vom Interesse Israels geleitet.     

Und so erließ Al-Azhar, die höchste sunnitische Lehranstalt der Region, am Sonntag in Kairo dann auch eine "kategorische Zurückweisung und Verurteilung der Entscheidung des amerikanischen Präsidenten, mit Militärschlägen Präsident Baschar al-Assad für den angeblichen Giftgasbeschuss zu bestrafen". Das wäre "ein Angriff gegen die gesamte arabische und islamische Welt", urteilte Al-Azhar.